Superman and superwoman

Heute Morgen hatte ich einen Termin bei meinem Dermatologen. Die Form von Dermatitis, die ich habe, ist die autoimmune Form. Ich betone das gleich am Anfang, denn bei Hauterkrankungen ist das Pseudowissen der Allgemeinheit ja noch viel grösser als bei anderen Erkrankungen. Man hört dann Aussagen wie: “Du solltest weniger Schokolade essen.” Danke für den Tip, gut gemeint, aber leider am Ziel vorbei. Oder: “Die Haut ist der Spiegel der Seele.” Wenn es doch so einfach wäre…! Ist es aber nicht, bei weitem nicht. Der menschliche Körper, das Leben, die Welt sind viel komplexer.

Die Tendenz, Krankheiten zu psychologisieren, ist in Mode gekommen. Sie wird der (physiologischen) Komplexität vieler Krankheiten jedoch nie und nimmer gerecht, sie ist eine grobe Vereinfachung oder schlicht Verfälschung von Abläufen im Körper und dient letztlich dazu, kategorisieren und schubladisieren zu können. “Der Mensch neigt zu Vereinfachungen, er will klare und eindeutige Situationen. Alles, was komplex ist, ist meistens auch zu kompliziert und wird darum nicht gehört oder gesehen.” Das hat mir eine Person, die sich auf dem Gebiet sehr gut auskennt, erklärt, und ich erinnere mich manchmal daran. Das hilft.

Für die autoimmune Form von Dermatitis besteht – wie für alle Autoimmunerkrankungen – eine genetische Veranlagung. Dann braucht es einen Auslöser wie eine Infektion, eine Schwangerschaft oder ein anderes (oft hormonelles) Grossereignis, damit sie zum Ausbruch kommt. Bei mir war es die zweite Schwangerschaft. Gegen Ende der Schwangerschaft, zu Beginn des Jahres 2009. Bis zu den richtigen Diagnosen verging eine Odyssee von Unklarheiten und Unsicherheiten, guten Tagen und schlechten Tagen.

Zurück zum Dermatologen: Er ist ein Unikum. Ich kenne niemanden, der eine grössere Unordnung hat, in der er aber doch alles findet, und ich kenne niemanden, der mehr spricht und erklärt. Ich liebe das. Es ist interessant, es ist spannend, es hat Hand und Fuss. Er diskutiert mit mir lateinische und griechische Begriffe, und ich vergesse jedes Mal, dass ich aus weniger lustigen Gründen bei ihm bin. Wir lachen zusammen.

Heute muss irgendwo in seinem Besprechungszimmer eine Spinne sich verkrochen haben, und er griff vorsichtiger als sonst in eine seiner vielen Boxen mit hunderten von Schachteln. Da war mir dann gerade nicht mehr so nach Lachen… Dann erklärte er mir die neue Behandlung. Nichts Grosses, da wir die Sache seit zwei Jahren gut unter Kontrolle haben. Er sagte mir auch, was viele Leute falsch machen würden, weil sie denken, es sei eine gute Idee. Nämlich ein Medikament (sehr) hoch zu dosieren, statt mehrere mit ähnlicher Wirkung (viel) niedriger, um die jeweiligen Nebenwirkungen einzudämmen. “Ich weiss nicht, warum die Leute immer das Falsche denken.”, meinte er.

Ja, das weiss ich auch nicht… Ich nehme mich da auch gar nicht aus; ich denke sicher auch oft das Falsche. Aber ich gebe mir wenigstens Mühe, über Situationen und vor allem Menschen nicht zu urteilen, wenn ich viel zu wenig über sie weiss und mir der Erfahrungsschatz fehlt, insbesondere im gesundheitlichen Bereich. Und da sind wir wieder beim Denken: Richtige Ärzte stellen keine “Denken Sie, Sie hätten …?”-Fragen. Richtige Ärzte beantworten Fragen und sind für ihre Patienten und Patientinnen da. Der Dermatologe öffnete einmal seine Praxis für mich. Das war Ende September 2014. An einem Donnerstag, dem sogenannten Ärztesonntag. Er wollte den Tag nutzen, um in seiner Praxis aufzuräumen. 🙂 Ich klingelte um die Mittagszeit, er öffnete die Türe, sah, dass es dringend war, und liess mich hinein.

Was folgte, war eine Notfallbehandlung mit 100 mg Kortison (nicht 2,5 mg, Herr K.!) und weiteren Massnahmen. Er hatte sogar noch etwas zu essen für mich, da 100 mg Kortison auf leeren Magen nicht gerade gut verträglich sind. Dann gab er mir Anweisungen und Medikamente für die folgenden Tage, und ich ging wieder. Zurück an die Arbeit. So war meine Mittagspause verlaufen – und es war nicht die einzige in der Art. Das würde ich heute nicht mehr tun. Ich würde nach Hause fahren. Obwohl ich damals mit mehr Verständnis rechnen konnte, da man eben etwas sah, sogar viel sah: Die Haut wird innert kurzer Zeit rot und extrem trocken, Risse in der Haut und in den Lippen entstehen, und diese können schmerzhaft sein, vor allem beim Reden und beim Essen. Salatsauce brennt wie Feuer, und alles, was sonst irgendwie säuerlich schmeckt, wird unerträglich.

Nach der Notfallbehandlung sah es zwar nicht mehr ganz so schlimm aus, aber immer noch schlimm. Ich ging zurück. Ins Klassenzimmer. Vor 20 Jugendliche. Mein Arzt hatte gesagt, er habe in seiner ganzen Laufbahn selten einen so heftigen Ausbruch gesehen. Und er war damals schon über das Pensionsalter hinaus… Er hatte mich damals gerettet, und schon am nächsten Tag war alles viel besser. Am Wochenende rief er mich zweimal auf mein Handy an, um zu fragen, wie es mir gehe. Seither haben wir die Sache im Griff, eine gute Zusammenarbeit ist entstanden, eine Verbundenheit, eine Dankbarkeit.

Heute Morgen, wieder Ende September, kam mir alles in den Sinn. Als ich nach dem Besuch bei ihm die Salben in der Apotheke holte, erkannte die Apothekerin mich wieder und meinte: “Das sieht jetzt aber schön aus.” Sie erinnerte sich an alles; sie hatte mir damals, vor zwei Jahren, noch geholfen, das Gröbste abzudecken. Ja, es sieht jetzt wirklich schön aus. Und es ist ein anderes Leben so. Ich geniesse das jeden Tag. Diese Apothekerin ist eine äusserlich eher unscheinbare Frau mit wachen Augen, einem sehr wachen Geist und einem grossen Herzen. Das Wort “superwoman” ging mir durch den Kopf…, und dann die Zeile: “When superwoman begins to cry, something has to change.”

Und als ich nach Hause kam, waren die CDs da. Auf diese Zeile werde ich besonders achten. Der Kontext interessiert mich. Das Album trägt den Namen “A better world”. Die bessere Welt sollten wir nicht den Politikern überlassen. Wir können selber etwas dafür tun: nicht immer denken, wir wüssten Bescheid über andere, nicht immer werten, nicht immer urteilen. In dem Sinne wünsche ich mir nicht nur für unsere Kinder, sondern für alle Menschen eine bessere Welt.

 

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