Von Änderungen…

Entscheidungen kann man ändern. Das machen wir alle tagaus, tagein; viel öfter, als wir uns bewusst sind. In einem Leben mit chronischen Erkrankungen ändert man Entscheidungen noch (viel) schneller. Man wird dazu gezwungen – so gut wie jeden Tag von neuem. Man macht es weder absichtlich, noch ist es geplant und gesteuert; nein, “the only constant in life is change” gilt für ein Leben mit chronischen Erkrankungen noch (viel) mehr, als dass diese Aussage auf das Leben ohnehin zutrifft. Man weiss am Morgen noch (viel) weniger, wie der Tag wird, als ein gesunder Mensch, und man reitet vor allem in den ersten Jahren nach den Diagnosen auf einer Achterbahn der Gefühle, was manchmal zu abrupten Änderungen von Entscheidungen oder Meinungen führen kann. Das ist nicht immer einfach und schon gar nicht lustig, und was man gar nicht braucht, ist Befremden oder gar Unverständnis.

Ich habe in den letzten Tagen auch eine Entscheidung ziemlich abrupt und schnell geändert. Das wird bestimmt nicht das letzte Mal sein; das gehört zu meinem Leben noch mehr, als dass auch alle gesunden Menschen ständig kleinere und immer wieder sogar grössere Entscheidungen ändern, ohne viel darüber nachzudenken. Dieses Mal hatte ich darüber nachgedacht und es bewusst gemacht. Vielleicht hatte ich zu viel Zeit zum Nachdenken, weil ich zwei Tage im Bett bleiben musste. Eigentlich vier, aber aus im letzten Beitrag erläuterten Gründen dann eben nur zwei. Wenn ich vier Tage im Bett gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht wieder umentschieden – wer weiss? Ich weiss es nicht, und ich weiss auch nicht, ob meine Entscheidung mittel- und längerfristig eine gute war. Doch ich glaube und hoffe es.

Ja, vielleicht hatte ich zu viel Zeit zum Nachdenken. Ich denke auch sonst ständig über etwas nach; manchmal wird es mir selbst zu viel, und ich würde das Nachdenken gerne abstellen. Aber das geht nicht. Taieb ist auch so, und wenn wir zusammen sind, sprudeln die Gedanken. Ich freue mich darauf, wenn er älter ist und wir zusammen diskutieren können. Das wird endlos…

In den ungezählten schlaflosen Nächten habe ich viel nachgedacht; vielleicht hat sich auch darum viel angestaut und das Bedürfnis nach dem Blog vergrössert. Die ebenfalls im letzten Beitrag erwähnten Kortisoninfusionen werden normalerweise am Morgen verabreicht. Damit man eben schlafen kann oder zumindest eine Chance hat, schlafen zu können. Denn das körpereigene Cortisol, das die Nebennieren produzieren, wird auch hauptsächlich am Morgen ausgeschüttet. Ich habe mich immer bemüht, die Kortisontabletten so früh am Morgen wie möglich zu nehmen, aber es hat leider nichts genützt. Ich konnte nicht schlafen; auch dann nicht, wenn ich sie um 6 Uhr morgens nahm.

Dass ich im letzten Januar ein paar Infusionen am Abend erhielt, hatte damit zu tun, dass ich ja weiterhin arbeiten und an den drei Arbeitstagen um 6.15 Uhr aus dem Haus ging. Infusionen stellen in solchen Fällen eine sogenannte Stosstherapie dar; das heisst, über eine möglichst kurze Zeit wird eine möglichst hohe Dosis verabreicht, um die Entzündungen im akuten Schub zuerst einmal möglichst schnell zurückzudrängen und dann in Ruhe weiterzuüberlegen. Feuerwehrübungen. Um das Semester zu beenden, liess ich sie also ein paarmal am Abend über mich ergehen, womit auch die kleinste Chance auf ein paar wenige Stunden Schlaf vertan war. Das war nicht einmal so schlimm; ich spürte, dass mir eine langwierige und schwierige Sache bevorstand; ich wusste, dass ich Ende Monat die Krankschreibung kein zweites Mal würde ausschlagen können. Sonst hätte ich mich geradeso gut in den Rhein stürzen können.

