Redewendungen und Fantasien

Es mag Leute geben, die mich am liebsten mundtot machen würden. Das wird aber niemandem gelingen. Ausser er oder sie würde mich erschiessen. Was dann vielleicht doch nicht die beste Idee wäre… An Schiessen denken gewisse Leute, das heisst denkt mal sicher jemand, sowieso auffallend schnell. Erscheint ein Text mit dem Titel “Von Schüssen und Tomographien” gehen die Fantasien los. Die Ego-Fantasien, nicht etwa Angst um die Person, um die man tatsächlich Angst haben könnte, wenn man nicht gefangen im eigenen, selbstverständlich wirtschaftlichen Denken wäre.

Besagter Text erwähnt den Schuss vor den Bug. Das ist doch eine Redewendung, oder? Wenn man sie nicht kennt oder nicht versteht, ist das ja nicht schlimm. Aber dann täte man vielleicht gut daran, sich zuerst über die Bedeutung der Redewendung zu informieren, bevor man vollkommen unverhältnismässig agiert. Ausser man komme nicht einmal auf die Idee, dass dies eine Redewendung sein könnte…, klar. Aber vor welchen Bug (Was ist ein Bug?) soll denn der Ich-Erzähler oder die Ich-Erzählerin des betreffenden Textes schiessen? Und mit welcher Waffe? Und wozu? Um ein Schiff ausser Gefecht zu setzen? In einem Binnenland? Eine Seeschlacht? Der See, nicht die See. Gut, vielleicht wohnt der Ich-Erzähler oder die Ich-Erzählerin ja an einem Meer…, wer weiss? (“Living on the island” ist schon ein schönes Lied.)

Da wäre ich auch schon beim nächsten Punkt. Der Autor oder die Autorin von Texten ist nicht gleichzusetzen mit dem Ich-Erzähler oder der Ich-Erzählerin. Dabei handelt es sich um zwei klar getrennte Instanzen. Immer. Auch in einem Blog, sogar in Autobiographien. Nicht, dass ich dieses Wissen oder diese Einsicht voraussetzen und erwarten würde; sicher nicht. Aber wenn diejenigen, die mich am liebsten mundtot machen würden, Texte von mir gegen mich auslegen wollen, dann verfliegt mein anfänglicher Ärger schnell und mein literarisch geschultes Ich sorgt dafür, dass ich über solche Versuche schon fast ein bisschen lachen muss. Dann denke ich an das Seminar bei Professor R. Tarot zurück: Erzähltheorie. Ehrlich gesagt, gar nicht so mein Ding; ehrlich gesagt, haben mich seine Ausführungen, seine feinen Feinheiten und sein Unterscheiden von Erzähl- und Zeitebenen gar nie so richtig gepackt. Ehrlich gesagt, war ich ein bisschen nervös vor der Abschlussprüfung bei ihm, und ehrlich gesagt, hat mich die Note damals, die vierte Sechs in Serie, überrascht. (An einem 14. Dezember – wie mein Unfall. Am 14. Dezember 1998.)

Nicht, weil ich sie nicht verdient hätte, sondern weil ich nichts zu Erzähltheorie einbrachte. Dafür ganz viel anderes wusste, was er honorierte und damit seine Fairness zeigte. Sein Steckenpferd hatte ich links liegen lassen, was ihn jedoch nicht daran hinderte, meine Leistung anzuerkennen. Aber etwas aus der Erzähltheorie habe ich, weil es relativ simpel ist, dennoch und immerhin kapiert: Dass Autor/Autorin und Ich-Erzähler(in) nicht (!) das Gleiche sind. Nur so für diejenigen, die meine Texte abscannen, um “Dinge” zu finden, die gegen mich ausgelegt werden könnten. Das ist ja fast schon ein bisschen peinlich… Und auch wenn ein Blog von der Textsorte her auf persönliche Erlebnisse und Erfahrungen sowie eigene Gedanken und Gefühle schliessen lässt: Die literarische Freiheit bleibt. Nur so als Hinweis… Und Selda ist ja auch noch irgendwo. Ich habe sie auch schon erwähnt, und sie hat sich ja auch nicht einfach in Luft aufgelöst. Mein ursprüngliches Buch hiess “Selda”. Dann begann ich den Blog und entschied mich irgendwann, die beiden Projekte zusammenzuführen, wie ich explizit erwähnt habe.

