Die Unbekannte

Noch ein Bild aus dem archäologischen Museum in Heraklion: Ob es einen Kampf oder ein Kunststück abbilden soll, kann ich nicht ganz erschliessen. Das könnte ich natürlich nachlesen, aber darum geht es mir hier und jetzt gar nicht. Vielmehr darum, dass ich momentan auch nicht weiss, ob ich einen Kampf führe oder ein Kunststück vollbringe. Aber ich tendiere zu Letzterem; es macht mich stärker.

Die Dosierung des Imurek ist nicht um ein Viertel, sondern um ein Drittel erhöht worden. Also um etwas mehr. (Wir haben beschlossen, das durch Herrn K. gemessene Gewicht als ausschlaggebend zu betrachten…) Nein; Spass beiseite, ich hatte mich bei der Angabe verrechnet. Es handelt sich um eine Erhöhung um ein Drittel. Über das Verrechnen habe ich mich etwas geärgert; ich bin eigentlich gut mit Zahlen.

Im vergangenen Frühling habe ich mehr aus Neugierde ein paar Intelligenz-Tests gemacht. Also eigentlich kam es so, dass Taiebs Lehrerin uns empfohlen hatte, ihn testen zu lassen. Ich muss gleich anfügen, dass wir überhaupt keine überehrgeizigen Eltern sind, nicht einmal ehrgeizige…, sondern eher das Gegenteil im Sinne von: Die Kinder sollen so oft wie möglich frei spielen können, in der Freizeit sicher keine schulischen Kurse besuchen und auch sonst nichts, was ihnen keine Freude bereitet, und wir hätten auf keinen Fall versuchen wollen, sie früher einzuschulen.

Es ging bei den Tests darum herauszufinden, ob ihm wohl in der ersten Klasse – wo vieles mit der ganzen Klasse schiefgelaufen war – langweilig und er unterfordert gewesen war. Dies führt ja oft zu Verhaltensauffälligkeiten. Jedenfalls liessen wir ihn im letzten Februar auf ihr Anraten hin “abklären”, und er setzte die Messlatte tatsächlich sehr hoch, was einiges erklärte. Seit er bei der neuen Lehrerin ist, läuft es tip top; sie ist aufmerksam, hat oft Zusatzaufgaben zur Vertiefung für ihn parat, fördert sein vernetztes Denken und hat auch sonst immer wieder gute Ideen, was wir ihm zeigen oder mit ihm unternehmen könnten.

Ich fühlte mich dann herausgefordert, wollte mir selbst auf die Spur kommen und meldete mich auch an. Dass ich im Bereich mit den Zahlen (numerischer Bereich) über 90% erreichen würde, hätte ich nicht erwartet. Dass ich im sprachlichen Bereich nur zwei Prozent von den 100% entfernt war, überraschte mich jedoch nicht. Alles andere hätte ich eh nicht geglaubt… 🙂 🙂

Es gab noch vier andere Bereiche; einzig beim räumlichen Vorstellungsvermögen konnte ich mit Taieb nicht mithalten. Auch das hat mich nicht weiter erstaunt; das ist nicht mein Ding. Vielleicht wird er ja einmal Architekt. Und ich doch noch Autorin. 🙂 (Dann hätten wir beide Berufe von Max Frisch vereint.)

So, wie bin ich auf das Thema gekommen? Ja, wegen dem Verrechnen bin ich darauf gekommen. Das hätte nicht passieren sollen. Na ja, egal, ich war damals im Frühling schon ein bisschen stolz auf die Resultate, zumal ich die Tests unter gesundheitlich prekären Umständen abgelegt hatte. Viel Kortison, wenig Schlaf, wenig Ruhe, viele Arzttermine, Entzündungen, Schmerzen, Unsicherheiten und Ängste…

So ähnlich wie jetzt. Ausser dass aus dem Kortison Azathioprin geworden ist. Aber darin liegt vielleicht die “Rettung”; ich hoffe es. Ich muss die Tabletten jeweils nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen einnehmen; so soll Übelkeit verhindert oder zumindest vermindert werden. Nach dem Berühren der Tabletten müssen die Hände gewaschen werden.

