(Kein) Drama

Wir wohnen in Eglisau, einer Gemeinde am Rhein und nahe der deutschen Grenze. Sehr schön zum Wohnen. Nur der Verkehr auf der Zürcherstrasse, von dem wir zum Glück nichts mitbekommen, ist ein rotes Tuch. Vorhin musste ich von der Zürcher auf die Schaffhauser Seite – so nennen wir die beiden durch den Rhein getrennten Seiten von Eglisau – und also in die Zürcherstrasse einbiegen. Ein schwieriges Unterfangen.

Ein wohlwollender Baden-Württemberger, wahrscheinlich auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, wollte mich einbiegen lassen und hielt an. Ich war aber in Gedanken bei dem Lied, das gerade lief, “In Dreams”, und merkte nicht, dass er mich hineinlassen wollte. Erst als er wild gestikulierend weiterfuhr, wurde ich auf ihn aufmerksam. Das war natürlich zu spät. Er tat mir fast ein wenig leid: schon wieder so eine träge Schweizerin!

Dass ich eigentlich gar nicht langsam bin und früher nie langsam war, kann er ja nicht wissen. Darum musste ich über den kleinen Zwischenfall einfach lachen. Das kann ja auch jedem und jeder passieren, oder es kann zur Persönlichkeit gehören. Aber zu meiner Persönlichkeit gehört es nicht, und ich habe in den letzten drei oder vier Jahren mehr vergessen, verloren oder verspätet erledigt als in den ganzen 40 Jahren zuvor. Es sind diese kleinen, wiederkehrenden Vorkommnisse, die mich auch immer wieder daran erinnern, dass nicht alles in bester Ordnung ist. Darum bin ich den Menschen, die wie einen Gegenpol dazu darstellen, eben besonders dankbar. Das sind oft auch wieder die kleinen Dinge. Ein Tennismatch mit Taieb, zum Beispiel.

Er kann zwar nicht wirklich Tennis spielen, ist aber ganz fasziniert und gibt alles. Gestern durfte er mit seinem Nachbarsfreund Yannik und dessen Vater auf den Tennisplatz. Zwei Tage lang hatte er sich darauf gefreut, und wir kehrten deswegen früher vom Zoo zurück. Später kam er freudig und stolz nach Hause und ging sogleich duschen. Das habe Dani, Yanniks Vater, ihm gesagt. Die beiden Tennisbälle, die er mitnehmen durfte, nahm er über Nacht ins Bett.

Heute bekam ich wieder einmal ein email, in dem es am Schluss hiess: “Weiterhin gute Besserung”. Danke! Wenn ehrlich gemeint, nehme ich diese Floskel sicher niemandem übel. Sie ist bei chronischen Erkrankungen zwar oft unangebracht, ehrlich gemeint aber trotzdem in Ordnung. Bei besagtem email weiss ich jedoch, dass es einfach so eine Floskel ohne Inhalt ist, von einer Person, die Verständnis auf Zeit aufbringen konnte, aber nicht durchblickt, was chronische Erkrankungen und deren Behandlungen alles mit sich bringen.

Dass ich mich seit Februar am Erholen sei, zum Beispiel. Echt? Was soll ich dazu noch sagen? Ich kann ja gar nicht erst anfangen zu erklären, warum das überhaupt nicht stimmt. Ich kann nur darüber lachen oder daran verzweifeln, je nachdem, wie es mir gerade geht. Meistens lache ich aber über solche falschen Annahmen. Das kann ich “nur”, weil ich weiss, dass ich nicht alleine bin und dass die Menschen, die den Durchblick haben oder mich wirklich kennen, hinter mir stehen. Auf diese Menschen bin ich angewiesen. Denn ich neige nicht zu Übertreibungen, im Gegenteil.

Ich hätte auch diesen Blog nie eröffnet, wenn nicht so viel Unwissen, Pseudowissen und Unverständnis vorhanden wären. Ich hätte geschwiegen und meine Geschichte für mich behalten. Ich bin keine Drama-Queen.

Aber irgendwann hat es gereicht, und irgendwann – nein, nicht irgendwann, ich erinnere mich genau, wann, wo und wer es war – hat mir jemand gesagt, ich solle halt mal ein bisschen übertreiben. Das hat gutgetan, und ich erzählte zum ersten Mal, dass mir eventuell eine grosse Operation bevorstehe. Aber das war nicht einmal übertrieben. Das war wahr. Und könnte jederzeit wieder wahr werden.

 

 

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