Supple…

Zwölf Tage und (k)ein Ende in Sicht? Doch, langsam, aber sicher. Nachdem meine Lebensgeister am Freitag kurzzeitig aufgeflackert waren – wahrscheinlich aus erneutem Ärger über unseren Pseudo-Sozialstaat; Ärger, den es in positive Energie und Aktionen umzusetzen gilt – erloschen sie für das Wochenende noch einmal fast vollständig. Die einzig wirklich erfreuliche und aufheiternde Sache war Roger Federers Triumph in Melbourne. Er hat “meinen” Sonntag gerettet. Ausnahmetalente faszinieren mich – (fast) egal, in welchem Bereich. Roger Federer gehört definitiv dazu – und das schon sehr lange. Auch Taieb war kaum zu bremsen vor Begeisterung.

Abgesehen davon konnte ich am Wochenende fast nichts machen, auch nicht lesen, auch nicht schreiben, was dann schon sehr einschränkend, sehr langweilig und auch psychisch nicht ganz einfach war. Ich denke, dass ich eine psychisch stabile und resistente Person bin. Aber wenn jede Bewegung, jeder Schritt eine Anstrengung ist und fast nichts mehr geht, dafür fast alles weh tut, dann geht es mir psychisch auch nicht mehr gut. Aber eben: Die Lebensgeister sind heute erneut zurückgekehrt, und ich muss nun einfach aufpassen, dass ich nicht gleich zu viel anpacken möchte; sonst kommt es nicht gut. Mit Taieb habe ich gekocht: “Sweet and Sour” mit Peperoni, Zucchetti, Tofu, … und Basmatireis. Er hat geholfen und das alles gerne gegessen, worüber ich froh bin. Vom Reis haben wir übrig, sodass wir beschlossen haben, morgen eine indische Sauce dazu zu machen: “Korma” mit Bananen, Äpfeln und Birnen.

Kochen macht wirklich wieder Freude, seit die Kinder offen für verschiedene Geschmacksrichtungen geworden sind. Essen konnte ich die ersten vier Tage seit Beginn der Influenza kaum etwas, aber dann kehrte der Appetit zurück und war so mehr oder weniger das Einzige, was die vergangenen acht Tage “normal” war. Das ist auch gut so; sonst hätte es nämlich auch diesbezüglich prekär werden können. Mein Arzt in Zürich sagt immer: “Sie nehmen nie zu.” Das glaube ich nach der letzten langen und intensiven Kortisontherapie auch. Früher sagten mir manchmal Kollegen: “Warte nur ab, bis du 40 bist; dann ändert sich das.” Ich fand das jeweils lustig und lachte mit, aber ich glaubte es nie, weil erstens schon bei 30 das Gleiche gesagt werden müsste und weil ich zweitens spürte, dass es nicht so sein würde. Bald werde ich 44, und das Hochzeitskleid – es ist violett 🙂 – passt mir noch wie vor zehn Jahren.

Heute konnte ich auch wieder einkaufen gehen. Am Mittwoch brachte meine Mutter eine Tüte voller Waren, am Donnerstag mein Mann, und am Freitag brachten beide volle Einkaufstüten nach Hause, sodass unser Kühlschrank aus allen Nähten platzt, obschon Taieb und ich fleissig am Kochen und am Essen sind. Er kam heute Morgen auch mit mir zur Hausärztin. Für die Blutabnahme war der rechte Arm an der Reihe, und die Angestellte meinte heute, es sei kein Problem, dass ich es aus dem Finger nicht aushalte. Wir wechseln nun einfach ab, rechter Arm, linker Arm, weil die Venen ja sowieso schon oft gestochen werden. Nach meiner Drogenkarriere besonders blöd… Nein, das musste ich jetzt einfach schreiben, weil der Rheumatologe auch in diesem Punkt so recht hatte: “Sie geben einem immer das Gefühl der Schuld – von Anfang an.” Mit “sie” sind die Versicherungen gemeint. Und ja, das ist so. Darum die Drogenkarriere. Um es mal ein bisschen klar zu machen… Dazu seit 25 Jahren Raucherin und 25 Kilogramm übergewichtig. Damit das mit dem Schuldgefühl, das sie einem tatsächlich immer vermitteln, irgendwie hinkommt. Oder auch nicht. Mit “sie” sind die Versicherungen gemeint.