Mit acht Monaten hatte ich – wie auch schon erwähnt – jedoch nicht gerechnet, mit vier zusätzlichen und sehr schwierigen Monaten an Nachwirkungen ebenfalls nicht, und mit einem Unfall, kaum scheint ein gewisser Rhythmus sich langsam wieder einzupendeln, schon gar nicht. Ich hatte im September bei der Nerven-und Venenprellung am linken Arm ein bisschen Angst, dass sie gleich wieder einen Krankheitsschub auslösen könnte. Es war nur eine kleine Angst aufgrund einer ebenfalls kleinen Verletzung. Ich hatte nach dem Unfall am 14. Dezember Angst, dass der Stress, der Schrecken, der Schock etwas auslösen könnten. Das war dann keine kleine Angst mehr, sondern eine grössere; so, wie auch die Verletzungen und wiederum deren Folgen grössere sind, und es sieht ganz danach aus, dass diese Angst sich als nicht unbegründet erweisen wird. Aber lassen wir das vorerst; ich mag gar nicht darüber schreiben und warte einmal ab, was mein Hauptfacharzt am 16. Januar zu der unseligen Geschichte sagen wird. Vielleicht habe ich auch darum eine Entscheidung geändert – keine Ahnung…

Die beiden Tage im Bett hatten noch etwas “Gutes”; ich konnte meine Hände und vor allem meinen rechten Arm frei haben; die Verbände sind auf Dauer zwar nützlich, aber auch eher unangenehm, vor allem weil die Haut darunter reagiert und ich es manchmal kaum aushalte. Die linke Hand hat sich sowieso erholt; nur bin ich mit ihr leider nicht so geschickt…; aber besser als zuvor ist es allemal. Taieb findet es immer noch schade, dass ich mich nicht für rote und blaue Verbände entschieden hatte. 🙂

Ich hoffe, dass die rechte Hand und der rechte Arm sich auch bald erholen; jedenfalls scheinen die beiden Tage im Bett auch diesbezüglich ganz nützlich gewesen zu sein. Bei den Rücken- und Kopfschmerzen habe ich kein gutes Gefühl; sie werden momentan durch die Schmerzmittel zwar mehr oder weniger überdeckt, aber vor allem die Rückenschmerzen sind von der Art und der Intensität her so, dass ich wie gesagt kein gutes Gefühl habe. Ins Thermalbad nach Zurzach kann ich wegen des Fiebers doch noch nicht diese, sondern erst nächste Woche fahren – voraussichtlich.

Den Blog habe ich begonnen, um offen und ehrlich aus dem Leben mit chronischen Krankheiten zu berichten. Oft schwierig, oft glücklich. Zur Zeit habe ich nicht so viel Abwechslung wie gewohnt, und die Texte sind daher auch weniger abwechslungsreich. Das ist Realität, und diese soll im Blog vermittelt werden. Scheinwelten und beschönigende “wir sind alle hübsch, zufrieden und erfolgreich”-Darstellungen haben wir heutzutage ja mehr als genug. Von ihnen distanziere ich mich absichtlich und bewusst. Ich habe sie nicht nötig; ich kann mit der Realität umgehen und liebe das wahre Leben mit all seinen wunderschönen und all seinen prüfenden Facetten. Ich stelle mich den Herausforderungen und muss weder mir noch anderen etwas vormachen. Einfach ist dies nicht, aber wahrhaftig und intensiv. Alleine würde ich es auch nicht packen; darum habe ich mich zu Weihnachten bei zahlreichen Menschen bedankt. In einem Brief an verschiedene Personen und dann auch noch in ein paar Einzelschreiben an Personen, die ich vergessen hatte. Der Brief hat offenbar auch anderen, die es gerade nicht einfach haben, geholfen, was mich besonders gefreut hat. Denjenigen habe ich wiederum geantwortet, dass ich jederzeit für sie da sei – zum Reden, Zuhören und, wenn möglich, Helfen.

Auf Ulm, den Weihnachtszirkus und vor allem auf Tanja freue ich mich. In den Stunden, in denen sie arbeitet, werde ich jedoch wohl kaum die Stadt anschauen, sondern versuchen zu schlafen und mich ein bisschen zu erholen. Mit Taieb, der dann auch schlafen, lesen, malen, spielen – oder nachdenken – kann… 😉

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