Ein schmaler Grat

Bei der “echten” Grippe, die meistens langwieriger und bedeutend weniger harmlos ist als grippale Infekte, mit denen die Grippe oft verwechselt wird, ist das Risiko, dass Familienmitglieder sich anstecken, bei mindestens einem Drittel. Bei uns hätte sich demzufolge also mindestens ein Familienmitglied anstecken “müssen”. Es sieht aber ganz danach aus, als ob sie sich nicht angesteckt hätten. Was natürlich gut ist. Sie sind ja auch nicht immunsupprimiert… Die Ansteckungsgefahr bei Infektionen ist unter Immunsuppression deutlich erhöht, die Verläufe sind oft schwerer, langwieriger und hartnäckiger, die Gefahr für Komplikationen ist ebenfalls deutlich erhöht. Für Menschen, die Immunsuppressiva nehmen müssen, ist jede Infektion eine (ganz) andere Geschichte als für Menschen, die an sich gesund sind.

Ich bekomme das auch immer wieder zu spüren; am heftigsten bei der soeben überstandenen Influenza. Das heisst, ganz überstanden ist sie noch nicht; ich bin oft müde, obschon ich in den letzten Wochen viel geschlafen habe. Dann muss ich mich setzen oder hinlegen; anders geht es nicht. Auch das allgemeine Krankheitsgefühl ist noch nicht ganz verschwunden. Kopfschmerzen hatte ich am Freitag wieder, und die Schmerzen in den Kniescheiben sind auch noch nicht ganz verschwunden. Aber deutlich zurückgegangen; ich kann wieder Treppen hinuntergehen und ich kann auch wieder sitzen. Vielleicht habe ich auch seit letztem Mittwoch zu viel gemacht; diese Möglichkeit besteht bei mir immer, und es gibt ab und zu Menschen, die mich etwas zurückhalten wollen und es auch wirklich gut meinen. Und letztlich wohl recht haben… Wie auch immer, muss ich ein bisschen aufpassen, um keinen Rückfall zu erleiden. Andererseits ist es wichtig, dass ich etwas unternehme und aus dem Haus komme; die zehn Tage, in denen ich – abgesehen von Arztbesuchen – zu Hause und davon die meiste Zeit im Bett war und gar nichts mehr machen konnte, hatten mir auch psychisch zugesetzt. Ich hatte Angst, dass ich nie mehr Energie zurückgewänne; ich hatte Angst, dass ich es nach allem, was war, nicht noch einmal schaffen würde; ich hatte Angst, dass ich so weit käme wie vor einem Jahr. Viel gefehlt hätte nicht.

Damals, genau gesagt an jenem 30. Januar, war ich noch bis 11.50 Uhr im Schulzimmer. Als ich mit dem Auto nach Hause fuhr, wurde mir übel und sämtliche Anzeichen eines Kreislaufkollapses, die ich ja einmal aufgezählt habe, stellten sich ein. Ich wusste nur zu gut, was sie bedeuteten, hatte aber keine Toilette, kein leeres Schulzimmer, kein Zimmer zu Hause und auch sonst nichts als Zufluchtsort. Und sie waren stärker und ausgeprägter als gewohnt. Also hielt ich so schnell wie möglich an, stieg aus, … und dann weiss ich eben nicht mehr viel. Ich muss mich wohl übergeben haben, ich muss wohl zusammengebrochen sein…; jedenfalls hielt ein Auto und ein Mann stieg aus. Das bekam ich so aber nicht mit, sondern erfuhr es später. Ich bekam “nur” kurz mit, dass er stark auf mich eindrückte, dass es weh tat, als ob er mir die Rippen brechen wollte, dass ich keine Luft bekam, dass ich mich wie in einem luftleeren Loch befand; kein schwarzes Loch, es war weiss und gab nichts her, ich fiel hinein und bekam wieder nichts mehr mit, nur diese Stimme, dieses Lied, diese Worte, die mich seither verfolgen, denen ich aber nicht ausweichen kann und auch gar nicht ausweichen will. “And then the lightning flashed and the thunder roared, people calling out his name, (name, name…)” Her name?

Dieser schon etwas ältere Mann hat mir – höchstwahrscheinlich – das Leben gerettet. Indem er nicht zögerte, indem er nicht wegschaute, indem er nicht weiterfuhr. Indem er einschritt, indem er eingriff. Im übertragenen und im wörtlichen Sinn. Mit der Herzdruckmassage, die er in einem Samariterkurs gelernt hatte. Als ich wieder zu mir gekommen war, wollte er mich ins nächstgelegene Spital fahren. Aber ich wollte nach Hause. Ich wusste ja nur zu gut, was los war. Ich wusste, dass ich schon seit mehreren Wochen krankgeschrieben wäre; ich wusste, dass ich es auf die Spitze getrieben und mein Leben aufs Spiel gesetzt hatte; ich wusste, dass dies das Ende meiner bisher schlimmsten Zeit war. Er fuhr mich dennoch ins Spital, wo ich zum Glück sofort untersucht wurde und noch viel mehr zum Glück auf einen Arzt traf, der “meine” Erkrankung kennt; diejenige mit dem seltsamen und unaussprechlichen Namen, diejenige, deren Symbol der Schmetterling ist, diejenige, die eben auch etliche Ärzte und Ärztinnen nicht “richtig” kennen. Er verstand darum schnell, was los war, arbeitete effizient und liess mich nach einer Überwachungszeit von vier Stunden nach Hause; unter dem Versprechen, nicht noch weitere zwei Monate in diesem Zustand arbeiten zu gehen. Was ich damals endlich zulassen konnte. Endlich, endlich.

