Von Wölfen, Wildschweinen und dem Winterhimmel

Entscheidungen kann man ändern, und man darf sie ändern. Manchmal will man sie ändern, manchmal muss man sie ändern. In bestimmten Situationen, in bestimmten Phasen und bei bestimmten Diagnosen, die weder eine Phase noch eine Situation, sondern ein Urteil fürs Leben darstellen, wird “manchmal” zu “oft”. Man muss oft Entscheidungen ändern, und man lernt damit umzugehen. Schwierig ist nicht die Tatsache, dass man oft gezwungen wird, Entscheidungen zu ändern; schwierig machen es einem höchstens Leute, die das nicht verstehen oder falsch interpretieren.

Schwierig war für mich auch der Satz, den mir im Frühling jemand sagte: “Du wirkst nicht so, als ob du keine Energie hättest.” Vielleicht war er ja ganz sachlich gemeint und in dem Fall auch völlig in Ordnung. Vielleicht steckte aber auch ein Anzweifeln der Krankschreibung dahinter, was so falsch und so verletzend wäre, dass mir die Worte fehlen. Und die fehlen mir nur in Ausnahmesituationen…

Natürlich wirkte ich bis Ende August nie so, als ob ich keine Energie hätte. 40, 60 und 80 mg Kortison pro Tag putschen auf, sodass man Bäume versetzen könnte. So einfach ist das. So einfach und so schwierig.

Ein weiterer Satz, der angesichts einer chronischen und/oder schweren Erkrankung völlig unangebracht ist: “Wir haben alle unseren Rucksack.” Wie den oben zitierten habe ich ihn mir bis jetzt nur ein einziges Mal anhören bzw. ihn lesen müssen. Das war eine Mutter aus unserem jetzigen Wohnort. Ich schrieb ihr dann zurück, dass das stimme und eigentlich klar sein dürfte, dass aber nicht “alles gleich schlimm” sei, ich mich jedoch auf keine Diskussionen einlassen wolle. Daraufhin relativierte sie ihre Aussage ein bisschen und wünschte mir gute Besserung. Die gute Besserung nützt in meinem Fall zwar nicht viel; trotzdem schätzte ich es, dass sie sich immerhin um eine Relativierung bemüht hatte, und bedankte mich bei ihr. Für die gute Besserung… 😉

Ich war ihr danach auch nicht böse oder so, aber ich kann mich glücklich schätzen, dass ich solche Sätze verhältnismässig selten zu hören bekomme. Wenn ich Berichte von anderen Betroffenen lese, erschrecken mich deren negative Erfahrungen und Erlebnisse. Der Satz mit dem “Rucksack” kommt nämlich ebenfalls einem Schlag ins Gesicht gleich. Das kommt dann wirklich nicht mehr darauf an.

Natürlich haben wir alle unsere Geschichten, und ich mag gar nicht daran denken, wie oft ich schon mit anderen mitgelitten habe. Und zwar ehrlich, nicht gespielt. Wenn ich mitleide, dann leide ich ehrlich mit; wenn ich mich für jemanden interessiere, interessiere ich mich wirklich für ihn oder sie. Als ich selbst schon krank war, bot ich mehrmals anderen, denen es sicher schlechter ging als mir, meine Hilfe an, und die Angebote waren nicht einfach Worte. Wenn diese Menschen mich in der Nacht angerufen hätten, wäre ich hingegangen und hätte getan, was ich hätte tun können.

Wenn ich keine Kinder hätte, wäre ich sowieso nicht mehr hier in der Schweiz. Dann wäre ich in einem der Kriegs-, Flüchtlings- oder Armutsgebiete und würde versuchen zu helfen. Auch das ist mir im vergangenen Jahr klar geworden. Irgendwann konnte und wollte ich mich selbst nicht mehr belügen und mir vormachen, meine Arbeit sei sinnvoll. Nein. Sinnvolle Arbeit in der aktuellen Weltlage sieht anders aus. Ich hätte meine Zelte hier fast abgebrochen.

Klar; ich muss selbst ein paar gute Internisten, einen Rheumatologen und einen Dermatologen in der Nähe haben, aber das wäre schon gegangen. Ich habe es wegen den Kindern nicht getan; ich hätte es nicht übers Herz gebracht, sie aus allem Vertrauten und Liebgewordenen herauszureissen. Es gibt aber Männer und Frauen, die mit ihrer ganzen Familie wegziehen und sich in einem Gebiet, wo Unterstützung und Hilfe dringend notwendig sind, einsetzen. Es gibt sie, und ihnen gehören meine ganze Bewunderung und Anerkennung.