Nebst den literarischen Tips müsste ich den paar wenigen, die ich meine, auch mal einen technischen bzw. technologischen Tip geben. Obschon ich da nicht ganz so gut bin wie in Literatur. 🙂 Ich weiss aber wenigstens, dass ein Blog ein “Tool” haben kann, mit dem ersichtlich wird, von welchem Gerät aus auf eben den Blog zugegriffen wird. Dies soll (vorläufig) mein letzter sachdienlicher Hinweis sein…

Der Vlog wird kommen, spätestens nach den Sommerferien, vielleicht zum einjährigen Jubiläum des Blogs. Als kleiner, schnell gezeugter Bruder. Blog und Vlog. 🙂 Ein paar Tips habe ich mir schon geholt. Von einem, der es wissen muss; von einem, der sehr mutig über seine Erkrankung in Video-Beiträgen berichtet. Da wird die Ich-Frage dann wieder eine andere… Aber eigentlich “egal”; darum geht es mir im Prinzip ja gar nicht und ich hätte sie unter “normalen” Umständen nicht aufgeworfen. Unter “normalen” Umständen befinde ich mich aber seit drei Monaten nicht mehr, auch nicht in anderen Umständen – würde wohl nochmals eine Autoimmunerkrankung auslösen (!)-, sondern im Ausnahmezustand. Wovon ich mir äusserlich nichts anmerken lasse. Aber nicht mehr lange, noch drei Tage, vielleicht vier Tage. Dann reicht es endgültig und definitiv. Dann kommt der Schuss vor den Bug. (Achtung Redewendung, Achtung übertragene Bedeutung!) Dann fange ich mit dem Vlog sofort an, erzähle und verbreite auch visuell, was in diesem Land möglich ist. Ich bin längst nicht die Einzige, die es kaum glauben kann. Erzählen und darüber schreiben werde ich so oder so. Da wird niemand mich daran hindern und niemand mich mundtot machen. Nur wollte ich noch warten; nur wollte ich denjenigen, die eine Chance zwar nicht mehr verdienen, aber offenbar brauchen, eine Chance geben. Doch auch meine Geduld versiegt irgendwann, und so weit ist es sehr bald. Der Countdown läuft.

Dass die äusserst unselige Angelegenheit, die mit der Weigerung der Unfallversicherung, für 40 Tage aufzukommen, begann und – was wohl so sein musste – mehrere arbeitsrechtliche Fehler und Versäumnisse ans Tageslicht brachte, welche wiederum Auswirkungen nach sich ziehen, einen erneuten Krankheitsschub auslösen könnte, befürchte ich nach wie vor. Mit dieser Befürchtung lebe ich Tag und Nacht; denjenigen, die nicht bezahlen wollen, geht dies natürlich am A… vorbei.

Am Mittwochabend war ich in der Fussreflexzonenmassage, was gut getan hat. Jedoch verwundert es mich nicht, dass die Therapeutin am Ende fragte, ob ich Probleme mit den Nieren, der Leber und dem Magendarmtrakt hätte. Ja, habe ich. Nachdem ich fast nichts mehr gespürt hatte, es mir ziemlich gut ging und ich mich eigentlich in Ruhe, motiviert und konzentriert daran machen wollte, beruflich einen neuen, interessanten und herausfordernden Weg einzuschlagen. (Was ich trotzdem tun werde, wovon ich mich ebenfalls nicht abhalten lassen werde. Ich hätte es nur gerne sofort getan.) Ja, habe ich. Ich habe auch wunde Stellen im Mund, was beim Essen und Trinken unangenehm ist, und in der Nase sowie drei offene Stellen auf der Haut. Nicht sehr gross, aber auch nicht ganz klein. Ich habe sie mal vorsorglich fotografiert. So für den Fall, jemand könnte es nicht glauben… So für den Fall, jemand könnte behaupten, er wisse von keinen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die meine Leistungen minderten. Hätte ich mich denn mitten ins Lehrerzimmer stellen und verkünden sollen, dass ich innere und äussere Blutungen hätte?! Dass ich die Lektionen verlassen und auf der Toilette kotzen müsse?! Dass ich vor Müdigkeit oft nur noch Schwarz vor den Augen sähe?! (Abgesehen davon: Ich HABE informiert, und sogar deutlich mehr, als ich hätte informieren müssen.)

