Selber schuld?!

“Keep calm and carry on writing.” Das Titelbild passt heute besonders gut: Ich werde weiterhin schreiben und weiterhin die Dinge bei ihrem Namen nennen. Zur Zeit hat die Geschichte zwar ein Ausmass angenommen, wo ich manchmal sogar an meiner Energie zweifle und das mit dem Ruhigbleiben ein richtiges Kunststück geworden ist. “Now panic and freak out.”, würde zur Zeit besser passen. Aber gut: Die Anwältin ist mandatiert, und meinen Plan B, wenn nicht sehr bald Gerechtigkeit in die Sache kommt, ziehe ich durch. Wenn ich mich entscheide zu kämpfen, dann kämpfe ich kompromisslos.

Wer das nicht weiss, merkt es dann vielleicht zu spät. Und wer meint, ich drohe, kennt mich nicht oder kennt mich schlecht. Wenn man sich wehrt, werden einem ja sowieso gleich “Drohungen” und “Vorwürfe” vorgeworfen (ja, vorgeworfen). Das ist eine billige Strategie, um Menschen, die vieles durchschauen, kein Blatt vor den Mund nehmen und sich wehren, zu beeinflussen, beeindrucken, beirren und mundtot zu machen. So zu tun, als ob sie die “Bösen” und die “Dummen” seien, mit denen etwas nicht stimmt. Diese wirklich sehr billige Strategie habe ich zum Glück ebenfalls durchschaut und lasse mich weder durch sie noch durch andere Taktiken verunsichern. Ich hoffe, dass auch andere Menschen in ähnlichen Situationen sich nicht (mehr) verunsichern lassen.

Den Brief an Herrn K. werde ich veröffentlichen. Er ist fast fertig und wird bald einen Blog-Beitrag bilden. Darauf werde ich ihn auch auf andere Arten öffentlich machen. Was die Unfallversicherung sich erlaubt und was meine Ärzte und Ärztinnen dazu sagen ist die Fortsetzung, die ich ebenfalls in einem der kommenden Beiträge schildern werde. Der Höhepunkt in der äusserst unseligen Geschichte war eigentlich erreicht gewesen, aber gestern wurde er sogar noch überschritten, und zwar massiv. Wie es mir dabei geht, kann ich zur Zeit, wo ich so mitten darin bin, nicht richtig ausdrücken. Aber auch diese Zeit wird kommen; die Zeit, wo ich ausdrücken kann, wie ich mich fühle und wie es mir geht, wenn im ganzen System nur der Profit regiert und die menschlichen Schicksale den oft unerfahrenen und unreifen “Bürohengsten” (um nochmals den Ausdruck meiner Hausärztin zu verwenden) am A… vorbeigehen.

Die nicht mehr für möglich gehaltene Steigerung kam gestern in der Behauptung meines ehemaligen Arbeitgebers, ich sei an der Kündigung selber schuld. Selber schuld?! Weil ich sie nicht nur akzeptiert, sondern erwartet hatte? Weil ich per se nichts dagegen hatte, da ich beruflich sowieso noch etwas anderes machen möchte und Abklärungen zu meinen kognitiven Fähigkeiten mehr als dafür sprechen? (Sorry, kommt gar nicht gut an, ich weiss schon… Wie kann man auch nur so aufmüpfig und eingebildet sein und dies am Arbeitsplatz andeuten? Es tut mir ja so leid…, obschon ich es eigentlich nur gut gemeint hatte!) Weil ich mich befreit fühlte und den Satz “Wenn es dir zu dumm wird, kannst du ja gehen.” ernst genommen hatte? Weil ich mich nicht mehr äussern mochte und den Satz “Über Gründe müssen wir nicht mehr reden.” ebenfalls ernst nahm? Insbesondere nachdem mir eine Fachperson aus dem schulischen und psychologischen Bereich gesagt hatte, dies sei klar ein Zeichen von Überlastung und Überforderung auf der Seite, die so etwas sagt, und mache Kommunikation sehr schwierig, wenn nicht unmöglich.

Selber schuld?! Weil ich äussere und vor allem innere Blutungen hatte und ab und zu das Schulzimmer verlassen und die Einzeltoilette aufsuchen musste? Weil das Blut lief und ich zum Teil gar nicht mehr genau wusste, woher es kam? Weil ich so starke Bauch- und Rückenschmerzen hatte, dass ich sogar Schmerzmittel, die ich gar nicht einnehmen dürfte, einnahm, um die Lektionen irgendwie durchzustehen? Weil ich mich wegen der Medikamente übergeben musste? Weil mir vor Müdigkeit Schwarz vor Augen wurde? Bin ich an der Müdigkeit vielleicht auch selber schuld?! Durchgefeiert? Durchgequatscht? Oder doch eher Kortison? Eventuell sogar hochdosiert? Weil ich unter Kortison nicht nur eine durchschnittliche Schlafdauer von drei Stunden über mehrere Monate hatte, sondern oft auch Kopfschmerzen bekam, sodass ich oft nicht klar denken, keine klaren Entscheide treffen und nicht handeln konnte?

