Überlebt – ohne Cüpli

Zum Glück wohnen wir grenznah. Manchmal muss man einfach flüchten, am besten über die Grenze. Nach zweieinhalb Schultagen im neuen Schuljahr waren wir so weit: reif für die Insel. Da die Insel zu weit weg ist, blieben wir bescheiden und entschieden uns einfach für das Ausland. Am Mittwochnachmittag um 15 Uhr: ab nach Jestetten. Rahel, Yannik, Taieb, Naila und ich. Spätestens beim Bezahlen des Eintrittspreises stand fest: Wir sind zweifellos im Ausland. (Für sechs Euro komme ich in der Schweiz nicht mal alleine in ein Freibad, geschweige denn mit zwei Kleinen im Schlepptau.)

Jetzt ist die erste Schulwoche im neuen Schuljahr vorüber, die Kinder sind zufrieden (Hauptsache, ich weiss). Zu Hause am Boden liegen Bücher, die eingefasst werden sollen, zwischen buntem Papier, aber ich bleibe meinem Statement in einem Posting vor ein paar Tagen (zu einem Artikel, der von mir stammen könnte, aber nicht von mir stammt) treu und weigere mich, sie einzufassen. Ich kann das auch gar nicht und bin der Ansicht, dass dies nicht zu den Aufgaben der Eltern gehören sollte (die – aus Sicht der Primarschule – offenbar nur darauf warten, fast täglich mit neuen Aufgaben eingedeckt zu werden.) Ich kann mich schon gar nicht mehr erinnern, wie langweilig es mir gewesen sein muss, bevor die Kinder in unser hochgelobtes, in letzter Zeit aber immer häufiger und heftiger kritisiertes Schulsystem eingeschleust wurden.

Gut, ich habe gearbeitet, ziemlich viel sogar; auch, wenn ich krank war. (Bitte, gern geschehen.) Das war mein grösster Fehler. Und die Rechnung ist noch offen. Entweder wird sie angemessen beglichen oder ich schreibe einen Roman. Ja, einen Roman. Dazu hat mich der gestern interviewte Autor inspiriert. Auch er hat persönliche und für ihn erschütternde Erfahrungen verarbeiten wollen und müssen, indem er sie aufschrieb. Ein Jurist gab ihm den Tip, einen Roman daraus zu machen. Romane sind erfunden. Fiktion… Unser Gespräch, das ohnehin gut lief und interessant war (die Chemie stimmte, und politisch ist er bei den “Grünen”; in unserer Region schon fast ein Aufatmen wert… (aber klar, ich hätte ihn auch als SVP-ler interviewt)), wurde wohl noch angeregter, weil ich in einer ähnlichen Situation bin: Ich habe eine äusserst spannende und brisante arbeits- und sozialversicherungsrechtliche Geschichte auf Lager und warte lediglich noch ein wenig ab, wie sie weitergeht und wie sie endet…

Dem freundlichen und grosszügigen Gastgeber (ja…, ich liebe “Meilener Rollen”!) habe ich sie gestern erzählt, da ich sofort Vertrauen zu ihm hatte; Nora habe ich sie erzählt, Pia werde ich sie bald erzählen, vielen werde ich sie erzählen. Und in der Form öffentlich machen, dass ich nicht jeden Monat eine Strafanzeige am Hals habe, weil nicht alle wollen, dass ich sie erzähle…

Als Roman; eine Idee…, eine Inspiration… Oder weiterhin im Blog mit explizitem (literaturtheoretischem und erzähltechnischem) Vermerk vor und/oder nach jedem einzelnen Beitrag. Oder beides. Der Blog als Blog, der Roman als Roman. (Mit ein paar Übereinstimmungen…)

Wo war ich stehen geblieben? Beim neu begonnenen Schuljahr, bei unserem Schulsystem. Die Blätter, mit denen wir schon wieder eingedeckt worden sind, habe ich wie immer schön brav an unsere Magnetwand geheftet, wo sie jetzt ihr oft missachtetes Dasein fristen. Naila brütet über den Englischaufgaben, überlegt sich zehn Körperteile auf Englisch und was sie mit ihnen macht. Ohne meine Hilfe wird daraus nichts Gescheites, obschon sie gerne Englisch hat und ganze Lieder auswendig kann. Für Taieb müssen wir ein Kaktus-Blatt ausfüllen (was er nicht essen darf…: Nüsse, Erdbeeren, Tomaten, Gluten, Laktose, Gelatine usw. usf. Taieb darf aber alles essen, und ich weiss beim besten Willen nicht, was ich mit dem Blatt anfangen soll. Ein exotisches Kind; eines, das alles essen darf, jedoch von sich aus (!) kein Fleisch isst. (Stattdessen vielleicht einen Kaktus?) Aber das kann er mit seinen zehn Jahren ja selber kommunizieren.)

Bevor ich mich weiter über die Eltern-Realität von Schweizer Primarschülern und -schülerinnen auslasse, teile ich lieber folgenden Link:

https://www.tagesanzeiger.ch/sonntagszeitung/die-bizarre-welt-der-primarschule/story

Den Text finde ich super. (Er könnte von mir stammen, stammt aber nicht von mir, sondern von Marah Rikli. Ihre Tips versuche ich zu befolgen. Ausser, dass ich das Cüpli durch ein Glas Rotwein oder ein Apérol Sprizz ersetze. Zum Wohl!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.