No idea…

Die Weihnachtstage sind vorüber, und ich hoffe, dass insbesondere die Menschen, denen ich mich aus unterschiedlichen Gründen besonders verbunden fühle, schöne, frohe und erholsame Tage verbringen konnten. Ich hoffe es für alle Menschen, die im Herzen gut sind und niemandem absichtlich Unrecht tun. Auch wünsche ich all denen und insbesondere allen, die mir das vergangene Jahr leichter und glücklicher gemacht haben, für das kommende Jahr viele glückliche, frohe und erfüllende Stunden, Tage und Wochen.

An das vergangene Jahr werde ich vielleicht noch einen Abschiedsbrief schreiben. Keinen idealistischen oder fast schon naiven im Sinne von “im nächsten Jahr wird alles besser”, sondern einen realistischen im Sinne von “ich gehe den eingeschlagenen Weg weiter und werde die Lehrstücke des vergangenen Jahres so konsequent wie möglich leben”.

Diese Weihnachten war zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre ein Arzt bei uns zu Hause. Vor vier Jahren bereits, letztes Jahr und dieses Jahr also wieder. Das ist schon öfters vorgekommen; ich meine hier einmal “nur” die Weihnachtstage. Der Grund war jedes Mal der gleiche: Ich konnte nicht mehr zum Arzt gehen; also kam einer zu uns nach Hause. Vor vier Jahren noch an unserem früheren Wohnort im Tösstal, letztes und dieses Jahr in Eglisau. Vor vier Jahren hatte mich ein zwar unangenehmer, aber an sich harmloser grippaler Infekt völlig ausser Gefecht gesetzt, und ich war insgesamt sechs Wochen lang krank. Zwei Wochen in den Ferien und danach weitere vier, in denen ich jedoch arbeiten ging, da die ansteckende Phase vorüber war.

Jedenfalls glaubte ich das dazumals; heute weiss ich, dass die Frage, wie lange jemand andere anstecken kann, umstritten ist. Dass ich so lange krank war, hatte mit der (kortisonbedingten) erhöhten Anfälligkeit und der allgemeinen Schwächung, die durch chronische Krankheiten immer gegeben ist, zu tun. Für mich war es damals noch ziemlich neu, und ich dachte, ich würde sterben.

Letztes Jahr kam es soweit, weil eine meiner drei Autoimmunerkrankungen wieder ausgebrochen war und ich es wohl nicht wahrhaben wollte. “Sie sind krank.”, hatte meine Hausärztin nicht laut, aber eindringlich zu mir gesagt und mich krankschreiben wollen. Das war zwischen Weihnachten und Neujahr; ich traue mich noch gar nicht richtig, mich an diese Zeit zu erinnern. Genau ein Jahr her, aber sie ist mir noch viel zu nahe und geht mir noch viel zu nahe. Sie läuft in den jetzigen Dezember, in die jetzige Weihnachtszeit hinein; ich kann sie noch nicht als Einheit empfinden, schon gar nicht als eine beendete Einheit.

Viel zu viel hängt noch mit ihr zusammen, viel zu sehr bereue ich noch, dass ich gewisse Vorwürfe, Lappalien und Banalitäten nicht mit den wenigen Sätzen, mit denen Selena Gomez einmal “alles” auf den Punkt brachte, konterte: “You guys have no idea. I’m in chemotherapy. You’re assholes.” Nein, die Energie dazu hatte ich damals nicht, den Mut auch nicht. Aber jetzt habe ich ihn. Es ging vor allem um zwei Schülerinnen, die fanden, sie hätten das Aufsatzschreiben bei mir nicht gelernt. Das stimmt wohl sogar. Schreiben lernen kann man nämlich nicht. Man kann es oder man kann es nicht. Wenn man es nicht kann, lässt man es lieber bleiben. Dann würden die Buchhandlungen sich nicht mit so viel Schund anfüllen…

Gleichzeitig erhielt ich einen zusätzlichen Arbeitsauftrag, über den ich schon seit längerem hätte informiert sein sollen, aber nicht informiert war. Ich hatte dann wenigstens den Mut zu schreiben, dass ich davon nichts gewusst hätte, der Auftrag viel zu kurzfristig komme und ich krank sei. Eines der Hauptprobleme ist allerdings, dass Kranksein von den meisten Leuten im “traditionellen Sinn” verstanden wird; leider sogar von denjenigen, denen man zu viel anvertraut und zu viel erklärt hat. Sie verstehen nicht, was es bedeutet, im “nicht traditionellen Sinn” krank zu sein, so richtig krank, so richtig besch… krank, dass man auf dem Bettrand sitzt und weint, weil dieser Auftrag das allerletzte war, was einem noch gefehlt hat, und weil man sich einen Tag zuvor fast mit der Hausärztin gestritten und die Krankschreibung ausgeschlagen hatte, um das Semester zu beenden.

Was genau zum letztjährigen Hausbesuch des Arztes geführt hatte, kann ich nicht einmal mehr sagen; irgendwann und aus irgendeinem Grund konnte ich nicht mehr aufstehen und auch kaum noch sprechen. Vielleicht war dieser Auftrag der Auslöser gewesen, vielleicht waren die beiden Schülerinnen aus einer der Gemeinden um Winterthur, die überdurchschnittlich viele verwöhnte Kinder und unselbständige Jugendliche hervorzubringen scheinen, der Auslöser gewesen.