Selber schuld?! Weil ich das grelle Neonlicht nicht vertrug? Weil mehrere innere Organe zum Teil stark entzündet waren, was Schmerzen verursachte und Funktionsstörungen hervorrief? Weil ich Fieber hatte und heiss hatte und manchmal in ein leeres Schulzimmer gehen musste, um mich am Lavabo mit kühlem Wasser etwas abzukühlen? Weil mir die Gelenke weh taten, vor allem beim Sitzen, und ich manchmal nicht mehr wusste, ob ich stehen oder sitzen sollte? Im Sitzen taten die Fuss- und Kniegelenke am meisten weh; im Stehen fühlte ich mich exponiert, was bei Bauchkrämpfen, die mich manchmal schon fast ans Gebären unserer Kinder erinnerten, nicht so ganz lustig war. Zudem hatte ich oft Angst, das Bewusstsein im Klassenzimmer zu verlieren, wofür das Risiko beim Stehen und Gehen grösser war.

Selber schuld?! Weil ich, wenn ich die mir bekannten Vorboten eines Kreislaufzusammenbruchs spürte, beschloss, nicht im Klassenzimmer das Bewusstsein zu verlieren, sondern die erwähnte Einzeltoilette oder das ebenfalls erwähnte, oft leer stehende Schulzimmer aufsuchte? Weil, wenn die Haut so trocken war, dass sie Risse bekam, die Lippen von senkrechten Rissen durchzogen waren und im Mund entzündete Stellen und Wunden sich öffneten, sogar das Sprechen schmerzhaft und das Essen noch schmerzhafter wurde? Weil mir die Ellbogen- und Handgelenke weh taten und ich nicht immer gut schreiben konnte? Weil die Muskeln betroffen waren und ich kaum zwei Bücher oder eine Schachtel tragen konnte? Weil manchmal jede Bewegung anstrengend war? Weil ich Herzrhythmusstörungen hatte, die bisweilen ein beklemmendes Engegefühl hervorriefen? Weil, je nach hauptsächlich betroffenen Organen, ich total ausgelaugt und erschöpft war, im unteren Rückenbereich alles brannte oder ich einen andauernden Reizhusten hatte? Weil ich alle zwei bis drei Monate eine Augenentzündung hatte, von der aber niemand etwas sah? Weil…, weil…, weil…?

Selber schuld?!

Vielleicht an der diesbezüglich ungünstigen Konstellation meiner Gene? Habe ich dumm gemacht beim Zusammentreffen der Eizelle meiner Mutter und des Spermiums meines Vaters, wirklich dumm. Da bin ich schon selber schuld, da war ich unaufmerksam, nicht aufgepasst. Das habe ich nun davon. (Dafür habe ich mir in anderen Bereichen so richtig viel herausgenommen… Tut mir leid für die Unausgewogenheit; ich bin klar selber schuld.) Oder vielleicht am Ausbruch aller drei Autoimmunerkrankungen durch die zweite Schwangerschaft? Habe ich auch dumm gemacht…, was für eine Anmassung, sich ein zweites Kind zu wünschen und es dann auch noch zu zeugen. Tut mir wirklich auch leid, ich hatte damals leider nicht an die armen Arbeitgeber und die noch viel ärmeren Versicherungen gedacht. Die sind schon zu bedauern in ihrem Leiden wegen so unbedachter Zeugungsakte und anderem verantwortungslosem Verhalten. Was für eine Bürde, was für eine Last. Vielleicht könnte ja auch noch mein Mann mitverantwortlich gemacht und ein Teil der Schuld ihm in die Schuhe geschoben werden? Nicht? Das wäre doch noch die Steigerung der Steigerung? Ich möchte den Beteiligten, die sich so unerhört daneben benehmen, nur noch ein bisschen mehr auf die Sprünge helfen… Im Falle, dass ihnen in ihrem fiesen Spiel die Ideen ausgehen; im Falle, dass sie in ihrer Gemeinheit nicht mehr weiterkommen.

Übrigens: Ich liebe das Leben. Immer und trotz allem, was ich gerade so erlebe. Ich werde – wie schon einige Male – gestärkt und reifer daraus hervorgehen. Ich werde die Beteiligten bemitleiden, so sehr bemitleiden. Und ich werde weiter schreiben und (beginnen zu) reden. Die Gehirnerschütterung ist noch nicht ausgestanden, aber wenigstens sind die Kopfschmerzen am Zurückgehen und die Zeiten ohne Kopfschmerzen werden länger. Vorgestern lag ich im Bett und hatte das Gefühl, in einem Flugzeug, das abstürze, zu sein. Doch auch diese Symptome sind am Zurückgehen. Heute Morgen war ich in Winterthur, weil unser Notebook und unser Drucker sich voneinander entfremdet hatten. Zum Glück konnte das Problem schnell behoben werden und die beiden gehen wieder gemeinsame Wege. Das Auto stellte ich vor dem Kioskladen des Mazedoniers, über den ich schon in zwei Beiträgen geschrieben habe, ab. Da ich mein Portemonnaie zu Hause vergessen hatte, konnte ich bei ihm keinen Kaffee kaufen. Er half mir nicht nur mit der schweren Tasche und der Autotüre, sondern schenkte mir einen Kaffee, meinte, dies sei für ihn selbstverständlich bei Menschen, die er kenne, und ich könne jederzeit bei ihm Kaffee trinken kommen. “Chasch immer cho Kafi trinke.”

Auch solche Menschen gibt es. Und ja: Ich werte. Ganz bewusst und ganz überzeugt.

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