Der schon etwas ältere Autofahrer hatte kein Handy (Mobiltelefon) dabei. Aber das hätte in dem Fall auch nichts gebracht. Die Rettung lag nicht in einem Handy; die Rettung lag in seiner Zivilcourage. Ich hätte ihn gerne für die Nomination des “Prix Courage” des “Beobachters” vorschlagen wollen; ich hätte ihm gerne öffentlich gedankt und sein mutiges und professionelles Handeln bekannt gemacht. Aber er wollte das nicht; er ist sehr bescheiden und eher zurückgezogen, nicht nur in diesem sehr speziellen Punkt, sondern ganz allgemein in seinem Leben. Irgendwie wohltuend leise in einer lauten Zeit der medialen Selbstdarstellungen, Selbstbezogenheiten und Selbstverliebtheiten. Seither schicke ich ihm jeden Monat – jeweils zum letzten Wochenende jedes Monats – einen Blumenstrauss und weiss, dass er und seine Frau sich darüber freuen. Das stimmt für mich so auch. Er hat mir – höchstwahrscheinlich – das Leben gerettet. Denn die Bewusstlosigkeit dauerte mehr als 40 Sekunden, und er hatte das Gefühl, mein Herzschlag sei sich am Verändern…, so ein bisschen beschönigend ausgedrückt. Das ist dann irgendwann der schmale Grat zwischen Kreislaufkollaps und Kreislaufstillstand, auch klinischer Tod genannt. Das ist jetzt nicht mehr beschönigend ausgedrückt. Jedenfalls hat er mich mit seiner Herzdruckmassage zurückgeholt. Zurück von diesem freien Fall ins Ungewisse. Es fühlte sich an, als ob jemand ein Brett, auf dem ich lag, unter mir weggerissen hätte und als ob ich danach in genau jener flach liegenden Position in eine ungewisse Tiefe gestürzt wäre. Plötzlich hörte der Fall auf, wurde abrupt gestoppt. Ich war wieder da – erinnerte mich und bekam noch nie zuvor verspürte Angst. Angst vor dem Endgültigen, dem ich wohl knapp entronnen war.

Ich werde über diesen Nachmittag noch mehr schreiben. Nicht viel mehr, da ich ja bewusstlos war und meine Erinnerungen vage sind. Aber das eine oder andere wird mir schon noch in den Sinn kommen, gibt es schon noch zu ergänzen. Ich werde es tun, wenn ich bereit dazu bin. Dass ich jetzt über diesen Nachmittag berichtet habe, war völlig ungeplant, kam völlig unerwartet, und ich bin selbst etwas überrascht und erschrocken. Es hat mich natürlich auch wieder mitgenommen. Vielleicht kann ich auch darum jetzt nicht mehr darüber berichten; vielleicht kann ich es ja gar nie… Doch ich glaube schon, dass ich es kann, will und muss. Nur schon, um gewisse Punkte in Relation zu setzen. Unbeantwortete emails, zum Beispiel. Unbeantwortete Fragen. Zum Teil sehr penetrant, sehr unbeholfen. Aber vor allem penetrant. Zu Seitenzahlen, Büchern, Grammatik-Themen. Ich kämpfte um meine Gesundheit, ich kämpfte für kurze Zeit auch um mein Leben, ich hatte (und habe) zwei Kinder, die noch nicht einmal in der Mittelstufe waren (und sind). Ich war wegen einer schweren Krankheit krankgeschrieben; nicht wegen eines Beinbruchs. Ich hatte mich bemüht zu erklären, was Autoimmunerkrankungen sind, was “chronisch” bedeutet, welche komplexen Auswirkungen dahintersteck(t)en. Leider wollen oder können einige Leute das alles nicht verstehen. Mein nahes Umfeld sowie Fachpersonen rieten mir einen Monat später (!), mich abzugrenzen. “Wenn Sie mit einem Hirnschlag im Spital lägen, würden “andere” Sie auch nicht (die ganze Zeit) mit Fragen und emails bestürmen.”, brachte es eine Psychologin und Laufbahnberaterin, bei der ich mich in beruflicher Hinsicht beraten liess, auf den Punkt. Genau, das ist es. So einfach ausgedrückt, so schwierig, damit zurechtzukommen…

Heute Morgen war wie gewohnt Blutkontrolle-Termin. Der Entzündungswert ist wieder im Normalbereich. Diese Grippe war schlimm; das hat meine Hausärztin auch noch einmal so ausgedrückt, auch im Hinblick auf eingangs des Textes erwähntes Thema. Leider sind die Leberwerte am Ansteigen; schon letztes Mal, wie sich im Nachhinein zeigte, und heute Morgen noch weiter. Auch die Werte der Bauchspeicheldrüse. Nun muss ich morgen früh noch mit meinem Facharzt in Zürich telefonieren. Nicht gerade erfreulich… Aber danach fahre ich mit Naila nach Ulm, um Tanja und ihre Familie zu besuchen. Leber- und Bauchspeicheldrüsen-Werte hin oder her.

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