Heute blutete es ziemlich stark nach der Entnahme, und die Angestellte fand sowieso, die Venen seien rechts dünner. (muss auch etwas mit meiner Vergangenheit zu tun haben…) Wenn es so blutet, finde ich das schon unangenehm, obschon ich ja mit Blut so abgehärtet bin. Ich hoffe, beim übernächsten Mal, wenn wieder der rechte Arm daran ist, klappt es besser. “So das wars – für heute.”, fand die Angestellte und erklärte Taieb noch kurz, warum die Fläschchen sich da so lustig drehen würden. Die Resultate waren dann nicht schlecht: Leber- und Nierenwerte gut, was für die Therapie wichtig ist, und der Entzündungswert zwar immer noch erhöht (47), aber im Vergleich zu den 144 vom letzten Montag doch deutlich besser. Und eben: Seit heute fühle ich mich auch endlich wieder besser.

Nicht schlecht waren auch die Befunde beim Rheumatologen am letzten Freitag: Die Gelenke sind nur leicht entzündet und gar nicht beschädigt. Letzteres hatte ich erwartet, das ist bei “meiner” Erkrankung üblich. Ersteres ist aber besonders erfreulich, da ich um “alles”, was nicht oder nur wenig entzündet ist, erleichtert sein kann. Es bedeutet, dass die Gelenke nicht allzu sehr von der Krankheit in Mitleidenschaft gezogen werden, und das ist ein Lichtblick, den ich sehr, sehr gut “brauchen” kann. Die Schmerzen in den Gelenken kommen wohl hauptsächlich von einer Überbeweglichkeit her. Dadurch werden die Sehnen zu stark oder falsch belastet und reagieren, sodass es zu Flüssigkeitsansammlungen um sie herum kommt. Dies haben wir auf den Ultraschallbildern gut erkennen können.

Er liess mich eine erste Übung machen. “Sie sind wahrscheinlich überbeweglich.” Dann musste ich eine zweite Übung machen. “Sie sind überbeweglich.” Dann zeigte er mir eine dritte Übung. “Sie sind auf jeden Fall überbeweglich.” Er sei es selbst auch, erzählte er mir, war aber dennoch beeindruckt von meinen “Leistungen”. Es war ganz lustig… und ich erinnerte mich plötzlich, dass schon einmal – vor langer Zeit – ein Sportarzt das Gleiche festgestellt hatte. Zu ihm war ich damals ebenfalls wegen Knieproblemen gegangen. Diese Erinnerung rief eine andere wach: den Aikido-Trainer in Birmingham vor 20 Jahren, der sich über meine Beweglichkeit wunderte und meinte: “a very supple lady”. Den Ausdruck werde ich nie vergessen; ich hatte das Adjektiv schon zuvor gekannt, nicht aber in dem Zusammenhang.

Gegen die Schmerzen durch diese Überbeweglichkeit helfen Schuheinlagen (die ja zum Glück niemand sieht ;-)) und Physiotherapie. Der Arzt riet mir aber auch, zuerst die Virusinfektion auszukurieren und abzuwarten, bis erste Erfolge der neuen Therapie sich einstellen, bevor ich eine Physiotherapie ins Auge fasse. Sonst wird es zu viel. Ich sollte ja auch noch ein paarmal ins Thermalbad nach Zurzach gehen; da haben die Schmerzen und weiteren Folgen nach dem Unfall an sich sowie die Infektion den Plan gründlich durcheinander gebracht. Ich werde nun “alles” Schritt um Schritt angehen. Für den Blog habe ich jetzt mein eigenes Domain (www.sabessblog.ch). Da wir mit den Anpassungsmöglichkeiten nicht so zufrieden sind, haben wir entschieden, meinen Blog auf einen anderen Server umzuplatzieren, von wo aus die von mir gewünschten Anpassungen problemlos möglich sein werden. Zudem hilft Sandro, den Karina mir vermittelt hat, mit der Einrichtung meiner Website (www.sabess.ch). Bis Ende März sollten beide Seiten so aussehen, wie ich es mir vorerst einmal vorstelle, und funktionieren.

Heute ist der 30. Januar. So quasi mein zweiter Geburtstag seit letztem Jahr. Da haben auch die sich seit dem 14. Dezember überschlagenden Ereignisse meinen Plan, einen Rückblick auf das, was vor einem Jahr geschah, gründlich durcheinander gebracht. Ich werde ihn irgendwann machen; das steht ausser Zweifel. Aber momentan bin ich nicht bereit und nicht in Stimmung dazu. Dass ich ein Jahr danach fast wieder so weit kam, hat mich nachdenklich gestimmt. Dem muss ich zuerst Zeit und Raum geben. Wenn ich ein Bad nehme und SRF 1 ausgerechnet den “Ferryman” abspielen muss, ist das auch eine Art Psychotherapie. Weil ich nämlich nicht ausweichen kann. Bis ich das Radio ausgeschaltet gehabt hätte, hätten sie mich schon längst durchdrungen gehabt. Diese Worte.

“Beware that hooded old man at the rudder, (rudder, rudder, …)”

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