Dances with wolves

“You guys have no idea. I’m in chemotherapy. You’re assholes.” Weil das Zitat so schön ist und so treffend ist, verwende ich es hier gleich noch einmal. Selena Gomez meinte mit dem schönen A-Wort diejenigen ihrer “Fans”, die behaupteten, sie habe wegen Drogenmissbrauch in eine Reha-Klinik einchecken müssen. Ich meinte damit die Eltern, deren Welt sich um sie selbst dreht, sodass sie die Lachhaftigkeit und Unverhältnismässigkeit ihres Anliegens, währenddem in DER Welt die Häuser von vielen Kindern in Schutt und Asche lagen, nicht zu erkennen imstande waren, und wegen denen ich eine Infusion verpasste. Auch diejenigen, die ein einziges blödes Wort über meine Abwesenheit verloren haben, waren und sind damit gemeint. Weil: Sie haben wirklich keine Ahnung.

Gut, bei mir hat sicher niemand Drogenmissbrauch vermutet. Und wenn doch, müsste ich laut lachen. Man kann in Bezug auf Drogen gleich unschuldig sein wie ich, aber man kann nicht unschuldiger sein. Das geht nicht. Ich habe in meinem Leben keinen einzigen Joint gedreht, keinen geraucht, keinen auch nur angefasst; keine einzige Zigarette je in den Händen gehalten, je berührt; ich wüsste nicht einmal, wie ich sie halten, wie ich sie anzünden und schon gar nicht wie ich sie rauchen müsste.

Spritzen setzen kann ich mir: keine Drogen, sondern Medikamente. Ich war selbst überrascht, dass ich das relativ schnell relativ gut konnte; da ich mit den Händen nicht geschickt bin, hätte ich das gar nicht erwartet. Nein, weniger Erfahrung mit Drogen als ich kann man nicht haben, und ich gehe davon aus, dass wohl niemand auf die Idee gekommen wäre, ich müsse zum Drogenentzug in eine Klinik. Aber bei einer berufstätigen Mutter sind andere Begründungen schnell zur Hand und noch schneller zu Mund: “Burnout” zum Beispiel und alles, was in diese Richtung geht.

Dann denkt man etwas Falsches, sagt etwas Falsches und verbreitet etwas Falsches. So schnell ist es passiert, und so verheerend kann es vor allem für die Betroffenen sein. Das A-Wort ist dann einfach das einzig Richtige. Selena Gomez war nicht wegen Drogenmissbrauch in einer Klinik, sondern wegen einer schweren organischen Erkrankung. Ich kann ziemlich gut mit ihr mitfühlen, denke ich mal. Ich hätte nämlich auch fast für vier Wochen in eine Klinik gehen müssen – in eine internistische.

Es war so geplant gewesen, aber dann konnte ich einfach nicht so lange weg von den Kindern. Es war ein schreckliches Hin- und Hergerissensein, ein Hin- und Hergezogenwerden von zwei ganz starken Kräften, ein Zerrissenwerden. Ich entschied mich gegen die Klinik und für die Kinder. Wobei man das ja eigentlich so nicht sagen kann…, muss ich ehrlich zugeben. Ich hätte mich vielleicht besser anders entschieden. Vielleicht wäre es auch besser für die Kinder gewesen… Ja, das muss ich schon zugeben.

Weil ich jetzt wieder am gleichen Ort stehe. Vom gesundheitlichen Standpunkt her gesehen, nicht von verschiedenen anderen Standpunkten her – zum Glück! Den Untersuch beim Internisten könnten wir uns theoretisch sparen; ich weiss, dass der Unfall – wahrscheinlich durch die ausgeschütteten Stresshormone – die Krankheit wieder aktiviert hat. In der Nacht vom 28. auf den 29. Dezember bin ich aufgewacht, und da war es wieder: das Blut. Es sucht sich dann Wege nach aussen, und plötzlich ist alles Rot. Und da war sie auch wieder: die Panik. Ich sprang auf und mein erster Impuls war, gleich ins Spital Bülach zu fahren; mein zweiter, am Morgen sofort zu meiner Hausärztin zu gehen.

