Influenza

Gut, zu schreiben begonnen habe ich, um unverblümt aus dem Leben mit chronischen Erkrankungen zu berichten. Dass ich jedoch schon nach viereinhalb Monaten denke: “Das glaubt jetzt dann niemand mehr.”, hätte ich aber nicht erwartet. Schon als ich den Unfall hatte, meinen ersten nennenswerten überhaupt, dachte ich dies; als klar wurde, dass er (oder das Medikament) auch gleich wieder zum Ausbruch der (einen) Erkrankung geführt hat, dachte ich dies erneut; und jetzt denke ich es zum dritten Mal, weil ich nämlich so eine richtig heftige Grippe habe. Also eine “echte” Grippe; keine Erkältung, mit der die Grippe oft verwechselt wird. (Eine Erkältung wird auch als grippaler Infekt bezeichnet.) Darum schrieb ich im Dezember jedes Mal bewusst “Erkältung”. Die war zwar ziemlich stark und ziemlich langwierig, aber eben: eine Erkältung. Keine Grippe. Jetzt ist es anders. Am Donnerstagabend fing sie an bzw. spürte ich die ersten Symptome, die von Anfang an stark waren.

Das ist es eben: Das Immunsystem wird unterdrückt, damit es körpereigenes Gewebe nicht mehr angreift und zerstört, und arbeitet dann halt generell auf Sparflamme. Früher hatte ich kaum je etwas, seit den Kortisonbehandlungen hat sich das deutlich geändert, und mit der neu begonnenen Therapie wird diese Tendenz sich eher noch verstärken, da Imurek ein noch stärkeres Immunsuppressivum ist. Man wird nicht nur (viel) anfälliger, die Infekte dauern auch länger und verlaufen heftiger. Das habe ich nun auch bei dieser Grippe zu spüren bekommen. Für Menschen mit chronischen Grunderkrankungen kann eine Grippe gefährlich werden. Ich werde versuchen, wenn diese Grippe vorüber ist und erste Erfolge der neuen Therapie sich einstellen, meine Abwehr auf andere Arten zu stärken. Das heruntergefahrene Immunsystem ist sowieso durch nichts ersetzbar, bei weitem nicht, aber es gibt schon ein paar Möglichkeiten, die Abwehr ein wenig zu stärken. Zusätzlich zu viel Gemüse essen, meine ich. Gemüse esse ich so oder so viel. Aber ich möchte noch ein paar andere Möglichkeiten ausprobieren, denn im Winterhalbjahr jeden Monat eine Erkältung oder eine Grippe zu haben, ist keine erfreuliche Aussicht.

Der Fall war dann auch heute Morgen bei meiner Hausärztin klar, als ich zur Blutkontrolle gehen musste. Das schaffte ich sowieso nur dank Medikamenten. Aber die Blutkontrollen wegen der neu begonnenen Therapie sind wichtig, vor allem am Anfang. Jede Woche. Später können bei guter Verträglichkeit die Abstände vergrössert werden. Also musste ich sowieso hin, und der Entzündungswert im Blut sagte dann “alles”: Von 5 bei der letzten Kontrolle auf über 140 heute Morgen. Bettruhe (schon wieder…), Tee, Bouillon (Brühe), Vitaminpräparate, weil ich die vergangenen vier Tage kaum etwas gegessen habe, und ein Medikament, das ich vertragen sollte und das die Symptome abschwächt, sodass ich doch nicht die ganze Zeit im Bett bleiben muss, da ich das ja nicht sollte… Dank dieser Medikamente konnte ich in den vergangenen vier Tagen auch wenigstens ein paar dringende Nachrichten schreiben: vor allem Terminverschiebungen und einen Geburtstagsgruss. Dank ihnen konnte ich den Kindern heute ein Mittagessen kochen, wenn auch nur etwas sehr schnell Zubereitetes: Eben die besagte Bouillon (Brühe) mit ein paar Gewürzen und Teigwareneinlagen; wir nennen sie in der Schweiz “Fideli”, aber ich habe keine Ahnung, wie sie in Deutschland wohl genannt werden. Jedenfalls haben wir sie alle sehr gerne.

