Frisch und Fisch

Nahom soll in meinem Blog einen Platz haben. Ich habe ihn nicht gekannt, aber sein Tod hat uns berührt und beschäftigt. Ich möchte ab und zu an ihn erinnern. Viele Leute vergessen schnell, zu schnell. Das musste ich auch erfahren. Verständnis auf Zeit. Für ein paar Tage, ein paar Wochen, höchstens ein paar Monate. Dann ist Schluss. Verständnis auf Zeit. Als ob es etwas nützen oder helfen würde. Chronische Erkrankungen sind nicht auf Zeit.

Oder doch: auf Lebenszeit.

Es gibt gute Tage und schlechte Tage, es gibt schlechte Zeiten und gute Zeiten. Auch während der guten Zeiten ist nicht alles einfach “ganz normal”; auch während der schlechten Zeiten kann es viele schöne, glückliche und intensive Momente geben. Heute war eigentlich ein guter Tag, ausser dass ich sehr müde bin, weil ich wiederum kaum geschlafen habe. Meine Hausärztin ist aber zuversichtlich, dass der Körper es schaffen wird, ohne Kortison wieder zu einem mehr oder weniger regelmässigen Rhythmus zu finden. Einfach ist dies nicht; die Ärztin erzählte mir von einer Patientin, die nicht mehr ganz ohne Kortison leben kann. Eine unbehagliche Vorstellung…, auch weil ich noch längst nicht von allen Nebenwirkungen berichtet habe.

Die Nebennieren hören auf, körpereigenes Cortisol zu produzieren, weil es ja von aussen immer zugefügt wird. Wenn es wegfällt, können sie es nicht mehr. Ich bin jetzt in dem Stadium, wo sie wieder anfangen müssen, es selber zu tun. Das macht zusätzlich müde, und diese Müdigkeit ist durchdringender und lähmender als andere Arten von Müdigkeit, die ich kenne. Die Blutwerte sind gerade noch so, dass weitere Infusionen nicht notwendig sind. Darüber bin ich froh, stellen sie doch auch jedes Mal einen gewissen Eingriff dar.

Eigentlich wollte ich ja nichts Neues mehr über den Pseudo-Arzt schreiben. Heute Morgen riet mir jemand, ein Theaterstück daraus zu machen. An sich eine gute Idee, der Stoff gäbe eine pointenreiche Tragikomödie her. Ich weiss nur nicht, ob ich das kann. Es ist nicht so mein Ding. Jedenfalls ist mir doch noch etwas eingefallen, was ich loswerden möchte: Er stellte mir auch zu meinem zukünftigen Berufsleben eine seiner extraschlauen “Denken Sie …?”-Fragen. “Nein, Herr K., ich denke (!) nicht, dass ich in meinem Beruf weiterarbeiten werde, und wir denken (!), dass er ungeeignet ist, wenn jemand diese Erkrankungen hat. Ich denke es nicht nur, ich weiss es. Ich habe es erfahren, erlebt, erlitten, an Körper und Seele. Muss ich konkreter werden? Weil Sie nicht nur unvorbereitet und uninformiert waren, sondern auch empathielos sind?”

Ich musste dann nicht konkreter werden. Vielleicht hatte er Angst davor. Stattdessen wollte er wissen, was ich denn beruflich machen wolle. “Schreiben.” Darauf er: “Ah, Sie wollen also Schriftstellerin werden?” (ha, ha, wie witzig) “Ja genau, das will ich; mein Lieblingsautor und grosses Vorbild ist übrigens Max Frisch, und ich möchte in seine Fuss-Stapfen treten. Mein Name sei Gantenbein.

Nein, ich möchte für seriöse, kritische Zeitschriften arbeiten, zum Beispiel den “Beobachter”, den “K-Tip”, den “Gesundheitstip” oder “Espresso”. Kennen Sie diese? Sie berichten über Leute wie Sie. Wobei Sie ja noch ein kleiner Fisch sind, würde ich meinen. Ihre grossen Fisch-Kollegen sehen ja, um ein einziges Beispiel zu nennen, bei einem Mann, dem beide Beine amputiert werden mussten, nicht ein, warum er eine IV-Rente erhalten sollte. Solange Sie und Ihre Fisch-Kollegen keine entzündeten Organe und alle Beine, pardon Flossen, haben, ist die Welt doch in bester Ordnung.

Und übrigens: Mit Max Frisch verbindet mich mehr, als Sie wissen können. Er war sich nicht zu schade, Wahrheiten – ja, Wahrheiten, nicht: verschiedene Wahrnehmungen – aufzudecken und gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen. Und ich bin es mir auch nicht.”

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