Von Schicksalen und Profitgier

Ich konnte dann nicht widerstehen. Dem Wein schon, den Süssigkeiten ebenfalls. Den Shishas. Aber zu „Sidi Mansour“ nicht zu tanzen, das geht nicht. Schon gar nicht, wenn es live vorgetragen und für mich gesungen wird. Zu viele Erinnerungen sind damit verbunden, zu viel bedeutet es mir. Wir tanzten also, kamen um 4.30 Uhr nach Hause und waren um 5 Uhr im Bett. So spät ist es schon lange nicht mehr geworden. Wir waren froh, dass die Kinder bei meiner Mutter waren und wir bis 13 Uhr schlafen konnten. Nach ein paar Tassen Kaffee holten wir die Kinder ab und fuhren mit ihnen nach Zurzach. Für mich ist es Therapie, für meinen Mann Entspannung und für die Kinder Vergnügen. Das Thermalbad bietet für uns alle etwas, tut uns allen gut.

Nach dem ersten Unfall hatte ich eine ärztliche Verordnung für zehn Besuche im Thermal- und Solebad sowie eine weitere für zehn Osteopathie-Behandlungen. Blöder als die Dauerkopfschmerzen, die erst seit gestern eben keine Dauerschmerzen mehr sind, sondern mit Unterbrüchen auftreten, ist die Tatsache, dass das ganze System wieder in Mitleidenschaft gezogen worden ist und die Rückenschmerzen, die der erste Unfall verursacht hatte und die fast weg waren, nach dem Schlag mit dem Kopf an die Metallstange im Dubliner Bus zurückgekommen sind. Das Gleiche gilt für die thorakalen Schmerzen: Sie waren fast weg gewesen, sind durch den erneuten Unfall jedoch in der gleichen Form zurückgekommen. Das war für mich fast am schlimmsten, weil ich das Gefühl hatte, wieder bei Null beginnen zu müssen. Dieses Gefühl habe ich sowieso öfters und werde ich wahrscheinlich immer wieder haben. Damit kann ich umgehen. Aber bei den Unfällen zusätzlich mit diesem Gefühl konfrontiert gewesen zu sein, war nicht so lustig. Jetzt sind die Schmerzen im Bereich des Brustkorbs und die Rückenschmerzen aber wieder am Zurückgehen, und ich sehe die zusätzlich verordneten Therapien auch als Zeit der Entspannung, Zeit der Ruhe und Zeit für mich. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir uns solche Zeiten zugestehen und uns selbst wertschätzen. Wenn wir dies nicht tun, aber ständige Wertschätzung von aussen erwarten oder brauchen, stimmt etwas nicht. Zuerst müssen wir sie uns selber geben. Erst dann kann sie auch von aussen kommen. Und wenn sie nicht kommt, trifft es uns viel weniger. Eine von vielen, wirklich vielen wertvollen Einsichten, zu denen ich durch die schwere Erkrankung und die damit verbundenen Erlebnisse und Erfahrungen gelangen konnte. Für diese bin ich dankbar; sie haben mich zu der Person, die ich heute bin, gemacht. Sie waren hart, sie forderten heraus, sie bleiben mir erhalten. Sie waren grenzwertig.

