Mnestisch

(Achtung: Dieser Text stammt vom letzten Jahr (30. Nov. 2016) und ist offenbar aus Versehen noch einmal veröffentlicht worden… :-))

Schon wieder Mittwoch… Ich wollte mich an die Abmachung mit Taieb halten und Schokolademousse zubereiten oder – weil wir von letzter Woche her von sämtlichen Zutaten genug übrig haben – noch einmal einen Schokoladekuchen mit ihm backen. Doch er hatte sich mit Linus verabredet und Linus sich mit ihm, sodass ich das Backen auf ein anderes Mal verschob. Ich finde es wichtig, dass Kinder miteinander abmachen und spielen können. Yannik war auch dabei, bis 16 Uhr auch Naila. Full house…

Ich habe das bunte Treiben der Kinder gerne, auch wenn es danach oft aussieht, als ob eine Bombe eingeschlagen hätte. Ich habe es gerne und kann es meistens geniessen. Meistens. Seit dem Kortison-Entzug, der mich mehr als die Krankheiten an den Rand meiner Kräfte gebracht hat und immer noch bringt, kann ich es manchmal nicht geniessen, sondern lasse es einfach zu. Das tut mir jeweils weh, weil ich weiss, wie schön es ist, wie sprühend und sprudelnd, und wie ich es geniessen könnte, wenn ich nicht so müde wäre, dass ich keine Option mehr habe, als auf das Bett zu liegen.

Im Bett war ich in den letzten drei Monaten öfter als in meinem ganzen bisherigen Leben – tagsüber, meine ich. Auch wenn es sich nicht um meinen ersten und auch nicht um meinen zweiten Kortison-Entzug handelt, war keiner auch nur annähernd so erschlagend wie dieser. Das ist angesichts der Länge und der Intensität der Behandlung auch nicht verwunderlich, aber schwierig.

Schwierig vor allem darum, weil ich keine Option habe. Es geht nicht darum, ob ich mich zusammennehmen will oder nicht – das würde ich nämlich immer wollen -; es geht darum, dass ich nicht anders kann. Heute habe ich den ganzen Morgen dagegen angekämpft und einiges erledigt, worüber ich natürlich froh war. Aber kurz vor Mittag ging es nicht mehr, und ich lag auf das Bett. Da war ich dann auch noch, als Naila heimkam, und da war ich nach dem Mittagessen – zum Glück hatten wir Reste von gestern Abend – wieder, als Taieb bei den Hausaufgaben Hilfe brauchte.

Das kommt einmal im Jahr vor, und das war also heute. Er kam zu mir ins Bett, und ich half ihm mit seinen Uhrzeiten und der digitalen Schreibweise. Er weiss, dass ich das grelle Licht nicht vertrage, und sagte gleich zu Beginn, ich solle die kleine Lampe anzünden. Ich half ihm bei seinen Aufgaben, und wir hatten es ganz gemütlich. Unten wartete bereits Yannik und gab sich vorübergehend mit Nailas Gesellschaft zufrieden. 🙂

Ja, tagsüber im Bett war ich in den letzten drei Monaten öfter als in meinem ganzen bisherigen Leben. Einmal kam mir die Kollegin, von der ich den Eindruck habe, sie würde Kranksein mit Bettlägerigkeit gleichsetzen, in den Sinn. Und mir kam auch in den Sinn, wie paradox diese Vorstellung gerade bei Kortisontherapien ist: Kortison putscht auf. Jedenfalls hat es mich sehr aufgeputscht – kein Wunder bei der Dosierung und der Dauer.

Äusserlich sah alles gut aus, und ich wirkte auf die Menschen wohl so, als ob ich viel Energie hätte. Äusserlich sah alles gut aus, innerlich nicht. Aber was hätte ich im Bett machen sollen? Schäfchen zählen wird irgendwann langweilig… Nein; hochdosiertes Prednison und Bett lassen sich schlecht vereinen, schliessen sich gegenseitig aus. Der Hammer kommt danach. Unerbittlich, absolut unerbittlich. Dann ist das Bett häufig die einzige Option.

Ins Bett ging ich auch gestern Nachmittag nach dem Besuch bei meiner Hausärztin. Als ich Herrn K.s Bericht in die Tasche steckte, fiel mein Blick auf die letzte Seite, auf der alleine schon mindestens drei Fehler sind. Inhaltliche Fehler, meine ich. Über die sprachlichen gibt es dann auch noch ein bisschen zu schreiben. Herr K. kennt nämlich den Dativ nicht. Ich dachte, der Dativ sei dem Genitiv sein Tod, aber bei Herrn K. war wohl der Nominativ dem Dativ sein Tod. Vielleicht der Tod aller anderen Fälle; wir werden sehen. Jedenfalls schreibt er regelmässig “mit den Kinder”. Was ich so alles mache “mit den Kinder”. Als ob das relevant wäre. Wann ich mit ihnen frühstücke, wohin ich mit ihnen in die Sommerferien fuhr. “Mit den Kinder”.

