Die Chancen des Lebens

Menschen vergessen schnell. Anschläge, Krieg, Erdbeben, Überschwemmungen, Unfälle… Nur die Betroffenen vergessen nie, und sie fürchten sich am meisten vor dem Vergessen der anderen. Ich erinnere mich, dass auch Victors Mutter das einmal geschrieben hat, und ich kann mich gut in sie einfühlen.

Ich glaube, dass ich das sowieso gekonnt hätte. Die eigenen Erfahrungen, wie schnell Unbetroffene vergessen und wie ohnmächtig, wie weit weg von denen, die vergessen können, ich mich jeweils fühl(t)e, haben dieses Einfühlungsvermögen jedoch verstärkt.

Ob ich diesen Unfall je werde vergessen können, bezweifle ich. Heute war der schlimmste Tag, seit ich gestürzt bin, und wenn es so weitergeht, werde ich morgen das Spital Bülach aufsuchen. Vielleicht müssen die Röntgenbilder noch einmal angeschaut werden; ich kann mir nicht vorstellen, woher solche Rückenschmerzen kommen sollten, wenn mit der Wirbelsäule alles in Ordnung ist.

Das Jahr 2016 liefert alles: einen Krankheitsschub, der die bisherigen sowohl von der Dauer als auch von der Heftigkeit her um ein Vielfaches übertrifft, Neben- und vor allem Nachwirkungen von Medikamenten in einem Ausmass, das ich mir nie hätte vorstellen können, und zum krönenden Abschluss einen Unfall, der zwar viel schlimmer, aber auch viel glimpflicher hätte ausgehen können.

Taieb und Naila erwachten um 1.30 Uhr in der Nacht und riefen hinunter, ob es schon fünf Uhr sei. Das Gleiche wiederholte sich eine Stunde später. Als es dann tatsächlich fünf Uhr war, schliefen sie tief, waren aber sofort auf den Beinen, da sie sich unbändig auf den Schulsilvester, wie wir den letzten Tag vor den Weihnachtsferien nennen, freuten. Um 6 Uhr mussten sie in der Schule sein; die älteren Kinder bereits um 5.30 Uhr. Jede Klasse hatte ihr Zimmer einem Thema gemäss in einen anderen Raum verwandelt: ein Restaurant, ein Schminkstudio, ein Fitness-Studio, eine Geisterbahn… Die Vorfreude war gross, und die Begeisterung, als sie zwischen 10 und 10.30 Uhr nach Hause kamen, genauso. Wir assen und tranken etwas zusammen, und dann hatten sie schon wieder ihr eigenes Programm.

Ich fuhr nach Wallisellen, weil ich Geschenke für die Kinder besorgen und Janine ein kleines Geschenk in den Briefkasten legen wollte. Ich bin froh, dass ich alles geschafft habe; sicher war ich nie, keine Minute. Ich habe immer noch Fieber, ich friere – auch im Haus, wo es warm ist. Die Rückenschmerzen sind stark; zudem bin ich mir fast sicher, dass die Sorge, der Unfall könnte gleich wieder einen Krankheitsschub auslösen, alles andere als unbegründet war. Es war ja sowieso nicht so klar, wie es mit den inneren Organen aussieht; die Blutwerte waren zwar gut, sind aber eben beschränkt aussagekräftig.

Den Untersuch, den ich diese Woche gehabt hätte, haben wir in gegenseitigem Einverständnis auf Januar verschoben, auf den 16., wenn mein Facharzt aus den Ferien zurück ist. Es macht mit allem, was gerade ist, schlicht keinen Sinn. Beim Einkaufen hatte ich die ganze Zeit Angst, jemand würde an mich herankommen; insbesondere die Vorstellung, jemand könnte mir in den Rücken hineinlaufen – es hatte viele Leute… (!) -, war mir ein Graus. Auf einmal dachte ich, dass alte Menschen sich oft so fühlen müssen. So angreifbar, so verletzlich, so schutzlos, so ausgeliefert. Ich habe mir vorgenommen, ab sofort mehr darauf zu achten und mehr Rücksicht zu nehmen.

Ich bin erleichtert, dass ich es geschafft habe; ich möchte einfach, dass die Kinder frohe Weihnachten haben. Wenn es mir morgen nicht besser geht und ich ins Spital muss – ambulant, meine und hoffe ich – dann sorgen mein Mann und meine Mutter schon dafür, dass sonst “alles” läuft. Da mache ich mir keine Sorgen. Aber da im Alter unserer Kinder das Geschenkeauspacken einem Grossereignis gleichkommt, war mir wichtig, dass ich das, was ich geplant hatte, auch parat habe. Zum Glück besorgte ich die Spielwaren in einem Geschäft, wo ein “Päckliservice” angeboten wird. Ich hätte sie selber nicht verpacken können. Wobei ich zugeben muss, dass dies auch sonst nicht zu meinen Stärken gehört… 😉

Wenn es mir so geht wie jetzt, wo ich nicht einmal kochen kann, kommen mir gewisse Verhaltensweisen wieder eher in den Sinn. Sie berühren mich kaum noch. Gutheissen oder beschönigen würde ich unreifes und verletzendes Verhalten jedoch nie. Nein, ich nenne es nach wie vor beim Namen, aber die Entfernung zu solchem Verhalten ist noch grösser geworden…

Wer mit den schwierigen Seiten des Lebens, mit seiner Unberechenbarkeit sowie mit dem Leiden anderer Menschen nicht umgehen kann und diese Chancen, die das Leben bietet, um menschlich reifer zu werden, nicht erkennen oder nicht annehmen kann, scheint den Zugang zu sich selbst und zum Leben, wie es eben ist, verloren zu haben. Das Leben selbst bietet schliesslich diese Chancen – sei es im eigenen Schicksal oder im Schicksal anderer Menschen.

Wer nur über Erfreuliches reden kann, hat das Leben nicht verstanden. Unreife und Unvermögen solcher Art sind unbegreiflich; jemanden im Stich zu lassen, weil das eigene Lebenskonzept wichtige Facetten des Lebens ausblendet, ist unentschuldbar. Und letztlich ist es egal, denn solches Verhalten zeigt leider vor allem eines: persönliche Schwäche. Darum betrifft es mich je länger, je weniger. Nicht einmal jetzt, wo ich allen Grund dazu hätte.

Vielmehr freue ich mich darüber, dass ich den Brief, in dem es um Dank und Anerkennung, die von Herzen kommen, und um eine Art Aussöhnung mit dem vergangenen Jahr geht, geschrieben und einen grösseren Teil der Menschen, die mir wichtig sind, erwähnt und ihnen den Brief geschickt bzw. gegeben habe. Dass die meisten ein kleines Geschenk dazu bekommen haben und diejenigen, die im Ausland wohnen, es beim nächsten Treffen bekommen werden. Dass Janine mir soeben geschrieben und sich über mein Geschenk gefreut hat.

Falls ich im Verlaufe des Januars wieder länger sitzen kann, gehen wir zusammen ins Schauspielhaus, um “Homo Faber” zu schauen. Max Frisch wird für mich immer ein Vorbild bleiben. Seinen Mut hätte unsere Gesellschaft dringend nötig. Auch er hatte Angst vor dem Vergessen; vor dem eigenen Vergessen, dem Gedächtnisverlust. Angst vor dem Vergessen hat auch der alt gewordene Soldat im Lied “The soldier” von CdeB, und seine grösste Bitte an die Nachwelt ist, sich an ihn zu erinnern:

“When I make that final journey, I will turn my face to the sea. In this world of changes, please remember me. In this world of changes, please remember me.”

 

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