So für den “selber schuld an der Kündigung”-Fall. Dazu habe ich in kurzer Zeit bereits einige Dokumente zusammenbekommen. Sieben Arztberichte und einen Laborbefund; zwei weitere Arztberichte und ein weiterer Laborbefund folgen bald. Vielleicht reichen sie ja aus… Wenn nicht, geht mir der Stoff noch lange nicht aus; dann fordere ich weitere an. So einfach ist das. Fast so einfach, wie die Behauptung mit der “Selbstverschuldung” einfach – und fies – ist.

Wenn die Befürchtung mit dem Krankheitsschub trotz intensiver Therapie (!) Wahrheit werden würde, wäre dies der GaU, fast schon der Super-GaU. Man muss immer definieren, was man meint, wenn man von GaU oder Super-GaU spricht. Sonst gibt es auch wieder Leute, die ans Schiessen denken. Aber nicht etwa an einen Selbstmord – und hier muss ich mich jetzt kurz als Autorin einschalten und die Ich-Erzählebene verlassen: Ich würde mir NIE das Leben nehmen. Zurück auf die Erzählebene: Also nicht etwa an einen Selbstmord der Person, die von GaU oder Super-GaU spricht – das wäre sowieso egal -, sondern an etwas anderes. Ich lasse es mal noch offen und werde ein anderes Mal konkret – muss mir ja noch etwas Schiesspulver aufbewahren. Achtung: übertragener Sinn; ich schiesse nämlich nicht mit Waffen, sondern höchstens mit Worten – dann aber, wenn es sein muss, scharf und unerbittlich. Wortgewalt. Worte als Waffen; was mir daran gefällt, ist die Alliteration. Sonst nichts, gar nichts. Im Gegenteil.

Meinen Blog habe ich für Menschen eröffnet, die sich für das – herausfordernde und oft glückliche – Leben mit chronischen Erkrankungen in verhältnismässig  jüngeren Jahren interessieren. (Ich war 35, als “alles” anfing bzw. ausbrach.) Ich habe ihn für Menschen eröffnet, die bereit sind, neue Erkenntnisse zu gewinnen und eventuell vorhandene Vorurteile über Bord zu werfen. (Jetzt sind wir schon wieder auf hoher See.) Für Menschen, die sich berühren lassen können. Für Menschen, die offen und empathisch reagieren und, weil sie selbst stark sind, Stärke bei anderen erkennen und benennen können. Für Menschen, die Menschlichkeit über Wirtschaftlichkeit stellen und danach handeln.

Nicht für Spitzel und Spione.

(Heute habe ich es mit den Alliterationen.)

Darum ist wohl wieder einmal die Zeit gekommen, mich für die zahlreichen ermutigenden, unterstützenden, fast bewundernden Nachrichten und Kommentare über verschiedene Kanäle von ganz unterschiedlichen Menschen zu bedanken. Ohne euch hätte ich zwar nicht aufgegeben, wäre aber auch nicht mit der Gewissheit unterwegs, mit der ich unterwegs bin. Ohne euch würde der Dialog fehlen – und Texte leben vom Dialog. Wir erinnern uns: Öffentlichkeit als Partner (Max Frisch). Ohne euch hätte ich wohl manchmal das Gefühl, ich sei alleine in meinem Versuch, die Dinge beim Namen zu nennen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Darum wieder einmal ein grosser Dank. Ich schreibe für euch, ich bin euch dankbar. Es tut mir leid für euch, dass meine Texte momentan nicht gerade von Leichtigkeit leben. Es wird sich wieder ändern. Für euch hätte ich auch nie obige literarische Ausführungen gemacht und den technologischen Hinweis gegeben. Ihr könnt sie vergessen. Es sind andere Leute, ein paar wenige nur, die sie ernst nehmen sollten. Nicht ihr, die ihr mir schon viel geholfen habt mit euren positiven Rückmeldungen. Ihr seid super, und ich wäre auch nicht so stark ohne euch. Ihr könnt mir weiterhin persönliche Nachrichten schreiben, und ich werde offen und ehrlich antworten.

Ich wünsche euch ein sonniges und erholsames Wochenende.

 

 

 

 

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