Die “echte” Grippe heisst in der Fachsprache Influenza und ist eine Virusinfektion. Dass ich eine solche eingefangen hatte, vermutete ich. Als meine Hausärztin meine Vermutung bestätigte, war ich ein ganz kleines bisschen auch “froh” darüber. Denn manchmal kam der Gedanke auf, dass ich das Imurek vielleicht nicht vertrage und so stark darauf reagiere. Die Liste der Nebenwirkungen ist so lang, dass man mit vielem rechnen müsste, und auch die Ärztin erwähnte diese Möglichkeit. Aber der entsprechende Blutwert machte dann “alles” klar. Ich habe ja auch ein paar ganz anders bedingte Entzündungen zur Zeit, aber diese geben bei dem entsprechenden Wert selten an. Der Gedanke, dass ich das Imurek nicht vertrage, war einer, dem ein grosser Teil Panik innewohnte, und ich merkte, dass ich wirklich nicht mehr wüsste, was ich täte, wenn es so wäre. Es gibt schon noch andere Wirkstoffe als Azathioprin; es gibt die Biologika, die so biologisch tönen, aber überhaupt nicht biologisch sind, sondern so heissen, weil sie mittels biotechnischer Verfahren hergestellt werden. Es handelt sich dabei um nichts Biologisches, sondern um schwere Medikamente, die oft auch nicht so gut verträglich sind. Ja, die Panik war da; ich habe null Energie übrig für eine (erneute) Medikamenten-Unverträglichkeit bzw. einen Therapie-Misserfolg.

Und dann ist da noch der psychische Aspekt: wie es ist, wenn der Körper Stoffe, die helfen könnten, nicht verträgt, und irgendwann nicht mehr viel übrig bleiben würde… Ausser anderer Verfahren und Operationen…, die aber allesamt massive Eingriffe darstellen. Daran, dass organische (oder überhaupt physische) Krankheiten die Psyche auf ganz vielfältige Art belasten können, scheinen viele Leute nicht zu denken. Dafür gibt es diejenigen, die glauben und behaupten, jedes physische Problem habe eine psychische Ursache. Ja, das würde ich vielleicht auch glauben, wenn ich im Biologieunterricht nicht drausgekommen wäre oder mich an irgendeinem Humbug festhalten müsste… Natürlich hängen Körper und Seele zusammen, aber erstens eben mindestens genauso in die andere Richtung, und zweitens stimmen diese Vereinfachungen und simplen Sichtweisen nie. Das Leben ist unfassbar viel komplexer… Aber lassen wir das Thema; Hauptsache, es liegt nicht am Imurek und meine Panik ist verflogen.

Über 40 Grad Fieber: Taieb konnte mich schon kaum mehr anfassen und schon gar nicht glauben, dass ich zuvor noch extrem kalt gehabt und gefroren hatte. Er sah dann aber, als die Kälte die Hitze wieder ablöste, dass es stimmen musste; und machte alles, was er konnte, für mich. Die beiden Male, wo es sehr schlimm wurde, weil ich kein Medikament bzw. das Medikament zu spät eingenommen hatte, war nur er auch zu Hause. Er machte mir Tee und Punsch, brachte Karotten, die er zuvor säuberlich geschält hatte, auf Tellern ins Bett, und flitzte mit dem Trottinett zu unseren Nachbarinnen, die jedoch alle nicht zu Hause waren, um sie um Hilfe zu bitten. Es war wirklich schlimm zweimal, und ich hatte schon das Gefühl, wieder so weit wie Ende letzten Januars zu kommen. Damals kam es zu einer Herzmassage. Am Nachmittag. Am Morgen war ich noch an der Schule. Am Abend wusste ich: Das wars. Ich würde mich vorab um meine Gesundheit kümmern und sie vor alles setzen. Mir, den Kindern und der ganzen Familie zuliebe.

Das Blut hätte heute Morgen aus dem Finger genommen werden können. Das kann ich aber ganz und gar nicht ausstehen. Also fragte ich die Angestellte, ob sie es aus dem Arm nehmen könne. Sie reagierte zuerst etwas unwirsch und wenig verständnisvoll und meinte dann zu meiner Überraschung: “Ihre Venen werden ja sowieso schon arg strapaziert. Irgendwann wollen die dann nicht mehr.” Sie hätte also auch darum den Finger bevorzugt. Das hat mich irgendwie berührt, das hätte ich ihr gar nicht so gegeben. Sie nahm es dann aus dem linken Arm und ich bedankte mich zweimal bei ihr. Am kommenden Freitag habe ich bereits den Termin beim Rheumatologen in Zürich. Ich hoffe, dass ich ihn wahrnehmen kann; ein Ausflug an den Zürichsee wäre nämlich schön.

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