Ich bin ganz glücklich darüber, dass wir nicht wieder in eine Teigwaren-mit-Pesto-oder-Tomatensauce-Phase gerutscht sind. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Kinder sich kulinarisch am Öffnen sind und zum Beispiel die Gemüsesuppe mit fünf verschiedenen Gemüsesorten gerne assen – schon zum dritten Mal und jedes Mal mit anderen Gewürzen. Der Ingwer brannte auf Taiebs Zunge, und Naila schüttete grosszügig Halbrahm (Sahne) hinein. Am nächsten Sonntag gibt es Pancakes mit Ahornsirup, und Thai-Curry möchte ich gerne bald einmal ausprobieren.

Das habe ich gestern Abend gegessen, als ich mit einer Freundin in der “Crêperie” in Winterthur essen war. Sie bekommt im März ihr erstes Kind, ein Mädchen, und das freut mich sehr für sie. Ich habe ihr einen “Bald-Mami-Tee” geschenkt; den hatte ich zufälligerweise in einem Reformhaus entdeckt, als ich eine Grünteemischung suchte. Ich treffe sie gerne, ich unterhalte mich gerne mit ihr; sie ist eine wunderbare Person. Auch darum freue ich mich besonders, dass sie bald ein Kind bekommt; und weil ich wusste, dass sie sich Kinder wünschte.

Ich staune immer wieder darüber, dass menschliche Reife und Stärke längst nicht nur vom Alter abhängig sind, oft sogar wenig damit zu tun haben. Dafür mit Erlebnissen, Erfahrungen, der Erziehung, den Vorbildern, der Gabe zu Differenziertheit, Reflexion und Selbstreflexion.

Immer aber bleibt eine Unbekannte, eine grosse und faszinierende Unbekannte, ein Etwas, was einen Menschen stark und reif und besonders erscheinen lässt, was man aber nie benennen, nie festhalten kann. Dieses Etwas entzieht sich jeder Festlegung, jeder Definition. Es ist da, und kaum versucht man, es zu beschreiben, ist es auch schon wieder weg. Wie Luft. Flüchtig, ständig und für immer flüchtig. Das geht mir bei allen Menschen, die mir besonders erscheinen und wichtig sind, so.

Mir ist nach dem Gespräch noch etwas bewusst geworden: Es sind nur drei Personen, mit denen ich privat Kontakt hatte und die sich nicht (mehr) melden. Drei. Als mir dies gestern Abend plötzlich bewusst wurde, realisierte ich, wie unnötig es tatsächlich ist, mich über sie aufzuregen. Zu mindestens 25 wirklich guten, verlässlichen, hilfsbereiten und mein Leben bereichernden Menschen pflege ich regelmässigen, intensiven und tragenden Kontakt. Es sind vielleicht sogar 30, je nachdem, wo ich die Grenze ziehe. Sie sind alle da; ich kann mit ihnen zwischendurch mal über die Krankheiten reden, von den komplexen Auswirkungen auf den “Alltag” erzählen, Begriffe erklären, Behandlungen erläutern, über mein “neues” Leben berichten.

Und sonst reden wir über ganz viel anderes. Wie früher. Nichts ist verschwunden; es ist nur etwas dazugekommen. Ich habe einen Wolf als Haustier. Das ist neu. Manchmal heult er laut, manchmal verhält er sich gemässigt. Ich bin allen so dankbar, die keine Angst vor ihm haben und lieb zu ihm sind. Er ist es nämlich auch. Er ist nie böse. Nur in den Legenden.

Das haben Taieb und ich am Wolfsabend im Tierpark Langenberg erfahren, zu dem ich im vorletzten Beitrag ein Bild zeig(t)e. Taiebs Lehrerin hatte uns darauf aufmerksam gemacht…

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