Un vaso de vino tinto

Der Optiker wird, nebst Brille und Sonnenbrille, noch einen dritten Auftrag erhalten: eine Taucherbrille! Meerwasser brennt sowieso in den Augen, aber wenn sie noch von einer Entzündung gereizt sind, noch mehr. Also schaute ich den anderen beim Schwimmen und vor allem Taieb beim Schnorcheln und Tauchen in der kleinen Bucht zu, was ich auch genoss. Vielleicht kann ich übermorgen mit ihm hineingehen und schwimmen. Naila kletterte mit Sanja von einem Felsen zum nächsten, und ich sah ihre dunklen, gelockten Haare in der hellblau-sandig schimmernden Luft fliegen. “Papas Tochter”, dachte ich für mich. Und Sanjas Grossmutter meinte zu Taieb: “Mamas Sohn.”

Das Weisse der Augen ist nach zweieinhalb Wochen wieder weiss; man sieht nichts mehr. Ich spüre die Entzündung aber noch, vor allem am späteren Abend, in der Nacht und am früheren Morgen. Die kortisonhaltigen Tropfen muss ich sowieso noch die ganze Woche lang nehmen und hoffe daher, dass auch das komische Gefühl in den Augen bald verschwindet. Das andere Medikament kann ich nun problemlos einnehmen; auf dem Tisch im Wohnzimmer stehen acht Flaschen Mineralwasser.

Am Abend bestellte ich ein Glas Rotwein an der Bar. Auf Spanisch. Ich bemerkte das Lächeln, das über das Gesicht des Kellners huschte, ganz schnell, aber für mich unverkennbar, denn ich bemerke es fast jedes Mal, wenn ich mich bemühe, meine Bestellung auf Spanisch aufzugeben oder ein kurzes Gespräch auf Spanisch zu führen. Am Abend unserer Ankunft beim Bestellen der Empanadas. Oder vor einem Jahr in Alicante, wo ich mit Taieb seinen verlorenen Schulfreund Luís besuchen ging – in Redován, eine Zugstunde und zehn Taximinuten von Alicante entfernt. Zum zweiten Mal. Bereits im Frühling letzten Jahres war ich mit ihm dorthin gereist, weil er nicht aufhörte, von Luís zu reden, und ihn vermisste. Er vermisst ihn immer noch. Er wird ihn noch lange vermissen. Mamas Sohn… Vielleicht reisen wir dann wieder einmal zusammen dorthin, in the middle of nowhere…

Ich sehe, wie die Spanier und Spanierinnen sich freuen, wenn ich mich um ihre Sprache bemühe. Ihre Geduld, bis ich einen Satz zusammengebaut habe, scheint grenzenlos zu sein… Es dauert nämlich wirklich lange. Verstehen ist etwas anderes; beim Zuhören verstehe ich einiges, beim Lesen verstehe ich viel. Latein sei Dank. Zudem belegte ich während meiner Studienzeit in Zürich einen zweisemestrigen Spanischkurs, der vorlesungsmässig aufgebaut war, weshalb das Sprechen viel zu kurz kam. Aber abgesehen davon war er super; der Professor ein Schweizer, so begeistert von der Sprache und vom Land und so lebendig und quirlig, dass eigentlich nur sein Name verriet, dass er kein Spanier war.

Ich erinnere mich gerne an die beiden Semester, wie auch an den Französischkurs, den ich mit meiner Freundin Nora zusammen besuchte. Das Niveau war natürlich viel höher als beim Spanischkurs, und wir waren die einzigen Sprachstudentinnen. Die anderen waren Naturwissenschaftler. Monsieur Duval hatte seine helle Freude an uns. Woran es lag, entzieht sich meiner Kenntnis; ich vermute, NUR an unseren beeindruckenden Französischkenntnissen. 😉

Es sind auch Erinnerungen wie diese, die mir in schwierigen Zeiten helfen, “alles” durchzustehen, nicht aufzugeben und an den Erfahrungen zu wachsen. Es sind Menschen wie Nora, die mir viel mehr bedeuten, als ich auszudrücken vermag. Menschen, die nicht neidisch sind; Menschen, die nicht urteilen, wenn ihnen jegliche Basis dafür fehlt; Menschen, die zuhören, aufnehmen und mich mit ihren eigenen Gedanken und Ansichten inspirieren.

Der Französischkurs ist bald einmal 20 Jahre her, und wir hätten wohl niemandem geglaubt, dass wir zehn Jahre später gleichzeitig schwanger sein würden. Hjalmar und Taieb sind zehn Tage auseinander und haben im Sommer zusammen in einem Zimmer übernachtet.

Heute Abend hatte ich besonders Glück mit dem Buffet; es gab nebst einer grossen Auswahl an weiteren Gerichten meine beiden Lieblingsgemüse: Auberginen und Blumenkohl. Mit Kartoffelgratin, Hamburger, Frischkäse, Mais, Salat, Oliven und vieles mehr: Ich bin froh, dass wir uns für das Buffet entschieden haben und es acht Abende lang sehr einfach ist, sich vielfältig und ausgewogen zu ernähren.

Meine Erkrankungen haben zwar – wie weitaus die meisten Autoimmunerkrankungen – mit der Ernährung nicht viel zu tun und lassen sich durch sie auch nicht stark beeinflussen. Aber wie gestern schon erwähnt, entzieht Kortison dem Körper gewisse Nährstoffe, was zu weiteren ernsthaften Störungen führen kann. Andererseits sollte ich, wie ebenfalls erwähnt, wenn bestimmte Organe entzündet sind, gewisse Nährstoffe meiden, um die betroffenen Organe nicht noch mehr zu belasten: zum Beispiel Eiweiss, wenn die Nieren betroffen sind. Dann wird es aber auch komplizierter mit der Kalzium-Versorgung. Oder Säure, wenn der Magen betroffen ist. Dann wird es komplizierter mit der Vitamin C-Versorgung. Die ohnehin schon vielschichtige und durchdringende Müdigkeit erhält durch Nährstoffmangel eine weitere Dimension, und Kalzium wäre wichtig wegen dem deutlich erhöhten Osteoporose-Risiko durch die Kortisontherapien. Eben: ein paar kleinere und grössere Teufelskreise…

Ich mache mir trotzdem keine grossen Sorgen deswegen, sondern geniesse lieber das Essen mit der Familie. Das Barfussgehen im warmen Sand. Das Klettballspielen mit Taieb. Nailas Tanzen auf der Bühne. Papas Tochter? Mamas Tochter! 🙂

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