Erholung, Ferien und Sabine

Am Nachmittag ging ich mit Naila auf den Friedhof zu Nahoms Grab. Wir stellten eine Kerze hin; Naila schaute die Fotos an und las die Briefe. Sie las alle laut vor; ich stand daneben und weinte wieder. Wie Taieb nahm auch sie einen kleinen, hübschen Gummiball mit und legte ihn vorne auf das Grab, neben denjenigen ihres Bruders. Dann merkten wir, dass wir die Streichhölzer vergessen hatten. Da der Kinderhort sich in unmittelbarer Nähe befindet, gingen wir dorthin und baten um Streichhölzer, die wir auch bekamen. Naila ging zum Friedhof zurück und zündete die Kerze an; ich kam ins Gespräch mit Sabine. – Ja, Sabine. 🙂

Ich kenne sie von früher her; unsere Kinder besuchten bis Ende Februar 2016 den Hort zweimal zum Mittagessen und an einem Nachmittag in der Woche. Sabine ist für mich auch eine wertvolle Person. Ich habe ihr einmal – ja, einmal – in einem Gespräch mit ihr und Flora ganz wenig über meine Erkrankungen erzählt. Es kam an. Ich spürte das sofort und war beiden so dankbar. Ich musste nicht viel, ich musste nicht lange erklären. Das will ich ja auch gar nie. Es kam einfach an – von Mensch zu Mensch.

Ich habe auch das Gegenteil erlebt: Fälle, wo es nicht darauf ankommt, ob man einmal, zehnmal oder zwanzigmal zu erklären versucht. Es bringt sowieso nichts. Leute, die keine Zeit für Erklärungen haben; Leute, die selbst völlig überlastet sind und keinen Raum für die Anliegen anderer Menschen (mehr) haben; Leute, die nicht hören wollen, was nicht in ihr (enges) Konzept passt, die so “verklemmt” sind, dass ihnen die Offenheit anderer Angst macht, und die damit nicht umgehen können; Leute, die ihre Bilder undifferenziert und unreflektiert aufbauen und falsche Urteile fällen.

Sabine ist anders. Zum Glück. Das Gespräch mit ihr zog sich in die Länge, ich habe es genossen, unter Bäumen im Sonnenschein. Der Tag wurde so von einem der eher schlechten Tage zu einem doch noch ganz guten. Schlecht eigentlich “nur” wegen der Müdigkeit. In der Nacht schlief ich ungefähr vier Stunden; das ist besser als zwei, aber erst die Hälfte von dem, was ich brauche. Ja, dieser letzte Schub war heftig, die letzte Behandlung war lange, und die Nachwehen werden mich wohl noch mehrere Wochen, wenn nicht Monate begleiten. Geduld habe ich schon und danke denjenigen, die sie mir zugestehen.

Ich erlebe auch das Gegenteil: Leute, die mir eine schwere Zeit noch schwerer machen. Sie sind eine Minderheit, aber verzeihen werde ich das nie können. Nicht: nicht wollen. Aber: nicht können. Ich bin mich nicht seit Februar am Erholen, sondern habe acht Monate intensiver Behandlungen hinter mir. Ich bin mich auch jetzt nicht am Erholen, sondern kämpfe gegen einen total durcheinandergekommenen Schlaf-/Wachrhythmus. Die Erholung beginnt, wenn alles gut geht, vielleicht im Dezember. Vielleicht auch erst im neuen Jahr.

Es gibt zudem Leute, die mir die Konzerte oder die Ferien missgönnen. Na ja, was soll ich da noch sagen oder schreiben? Die Konzerte sind wie Kortison: (über)lebenswichtig. Und Spitäler gibt es auch auf Malta und Kreta. Internisten, die Englisch können und ihr Fachgebiet verstehen, ebenfalls. Dass ich sie nicht brauchte, war mir auch recht. Ich schaue lieber den Kindern zu, wie sie unermüdlich ins Wasser springen und die Rutschen hinuntergleiten, wie sie mit grosser Hingabe beim Zumba-Kurs mitmachen und sich gegen Teenager im Wasservolleyball versuchen, wie ihre kleinen, von der Mittelmeersonne gebräunten Körper sich von den bunten Badetüchern abheben und sie genüsslich ein Eis nach dem anderen schlecken. Die für mich wichtigen Adressen und Telefonnummern habe ich aber immer dabei.

Naila ist wieder mit Pia und Holly, der Hündin, unterwegs. Abendspaziergang im Wald. Ich habe ihr vorhin ein kleines Geschenk für Pia mitgegeben, eine Quittenkonfitüre und Schokolade in Form eines Herbstdrachens. Das ist mir wichtig: Ich möchte meine Dankbarkeit zeigen; nicht nur nehmen, sondern auch geben. Hiermit auch ein herzlicher Dank für die persönlichen Nachrichten oder Kommentare: Bärbel, Jennifer, Margrit, Heidi, Rosi, Monika, Claudia, Andrea, Brigitte, Julie, … Diejenigen, die ich jetzt vergessen habe, werde ich ein anderes Mal nennen. Es ist keine Absicht, sondern mein durch Schlafentzug beeinträchtigtes Gedächtnis.

Vergessen hätte ich auch beinahe das Ausfüllen des Fragebogens zur externen Schulevaluation. Ich halte zwar nicht viel davon, das Kreuzchenverteilen ist ungenau. Wenn die Bildungsdirektion wirklich wissen wollte, was gut funktioniert und was nicht, müsste sie mit den Eltern persönliche Gespräche führen. Das wäre natürlich extrem aufwendig. Aber das Ankreuzen ist oberflächlich. Ich hätte oft gerne Ergänzungen und Vertiefungen angebracht. Sabine übrigens auch…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.