Der Chemotherapie-Satz würde deren Eltern übrigens null Eindruck machen. Kortisoninfusionen jedenfalls machten ihnen null Eindruck, als es anfangs Januar darum ging, dass ich abends nach 17 Uhr ihr weltbewegendes Anliegen nicht mehr hätte diskutieren können und dürfen. Dafür hatte ich eine ärztliche Bescheinigung erhalten, die missachtet wurde. Sie hielten mich bis fast 19 Uhr hin; das berührte sie nicht im geringsten. Für die Infusion war es dann zu spät. Für mich.

Ihre Welt drehte sich weiterhin um sie selbst; gleichzeitig wurde DIE Welt mit erschütternden Bildern aus Syrien und anderen Kriegsgebieten eingedeckt. Bilder von Staub, Elend und Blut. Ich hatte sie immer vor Augen, diese Bilder von Kindern, die kein einziges Schulheft mehr hatten und in Staub und Trümmern nach letzten, verschlissenen Habseligkeiten suchten. Dann Bilder vom Innern meines Körpers. Auch ich hatte Blutungen – innere. Egal. Alles egal. Hauptsache Töchterchen und Noten und Prüfungen. Nein, der Chemotherapie-Satz würde ihnen null Eindruck machen. Ob das schöne A-Wort ihnen Eindruck gemacht hätte, kann ich leider nicht beurteilen, da ich sie nicht so betitelt hatte. An dieser Stelle sei es nachgeholt.

Na ja, und dieses Jahr kam einfach zu viel zusammen: noch überhaupt nicht erholt von dem Krankeitsschub, der die einstmalige Prognose eines milden Verlaufs zuerst einmal gründlich über den Haufen geworfen hatte, die Erkältung, der gegenüber ich alles andere als gewappnet war, und vor allem der Treppensturz, der zu äusseren und inneren Verletzungen geführt hat, deren Folgen gegenüber ich ebenfalls nicht gewappnet bin. Das wohl “Gute” daran ist, dass der Arzt mich überzeugen konnte, Schmerzmittel zu nehmen; diejenigen, die ich nehmen darf. Er hat schon recht: Wenn ich zwei Geburten und den letzten – notabene langen und heftigen – Krankheitsschub ohne Schmerzmittel durchgestanden habe, kann ich aller Wahrscheinlichkeit nach auch alle kommenden ohne Schmerzmittel durchstehen.

Da nicht davon auszugehen ist, dass Unfälle ab jetzt in Serie passieren, und da ich ja irgendwie liegen und schlafen muss, ist diese Lösung sicher schon die richtige. Jedenfalls geht es mir so besser, und ich nehme nur so viel, dass ich liegen kann. Die Rückenschmerzen spüre ich trotzdem noch; dort, wo die Metallkante der Treppe sich hineingebohrt hat, sind sie auch mit Schmerzmitteln noch recht stark. Auf dem Bauch konnte ich dann eben auch nicht mehr liegen, weil die Entzündungen des Rippen- und Brustfells noch nicht zurückgegangen sind. Beengend und beängstigend und für das Fieber, das mich gestern und vorgestern endgültig flach legte, verantwortlich.

Zwei Tage Bettruhe und zwei weitere zu Hause sind ja an sich ganz gut in einer solchen Situation. Nur komme ich schon fast in ein nächstes Dilemma, denn Bewegung ist wichtig. Für alle Menschen. Für Menschen, die bestimmte Krankheiten haben, umso mehr. Ich habe schon einmal geschrieben, dass mir die Gelenke im Liegen oft weh tun, in Bewegung jedoch viel weniger. Zudem bekomme ich Probleme mit den Gefässen, wenn ich (zu) lange liege, vor allem in den Beinen. Man sieht davon überhaupt nichts, aber sie tun weh, wenn ich (zu) lange liege. Auch diese Probleme gehen meistens sofort weg, wenn ich mich bewege, und auch darum kann Bettruhe eben auch einen gefährlichen Aspekt beinhalten. Darum zwei statt vier Tage, die eigentlich angebracht gewesen wären.

Wie auch immer haben die beiden Tage gutgetan, und ich setze “alles” daran, dass ich am Freitag nach Ulm fahren und Tanja besuchen kann. Im Zug kann ich aufstehen, wann und so oft ich muss. Da sie mir vom Weihnachtszirkus geschrieben hatte, beschloss ich, Taieb mitzunehmen – und mich so oder so mit Schmerzmitteln einzudecken. Es geht immer auch um Lebensqualität, die beste Medizin überhaupt. Leute, die das nicht verstehen, könnten einem jeweils genauso gut einen Schlag ins Gesicht geben. Das käme auf das Gleiche heraus. Gewalt liegt in vielem; längst nicht nur in Schlägen. Auch zu diesem Thema würde das Zitat von oben noch einmal zutreffen.

Für Naila habe ich dafür eine Karte für “Salto Natale”, in den sie ebenfalls am Freitag mit meiner Mutter gehen darf. Somit dürfte Gerechtigkeit gewährleistet sein; die momentan wieder einmal vorherrschende Eifersucht macht diese besonders notwendig. Wer hat eine Kerze mehr anzünden dürfen? Wer hat eine mehr ausblasen dürfen? Wer hat mehr Spitzbuben gegessen? Wer hat das grössere Stück Weihnachtsgugelhopf auf dem Teller? Wer hat den Zopfteig länger kneten dürfen? Riesendramen in kindlichen Welten… 🙂

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