Case, care & cash

Zum Glück hatte Pippo Pollina sich für das Konzert in Zürich Freitag, den 13., ausgesucht. Am 20. wäre das gar nichts geworden für mich und am 27. auch nicht. Obschon am Donnerstag noch alles, wirklich alles, dagegen sprach, schaffte ich am Freitagmorgen meinen Ausflug nach Zürich. Der Rheumatologe arbeitet in einer Klinik nahe am See; an der Seestelle, wo Taieb fast zur Welt gekommen wäre. Ich war, als ich wieder in die von der Sonne durchschnittene Winterluft hinausging, aus verschiedenen Gründen froh, dass ich es geschafft hatte.

Natürlich hatte ich einen fachlich und menschlich kompetenten Arzt erwartet, weil ich mir nicht vorstellen könnte, dass mein Internist einen anderen empfehlen würde. Was dennoch auffiel und guttat: das wirkliche Interesse und das wirkliche Zuhören, das Offensein für Fragen, das Eingehen auf das, was kommt, und nicht stures Vorgehen nach Plan, die sorgfältige Abklärung der relevanten Fragen, die Ruhe und die Zeit… und ein bisschen Humor.

Den brauchten wir, als wir über Versicherungen diskutierten. Ich erzählte ihm von meiner Erfahrung bei und mit Herrn K., und er zeigte auf einen Stapel Papiere und sagte, dies sei der Fall eines Patienten, der einen Unfall gehabt habe und über den er im Schnitt alle zwei Wochen ein Formular, manchmal auch fünfseitige Formulare mit 50 Fragen, ausfüllen und Berichte verfassen müsse, jedes Mal das Gleiche schreiben, damit am Ende die Versicherung dann doch über die Köpfe der Experten hinweg entscheidet und findet, sie wolle nicht mehr zahlen.

Sehr mühsam sei das ganze System, meinte er, für alle Beteiligten: für die Patienten und Patientinnen, die ja meistens sowieso in einer schwierigen Lage sind; für die Ärzte und Ärztinnen, die so viele Ressourcen für nichts und wieder nichts brauchen. Die sie andernorts einsetzen könnten und sollten und auch gerne würden… Oft stecke Absicht dahinter, vor allem wenn der Patient oder die Patientin kein oder nur schlecht Deutsch kann und vollkommen verloren ist. Und ja; das, was “alle” sagen, die das System durchschaut haben und ehrlich sind: Es geht fast nie um den Menschen. Es geht ums Geld.

Was hier abgeht, ist für einen sogenannten Sozialstaat unwürdig und beschämend. Vor einem Jahr wusste ich es noch nicht. Vor einem Jahr war ich – diesbezüglich – auch noch so richtig schön naiv. Da ist jetzt ein grosser, höchst unerfreulicher Erfahrungsschatz dazugekommen, ein Einblick in eine falsche Welt, die ich eigentlich nie hätte kennen lernen wollen, die ich aber nun mal kennen gelernt habe – an dieser Stelle: VIELEN DANK (!) – und auf die ich aufmerksam machen werde.

Als ich ihm gegenüber sass und er auf die Akten zeigte, stellte ich mir einen schon etwas älteren Herrn vor, der einen ziemlich schweren Unfall gehabt hatte, für den der Arzt sich nun einsetzt und dem die Versicherung das Leben noch schwerer macht. So läuft es meistens. Ein weiterer Arzt, der den Menschen helfen und nicht stundenlangen, sinnlosen Papierkram erledigen möchte, hat es bestätigt.

Auf der Website der betreffenden Versicherung in meinem eigenen Fall steht übrigens: “Unsere Vertrauensärzte und -ärztinnen sind unabhängige Ärzte und Ärztinnen…” (Hat mir Frau S., als ich ein erstes Mal unangenehm wurde und sie mich noch für dumm hielt, sogar in einem E-Mail geschrieben.) So lügt man den Leuten ins Gesicht. Sie sind genauso unabhängig wie Politiker in populistisch geführten Staaten.

Auch interessant ist, wie die Versicherungen ihre Case oder Care-Management-Produkte anpreisen. Den Patienten und Patientinnen gegenüber werden sie so verkauft, als ob da ganz viel professionelle Hilfe und liebenswürdige Unterstützung angeboten würden. Den Arbeitgebern gegenüber werden sie so verkauft, dass sofort hingeschaut und gehandelt werde. Sprich: So schnell wie möglich wird dafür gesorgt, dass eine kranke oder verunfallte Person gesundgeschrieben wird.

Das geht auf vielerlei Arten. Herr K. hat uns ein paar geliefert; es gibt weitere. Wenn jemand nicht als Para- oder Tetraplegiker(in) in Nottwil liegt, dann ist es auch nicht so schlimm; dann manipulieren wir die Person auf dem Papier gesund. Das englische Wort “rotten” ist hier zutreffend. Dafür ist das Wort “care” vollkommen fehl am Platz; um “care” geht es den Care- oder Case-Managern nicht; es geht ihnen um “cash”. Cash-Manager wäre eine ehrliche Bezeichnung. Ich werde den Vorschlag mal machen.

Meine Viren sind noch nicht draussen. Immerhin spüre ich seit gestern eine langsame Besserung, nachdem ich die Nacken-, Glieder- und Muskelschmerzen in den vergangenen Tagen kaum noch aushielt. Ich konnte mich kaum bewegen, kaum gehen, kaum etwas machen. Ich fühlte mich eingesperrt, eingeengt, und obschon ich ja gesundheitlich viel durchgemacht habe, stellt diese Infektion einen neuen Tiefpunkt dar. Der mir aber vielleicht auch wieder das eine oder andere, was noch nicht ganz klar war, aufgezeigt hat. Es hat ihn wohl gebraucht.

Auch die letzte Nacht war unangenehm gewesen, weil ich kaum in einer Position schlafen konnte, ohne dass irgendetwas weh tat. Vor allem eben Kopf, Nacken und Hals. Bei der “echten” Grippe ist oft der ganze Körper betroffen. Eigentlich kenne ich das ja von irgendwoher…: theoretisch. In der Praxis ist es so, dass das Vollbild der Krankheit mit den heutigen Behandlungsmethoden nicht mehr auftritt und ich zum Beispiel Strategien entwickelt habe, um mich extrem auf die nicht betroffenen Organe und Körperteile zu konzentrieren, sodass ich das, was in den anderen abgeht, den Autoimmunsturm, jeweils aushalte.

Eine Strategie, die etwas Geniales hat, aber ich glaube, man muss eine Person sein, die sich extrem gut konzentrieren und die Aufmerksamkeit voll und ganz auf etwas lenken kann, damit sie funktioniert. Sie hat mich in so vielen Situationen “gerettet”. Die Kehrseite der Medaille ist, dass die Menschen nicht merken, was mit einem los ist. Jedenfalls die meisten… Und bei der Virusinfektion konnte ich sie nicht anwenden. Denn wenn alles weh tut, bleibt nichts mehr übrig, worauf man den Fokus richten könnte.

Gestern und heute ist endlich wieder einmal die Sonne durch die Wolkenschicht gedrungen. Der Januar war sehr neblig, grau und trüb. Heute habe ich zum ersten Mal das Gefühl, die Tage würden wieder länger. Und Taieb hatte einen Traum: “Ich habe geträumt wie ein Wissenschaftler; wenn die Erde nicht rund wäre und sich nicht drehen würde, wäre auf einer Seite immer Tag und auf der anderen immer Nacht.” 🙂

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