Die Grenze zwischen Leben und Tod habe ich auch beschritten. Nicht gesucht, ausgelotet, wie dieser Tage über den im Himalaya tödlich verunglückten Extrembergsteiger Ueli Steck berichtet wird. Aber beschritten. Dass das Suchen und Ausloten dieser Grenze bewundert und bejubelt wird, ist für mich eher schwierig zu verstehen. Die Verklärung stimmt für mich nicht. Wer diese Grenze nicht sucht und nicht auslotet, sie aber trotzdem einmal beschritten hat, kann sich irgendwie betrogen vorkommen. Vor allem, wenn es in noch relativ jungen Jahren passiert. Ich war 42. Als die Krankheiten ausbrachen, war ich 35. Diese Grenze zu beschreiten, hatte nichts Grossartiges, nichts Heldenhaftes, nichts Reisserisches. Es war vielmehr das Ende einer ganz schlimmen Zeit, insbesondere am Arbeitsplatz, und der Anfang von zahlreichen Auf- und Umbrüchen in meinem Leben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch, der diese Erfahrung in noch relativ jungen Jahren machen musste, sie je freiwillig machen wollte. Ich glaube, das kann nur ein Mensch wollen, dem das Müssen darin fehlt. Als Extrembergsteiger zum Beispiel, der den Zurückgebliebenen, den Normalsterblichen vom Tor zum Jenseits berichtet und darum die unterschiedlichsten Menschen in seinen Bann zu ziehen vermag. So habe ich es gelesen und nicht ganz verstanden, was daran so einzigartig sein soll. Es gibt wohl immer und überall Menschen, die davon berichten können. Nicht als Extrembergsteiger, die dieses Tor nicht sehen müssen, sondern wollen, doch als von schweren Verletzungen oder Erkrankungen Betroffene, die es nicht sehen wollten, sondern mussten. In letzterem Fall fehlt das Grossartige, Heldenhafte, Reisserische. Sie ist still, diese Erfahrung. Manchmal, wenn ich müde bin, holt sie mich ein.

Gestern Nachmittag fuhr ich gleich noch einmal nach Zurzach. Kinder bezahlen im Thermalbad am Mittwochnachmittag nur den halben Preis, und es hat deutlich weniger Besucher und Besucherinnen als am Wochenende oder an Feiertagen. Taieb und Naila schlossen Freundschaft mit Pauline, einem Mädchen aus Tann. „Mir händ e Fründin gfunde, sie isch us Thun!“, klärte Naila mich auf. Paulines Mutter stand daneben, fing an zu lachen und sagte mir, wo sie tatsächlich wohnen würden. Sie war mir sofort sympathisch, und ich erinnerte mich an Ludmila, Maxims Mutter, die ich in der Kinderspielhalle „Berolino“ kennengelernt hatte und bei der ich mich nächste Woche melden werde, damit wir eine Schiff-Fahrt mit den Kindern auf dem Rhein planen können. Paulines Mutter erzählte mir, dass ihre beiden älteren Kinder Schweizerdeutsch sprächen, die Jüngste aber beharrlich beim Hochdeutschen geblieben sei. Vielleicht, weil die engagierte Kindergärtnerin grossen Wert darauf gelegt hatte… Egal: Die drei verstanden sich sofort und sausten ungezählte Male in der Strömung im Kreis herum. Immer wieder sah ich ihre Köpfe auftauchen und vorbeisausen. Taiebs braune Haarspitzen, Nailas dunkle Locken. Zwischendurch graue Haare, den Kopf eines älteren Herrn. Taieb und Naila spielten „Surfbrett“, Taieb war der Surfer, Naila das Brett…, und alle waren zufrieden. Die Sonne schien, die Farben der Blumen in den Beeten leuchteten, mein Blick schweifte ab und zu in den nahegelegenen Wald. Mir fielen eine Frau und ein junger Mann auf, die zerebrale Beeinträchtigungen zu haben scheinen. Für sie hoffte ich besonders, dass sie das Baden geniessen können, dass es sie entspannt und ihnen guttut. Zerebrale Beeinträchtigungen – vielleicht von Geburt an, vielleicht durch einen Unfall. Es kann ganz schnell gehen – für uns alle. Ganz schnell kann es mehr sein als eine leichte Gehirnerschütterung… Der junge Mann war, so vermutete ich, mit seinen Grosseltern im Bad. Für die geduldige und ruhige ältere Frau, die sich um ihn kümmerte und auf ihn wartete, für mich eben seine Grossmutter, hoffte ich, dass auch ihr das Baden guttat.