Ich tat weder das eine noch das andere. Mein dritter Impuls war nämlich, wieder ruhig zu werden, mir meine Pläne nicht durchkreuzen zu lassen und mich vor allem daran zu erinnern, dass ich dies ja nicht zum ersten und nicht zum zweiten Mal erlebe. Dass ich es überlebe. Die Menstruation hatte ich vor zwölf Tagen gehabt; eine Verwechslung von daher ausgeschlossen. Wenn man “Blutungen” und “Zwischenblutungen” googelt, stösst man sowieso auf angstmachende Ursachen. Nein; wieder ruhig werden und mich sammeln. Die Panik breitete sich im ganzen Körper aus, dann legte sie sich schnell wieder. Ich bin wohl schon ziemlich stark geworden.

Klar; seit dem Unfall am 14. Dezember gab es immer wieder Momente, wo ich dachte, ich könne diese Verletzungen, deren Folgen und vor allem den damit im Zusammenhang stehenden erneuten Ausbruch meiner schweren Erkrankung jetzt nicht auch noch durchstehen. Es ist schon sehr viel und es ist nicht einfach… Aber ich werde es schaffen.

Prednison ist keine Option mehr, und mein Hauptfacharzt meinte letztes Mal auch, er sei bei mir in Zukunft besonders vorsichtig und zurückhaltend. Ich spüre die Nachwirkungen jetzt noch, vier Monate nach Therapieende. Wobei ich zur Zeit beim besten Willen nicht sagen kann, warum ich nicht schlafe…: Prednison…, Schmerzen nach dem Unfall, die zwar zur Zeit mehr oder weniger überdeckt werden, oder Husten, der durch die Rippen- und Brustfellentzündungen, die ja ihrerseits bereits Folgen von Verletzungen sind, verursacht wird und der insbesondere in der Nacht ziemlich schlimm werden kann.

Nein, Prednison ist keine Option mehr. Vielleicht komme ich um Imurek nicht mehr lange herum. Das wäre dann eben die Chemotherapie “light”. Zwar in bedeutend niedrigeren Dosierungen als bei Krebsbehandlungen, aber dafür mindestens über ein Jahr, manchmal auch über zwei bis vier Jahre, was letztlich auch zu einer sehr hohen Einnahme führt. Die Haare gehen nicht stärker aus als beim Prednison; da mache ich mir keine Sorgen, weil bei mir ständig viele nachwachsen. Aber die ganze lange Liste der anderen Nebenwirkungen:

Dass Tumoren sich entwickeln können… Wobei das schon nicht in dem Sinne häufig vorkommt und zudem beim Kortison schon gegeben war. Wenn das Immunsystem unterdrückt wird, damit es den eigenen Körper in Ruhe lässt, bleibt es allgemein lieber in Ruhe und erkennt eventuelle Krebszellen weniger effizient. Auch dieser Gedanke ist nicht immer einfach… Aber ja, vielleicht muss ich dem Imurek seine Chance geben; die Therapie wird ja sowieso engmaschig kontrolliert und vor allem werden die Blutwerte regelmässig überprüft. Oder sonst mit Biologika; darüber weiss ich noch nicht so viel.

Ich weiss einfach, dass ich in den ersten Monaten des neuen Jahres gleich auf ein paar Schlachtfeldern kämpfen muss: Die Therapien in Zurzach werden die Unfallfolgen irgendwann verschwinden lassen, und die Wölfe werde ich ein weiteres Mal besiegen. Und dann vielleicht einmal mit ihnen tanzen.

Im Übrigen geht es mir gut, weil ich nach Ulm fahren und den Weihnachtszirkus besuchen konnte, weil mich Taiebs Freude und Hingabe dabei noch fast mehr berührten als die bezaubernden oder atemberaubenden Darbietungen der Artisten und Artistinnen, weil er und Maurits so friedlich miteinander spielen, obschon vier Jahre zwischen ihnen liegen, weil ich mich heute Nachmittag nach einem interessanten Rundgang durch die Altstadt und einem Spaziergang der Donau entlang ausruhen und etwas erholen konnte, da Wolfgang so nett war und die beiden Jungs mit nach Hause nahm und ihnen eine Gemüsesuppe kochte. Danke! Und bis bald…; ich mache mich gleich parat und gehe zu ihnen, damit wir dieses Jahr, das ich trotz allem nicht hassen kann und in dem ich auch ganz viel Gutes sehe, gemeinsam verabschieden können.

Ein herzlicher Dank hier auch an alle, denen ich keinen Brief geschickt habe, die mir aber auch durch nette Worte, ihr Interesse und ihre offene Art geholfen haben. Ich wünsche allen, die mir auf irgendeine kleinere oder grössere Weise beigestanden sind, einen guten Start in das neue Jahr! Tanzt nach eurem Rhythmus.

 

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