Das eigentliche Problem mit dem “Rucksack”-Satz liegt viel mehr darin, dass er übersetzt lautet: Mich interessieren deine Sorgen nicht; ich will mich nicht damit auseinandersetzen; du musst nicht meinen, deine Geschichte sei “wichtiger” als meine/andere. Ein weiteres Problem mit diesem Satz liegt darin, dass es tatsächlich grosse Unterschiede gibt zwischen den vielen Herausforderungen, die das Leben uns stellen kann. Ein Kind zu verlieren, stelle ich mir als eine der grössten, schlimmsten und schwierigsten vor. Oder die Eltern (sehr) jung zu verlieren. Oder jahrelang missbraucht worden zu sein. Oder…, oder…, oder…: Die Liste ist lang.

Mit chronischen und/oder schweren Krankheiten ist es halt so, dass der Rucksack immer schon ziemlich gefüllt ist und dass die mannigfaltigen zusätzlichen Belastungen des Alltags dazukommen, so quasi darauf gelegt werden, obwohl vielleicht nicht mehr so wirklich viel Platz vorhanden ist. Man steht allem gegenüber in einer schwächeren Position. Physischen Herausforderungen gegenüber sowieso; seelischen und mentalen aber genauso. Auch darum ist der Satz so daneben.

Nun gut; wie schon erwähnt, kann ich mich mit meinem Umfeld glücklich schätzen. Gerade vorgestern schrieb mir jemand – wieder eine Mutter aus Eglisau, aber eine andere… 🙂 – ein paar sehr nette und wohltuende Zeilen. Wohltuend, weil sie versteht, ohne dass ich lange erklären und erzählen muss; wohltuend auch, weil sie schreibt, dass Naila “jederzeit” zu ihnen zum Spielen kommen dürfe und immer willkommen sei. Danke. Letztlich sind es diese Begegnungen, die zählen. Das weiss ich. Dass die anderen, wenn auch vergleichsweise wenigen, mich zur Zeit wieder mehr beschäftigen und mehr aufwühlen, hat mit meinem Zustand zu tun. Auch das weiss ich.

Aber es ist auch “logisch”. Wenn es mir so geht wie jetzt, wo ich – vom gesundheitlichen Aspekt her, nicht von anderen Aspekten her, zum Glück (!) – ungefähr am gleichen Punkt stehe wie vor genau einem Jahr und zusätzlich mit verschiedenen, teilweise wohl langwierigen Unfall-Folgen kämpfe, kommt “logischerweise” eine Wut auf diejenigen, die auch nur ein einziges blödes Wort verloren haben, auf. Wut auf Unvermögen, Unreife und Unverständnis, Wut auf Feigheit. Dann frage ich mich jeweils auch, ob ein Mensch Verletzungen, Enttäuschungen und Traumatisierungen überhaupt verarbeiten kann. Ganz verarbeiten, meine ich.

Ich meine jetzt viel Schlimmeres, als was ich erlebt habe… Das würde mich interessieren, denn ich bin mir da nicht so sicher… Ich habe das Gefühl, dass man zwar souverän über Erlebtem und über gewissen Verhaltensweisen stehen kann, dass man aber trotzdem in Situationen geraten kann, wo sie einen wieder einholen.

Heute konnte ich wieder nach draussen gehen und fuhr mit Naila in den Tierpark “Bruderhaus” in der Nähe unseres früheren Wohnortes im Tösstal. Wir hatten grosses Glück und erspähten sogar den Luchs, der sich meistens irgendwo gut getarnt versteckt. Auch Wölfe zählte Naila gleich fünf. Gut, bei denen habe ich immer ein zwiespältiges Gefühl – ich liebe sie und hasse sie. Aber sie können nichts dafür; es ist nur ihr “dummer” Name. Egal…; Naila war entzückt von ihnen und noch viel mehr entzückt von den Pferden aus der Mongolei. Deren Name in mir keine Assoziationen auslöst, dafür eine konsonanten- und aussprachetechnische Herausforderung ist: Przewalski-Pferde. Am allermeisten erfreuten sie die Wildschweine. 🙂

Wir machten gleich zwei Waldspaziergänge. Die Sonne schien wintersilbern durch die dunklen Baumstämme hindurch, samtiges Moos bedeckte Teile des Waldbodens, die Zapfen hingen wie in ewiger Ruhe hoch oben an den Nadelbäumen und noch weiter oben ragten die Baumkronen in den hellblauen Winterhimmel. Ab und zu flog ein Vogel, den es nicht in den Süden gezogen hatte und der also hier überwintert, von einem Ast zum nächsten. Irgendeiner sang sogar, und ich dachte, wie wunderbar die Natur sei. Sogar in dieser Kälte sang der noch so unbeschwert.

Die Stunden im Wald haben gutgetan. Nur schade, dass das zum Tierpark gehörige Restaurant geschlossen war; sonst hätte ich noch einen Glühwein trinken können… ☀️ ☀️

 

 

 

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