Bevor wir nach Zurzach fuhren, war ich bei meiner Ärztin gewesen – zur Blutkontrolle und anschliessender Besprechung. Das Stechen tat weh, und manchmal frage ich mich, wie ich das häufige Stechen über Wochen, Monate, Jahre, für immer… aushalten soll. Die Resultate waren dafür erfreulich, was bedeutet, dass wir die am 11. Januar begonnenen und bis zu den Frühlingsferien schon fast zur Gewohnheit gewordenen wöchentlichen Kontrollen auf monatliche Kontrollen reduzieren können. Meine Venen werden nichts dagegen haben… Das ist ein kleiner Erfolg, der mich freut. Noch viel mehr freute mich jedoch die Feststellung meiner Ärztin, dass ich sehr viel gelernt hätte und persönlich weit gekommen sei in dieser Zeit der langen Krankschreibung. Das empfinde ich selbst auch so. Es von anderen zu hören, ist trotzdem bestärkend; insbesondere wenn die Feststellung von Menschen kommt, die wissen und verstehen, was ich so alles erlebt und erfahren habe in den vergangenen Monaten und Jahren. Mit ihr hatte ich mich über die drei äusserst lesenswerten Artikel aus dem „Beobachter“, die ich gestern auf Facebook postete und hier anfüge, unterhalten.

http://www.beobachter.ch/gesellschaft/artikel/krebs-am-arbeitsplatz_der-lange-weg-zurueck/

http://www.beobachter.ch/geld-sicherheit/versicherungen/artikel/leistungskuerzung-bei-unfall_da-knausert-die-versicherung/

http://www.beobachter.ch/gesellschaft/artikel/blind-im-beruf_mein-bauchgefuehl-ist-ja-nicht-sehbehindert/

Über die Schicksale dahinter. Über unsere Versicherungen, denen diese Schicksale am A… vorbeigehen, wenn sie nur ihren Profit steigern können. Über die oft sehr unreifen Entscheidungstragenden in den Schicksalen anderer Menschen. Über meine eigenen Erfahrungen. Der Person, die mir damals, im Februar 2016, empfohlen hatte, eine umfassende Rechtsschutzversicherung abzuschliessen, bin ich sehr dankbar. Meine Rechtsschutzversicherung ist daran, einen passenden Anwalt zu mandatieren. Wenn der Fall vorüber ist, werde ich darüber schreiben – nicht nur im Blog. Längst nicht nur. Dass es mir den Winter hindurch so schlecht ging und ich nicht alle Dokumente für den Journalisten zusammenstellen konnte, hat jetzt fast noch etwas Gutes. So kann die Geschichte mit Herrn K. gleich noch um ihre Fortsetzung mit der Unfallversicherung ergänzt werden. Und um ein paar weitere brisante Punkte. Die ich hätte verzeihen können und wollen, jetzt aber nicht mehr will und nicht mehr kann. Darüber zu schreiben, reicht aber nicht einmal mehr. Ich muss und werde auch darüber reden. Ich glaube, darüber zu reden, ist fast noch wichtiger. Es braucht die Mimik, die Gestik, den Ausdruck, den ganzen Menschen. Darüber reden und anderen helfen. Wer sich in diesem System nicht wehren und nicht ausdrücken kann, ist hoffnungslos verloren. Ich weiss nicht, was wäre, wenn ich meine Ressourcen und meine Lebensenergie nicht hätte. Ich weiss es wirklich nicht und möchte es wohl auch nicht wissen…

Ich weiss aber, dass ich – gerade dadurch, dass ich persönlich weit gekommen bin – kein Blatt vor den Mund nehmen werde. Noch viel weniger als bis anhin schon. Und ich weiss auch, dass jetzt dann gleich die Kinder zum Mittagessen nach Hause kommen und ich nichts gekocht habe. Zum Glück hat mein Mann gestern ein „Tajine“ und marokkanischen Salat zubereitet. 🙂

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