“Aber klar, ich nehme Sie ernst, Herr K., weil Sie Menschen fertig machen, aber keinen geraden Satz auf Deutsch schreiben können.” (Anmerkung: Herr K. ist kein Ausländer hier.) “Dafür kennen Sie ein griechisches Wort, von dem ich die Bedeutung nicht kannte. Das braucht schon was, aber Sie haben es geschafft. Ich habe es nachgeschaut und etwas durch Sie gelernt: “Mnestisch”. Das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit, die Konzentration betreffend. Sie haben – wie erwartet (!) – bei mir also keine mnestischen – tönt extrem klug, vor allem unmittelbar nach und vor Fallfehlern – Störungen festgestellt.”

“Nein, echt jetzt? In Ihren demütigenden und sinnlosen drei Stunden? Habe ich denn behauptet, ich hätte im Stunden- oder Minutentakt Gedächtnisstörungen? Sind Sie denn wirklich so blöd und meinen, das könne man in drei Stunden feststellen? Habe ich denn behauptet, mein Zustand sei – diesbezüglich – akut und bedrohlich? Nein; habe ich alles nicht. Ich habe lediglich die Veränderungen, die ich bei mir festgestellt hatte, und meine Befürchtungen geäussert. Aber bagatellisieren Sie nur alles; ich wünsche Ihnen trotzdem nicht, dass Sie einmal an Alzheimer erkranken.”

So, jetzt bin ich etwas abgeschweift, doch ich werde noch einiges aus diesem Bericht in meinen Blog einfliessen lassen. Für mich ein Stück Verarbeitung, für die Lesenden bemühe ich mich um unterhaltsame Darstellung. Dass ich jetzt schon wieder darüber lachen kann, ist hauptsächlich meiner Hausärztin zu verdanken. Als ich der Angestellten den Bericht übergeben wollte und ihn vorher zum Kopieren noch auseinandernahm, fiel mein Blick noch einmal auf vereinzelte Passagen, die vor allem etwas zeigen: Ein Nichtbetroffener schreibt über etwas, was er nicht kennt, was er nicht erlebt hat, von dem sein Körper und seine Seele nicht betroffen sind. Ich merkte, dass es mir bald zu viel werden könnte, und dann las ich den Satz, der zu viel war:

Ein Freund von mir leide an einer ähnlichen Erkrankung und ich hätte darum noch mehr Befürchtungen. Er hatte mich ausgequetscht, um mich nachher im Bericht zu entblössen. Mein Freund, der im Ausland lebte, leidet nicht an jener Krankheit. Nicht mehr. Er starb letztes Jahr. Das war zu viel, und ich fing an zu weinen. Am Empfang der Arztpraxis. Das ist mir nie passiert – in all den Jahren nie, in den schwierigsten Wochen und Monaten nie, vor Untersuchungen nie, beim Warten auf Resultate nie, nach Bekanntgabe von Diagnosen nie. Wenn ich gewusst hätte, dass es passieren würde, zum ersten Mal überhaupt passieren würde, wäre ich nicht hingefahren.

Eine der Praxisangestellten sagte sofort, dass ich bleiben und mit meiner Ärztin reden könne; die andere nahm mich in ein leeres Untersuchungszimmer, bot mir einen Stuhl an, brachte mir Wasser und versuchte, mich zu beruhigen. Sie blieb bei mir, bis meine Ärztin kam, mit der ich in ihr Zimmer gehen konnte. Sie nahm sich viel Zeit, obschon ich ja keinen Termin gehabt hatte und andere Leute im Wartezimmer sassen. Sie fing an, den Bericht zu lesen, war zuerst empört, dann entsetzt, und dann lachte sie. Sie lachte und sagte mir, warum. Sie erzählte mir noch einmal, wie Herr K. sich zwei Tage vor dem Verhör am Telefon benommen hatte:

“Warum haben Sie Frau E. krankgeschrieben?”

“Haben Sie die Diagnosen gesehen?”

Keine klare Antwort.

“Eben, darum habe ich sie krankgeschrieben.”

Sie sagte mir, dass sie mit solchen Typen schon gar nicht spreche. Und sie erzählte mir etwas von sich, als ihr einmal grosses Unrecht widerfahren war. Sie hätte einen grossen Rechtsstreit anfangen können, entschied sich aber dagegen und für ihr neues Leben in der Schweiz. Sie sagte mir, ich solle diesen Müll auch vergessen und meine Energie für mein neues Leben einsetzen. Beruflich – da, wo ich, wenn ich mich richtig erholt habe, mein Potential einsetzen, einbringen und ausschöpfen kann. Sie hat natürlich recht. So recht. Und trotzdem bin ich im Dilemma: Kann man so viel fachlichen und menschlichen Dilettantismus einfach so stehen lassen? Ich weiss es noch nicht. Morgen frage ich meinen Internisten, was er dazu meint.

Wie auch immer: Sie hat recht. Sie hat mich gerettet – ein zweites Mal. Körperlich bin ich schon ein paarmal zusammengebrochen, nervlich noch nie. Das hat Herr K. geschafft. Und sie hat mich zurückgeholt. Das Weinen stoppen und mich zum Lachen bringen können.

(Achtung: Dieser Text stammt vom letzten Jahr (30. Nov. 2016) und ist offenbar aus Versehen noch einmal veröffentlicht worden… :-))

 

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