Ten ten

Das ist schon bemerkenswert: Bei allem, was war; schreiben konnte ich immer, fiel mir immer leicht und machte vor allem Freude. Das Virus hat es nun geschafft, dass sogar das Schreiben anstrengend ist und eher zäh abläuft, was ich mir gar nicht gewohnt bin. Ich habe das schon gestern festgestellt; und heute wieder. Das wird sich wieder ändern, aber es ist schon verrückt, was so ein winzig kleines Ding alles anrichten kann. Vor allem eben, wenn ich bedenke, was zuvor alles war, ohne dass die Freude an der Sprache sowie am Spiel und an der Kreativität mit ihr beeinträchtigt worden wären. Viren werden in Nanometern gemessen, ein Nanometer ist ein Milliardstelmeter oder ein Millionstel-Millimeter. Ein Virus misst gerade mal zwischen 20 und 300 Nanometern, scheint aber stärker als der Wolf zu sein. Der hat es nie geschafft, dass ich ein paar Tage gar nicht und danach nur langsam und mühsam schreiben gekonnt und dass mir die Inspiration dazu gefehlt hätte. Das hat nun dieses in Nanometern gemessene Ding zustande gebracht; auch wieder eine neue Erfahrung.

Wie schon aufgrund der Verletzungen und der damit verbundenen Angst, jemand könnte mir in den Rücken hineinlaufen oder ihn auch nur berühren, denke ich auch jetzt wieder an ältere und alte Menschen. Sie verlieren ja auch oft ihre Fähigkeiten. Das muss so schlimm sein. Es ist die Persönlichkeit, die zerfällt. Stück um Stück. Solange sie ihre liebsten und eigensten Gaben noch haben und einsetzen können, entspricht es wohl einfach dem “normalen” Alterungsprozess. Wenn aber alles wegfällt, muss es schlimm sein. Wie schon beim anderen Erlebnis habe ich mir auch jetzt wieder vorgenommen, vermehrt daran zu denken, wenn ich mit alten oder älteren Menschen zu tun habe. Vielleicht ist jemand deswegen aggressiv…; das wäre sehr verständlich… Ich bin jetzt nicht aggressiv, weil mir das Schreiben zum ersten Mal überhaupt schwerfällt, aber ich weiss ja auch, dass ich die Fähigkeit wiedererlange. Darum bin ich auch in einer anderen Lage als Menschen im Alter. Irritierend finde ich es aber auch; ich konnte es zuerst kaum glauben. Es ist eben wirklich das erste Mal. Es ist überhaupt meine erste schwere Virusinfektion; auch meine Mutter kann sich nicht an etwas Ähnliches erinnern, und ihr Gedächtnis funktioniert immer noch gut, was mich natürlich sehr freut für sie. Auch sonst ist sie für ihre bald 81 Jahre ziemlich fit und heute den ganzen Tag auf einem Ausflug mit ehemaligen Arbeitskollegen und -kolleginnen.

Ich war fast den ganzen Tag im Bett; ausser für das Mittagessen mit den Kindern und für ein warmes Bad. Das hat gut getan, da ich von dem Medizinalbad, das ich eigentlich wegen der Unfallfolgen habe, nahm. Das hat gewirkt und entspannt. Zuvor konnte ich den Kopf nicht mehr drehen, wirklich nicht mehr, und der ganze Hals und Nacken waren sehr steif und schmerzten. Die Kopfschmerzen sind so, dass ich das Gefühl habe, eine Betonmauer, die jeden Moment zu zerbersten droht, im Innern des Kopfs zu haben, also als Schädeldecke sozusagen. Das kann Angst auslösen, vor allem wenn das Pulsieren und Drücken so stark werden, dass ich eben das Gefühl bekomme, irgendetwas müsse jetzt dann gleich platzen. Auch die Knie schmerzen; anders und viel mehr, als ich es mir von “meiner” Erkrankung her gewohnt bin. Ganz vorne, vermutlich die Kniescheiben. Ich konnte kaum noch aufstehen, kaum die Treppe, die ich Mitte Dezember hinuntergestürzt war, hinuntergehen. Auch dies ist ein Novum für mich, und ich werde einfach alles daran setzen, am Freitagmorgen zu diesem Rheumatologen, bei dem mein Internist mich angemeldet hat, gehen zu können, damit er sich auch das anschauen kann. Ob der Husten nach wie vor auf die Unfallfolgen zurückzuführen ist oder von der Infektion her kommt, kann ich nicht beurteilen. Aber eher noch vom Unfall her, denn es ist immer noch dieser sogenannte Reizhusten, der nun aber schmerzhaft geworden ist, weil eben fast alles weh tut, wenn ich husten muss. Darum versuche ich ihn jeweils zu unterdrücken, wohl auch nicht so schlau… Im Bereich des Brustbeins habe ich sowieso Entzündungen; woher sie kommen, ist ebenfalls schwierig zu beurteilen. Es gibt immerhin drei Möglichkeiten: immer noch die Nachfolgen der Unfallverletzungen, Entzündungen aufgrund “meiner” chronischen Erkrankung oder aufgrund der Infektion.

Manchmal kommen auch neurologische Störungen hinzu, also Gefühlsstörungen in den Unterarmen, Händen und Fingern, so ein ganz feines Kribbeln. Eigentlich ein Anzeichen für MS. Aber eben längst nicht nur. Und für die Diagnose bin ich “zu alt”. Klar gibt es Ausnahmen, aber es geht ja einher mit der Virusinfektion und kommt zeitgleich mit anderen, noch nie dagewesenen Beschwerden. Ich kann dann jeweils auch nicht mehr richtig sprechen, also keine ganzen Sätze mehr machen. Auch beängstigend, begrenzend, einengend; auch wie bei vielen Menschen im Alter… Aber diese neurologischen Symptome kommen “nur”, wenn das Medikament, das ich gestern erhielt, in seiner Wirkung nachlässt. Sobald ich eine neue Tablette nehme, verschwinden sie wieder. Ich hoffe, dass es nicht allzu lange so weitergeht; sieben bis 14 Tage kann eine Influenza andauern, einige Symptome können noch mehrere Wochen darüber hinaus anhalten. Und dann ist es halt so, dass ich nicht nur mit einem schwereren, sondern auch mit einem längeren Verlauf rechnen muss. Den schwereren habe ich bereits; vielleicht bleibt dafür der längere aus… Das wäre mir mehr als recht. Ich möchte nämlich die Termine, die ich auf nächste Woche verschoben habe, wahrnehmen können, und ich möchte die Ferien mit den Kindern geniessen können. Eine Woche hier bzw. von hier aus, ein paar Tage im Tessin bei Nora und ein paar Tage in Ulm bei Tanja.

Nicht nur das Schreiben ist schwierig, sondern auch das Lesen. Das ärgert mich auch, weil ich sonst wenigstens viel lesen könnte. Nachzuholen gibt es einiges, wenn diese herausfordernde Zeit vorüber ist. Ich habe mich noch nie so sehr auf die wärmere Jahreszeit gefreut wie jetzt. Am meisten freue ich mich aber auf den Tag, an dem ich wieder inspiriert schreiben kann und der Text leicht und spontan von Hand fliesst. Und jetzt kommt dann gleich Taieb nach Hause; er war an Yanniks Geburtstagsparty eingeladen, Dragon Night, freute sich mit seiner ihm eigenen Innigkeit und Leidenschaft darauf und durfte sogar eine Stunde länger bleiben. Naila liegt neben mir im Bett und will auf Englisch bis Hundert zählen. Sie fragte: “Was heisst Hundert? Ten ten?” ?

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.