Rückbesinnung

Morgen Abend gehen wir auf Fledermaus-Exkursion. Taieb findet das sehr cool; ich hoffe, dass der Dauerregen aufhört und mir keine Zwerg- und keine Wasserfledermäuse zu nahe um den Kopf fliegen. Immerhin sollte ich mich ein bisschen konzentrieren, um danach einen kurzen Zeitungsbericht darüber schreiben zu können. Ich hab schon fast den Überblick über meine Aufträge verloren; am vergangenen Sonntag das Rheinschwimmen, übermorgen eine Buchtaufe, und morgen mache ich mich an den Bericht über den vor einer Woche interviewten Autoren. Derjenige, der aus persönlichen Erfahrungen einen Roman geschrieben hat – auf Anraten eines Juristen hin. Derjenige, mit dem ich ein angeregtes Gespräch führte; derjenige, der mich in seinem schönen Garten, wo nicht nur Apfelbäume wachsen, sondern auch ein Feigenbaum gedeiht, empfangen hatte.

Trotz der dadurch auch bei mir entstandenen Idee mit dem Roman und trotz vieler Stunden, in denen ich in der Nacht wach lag und darüber nachdachte, wie ich weiterfahren soll und kann, steht für mich jetzt fest: Ich bleibe beim Blog, bleibe beim Berichten aus meinem Leben und dem Äussern meiner Ansichten. Ohne Wenn und Aber, ohne Abgrenzung, ohne ausgeklügelte Erzähltechnik. Das schulde ich meinen Freunden und Freundinnen, die mich unterstützt und mir geholfen haben, sei es mit Taten, sei es mit Worten. Das schulde ich anderen Betroffenen, die mir ihre eigene Geschichte anvertraut und mich für meinen Mut bewundert haben. Das schulde ich mir selbst. Offenheit und Ehrlichkeit zeichnen mich aus; ich muss meinen Eigenschaften und meinen Werten, auf die ich ja auch ein bisschen stolz bin, treu bleiben. Ich muss und will es. Und riskiere vielleicht ab und zu eine Strafanzeige. Mach ich. (Der Schuss ging ja eh nach hinten los – doppelt sogar. (Achtung: Redewendung. Schon wieder. Nicht nochmals schiessen, bitte, ich habe schon Angst vor Fledermäusen.)) Also: Mach ich. Für mich und für euch, die grosse Mehrheit der Lesenden, die ihr mir mit Interesse und Anteilnahme begegnet seid. Es wäre nicht fair euch gegenüber, mich irgendwie zu verstecken oder meine Geschichte zu verschleiern. Darum mache ich es nicht.

Und ich habe ebenfalls den Eindruck, dass ich mich wieder vermehrt meinen ursprünglichen Themen widmen sollte. Nicht nur, auf keinen Fall, aber immer mal wieder…, so als roter Faden. Dass das Aussehen nicht viel darüber aussagen muss, wie es einem geht. Dass Konzerte und Reisen nichts über die Arbeitsfähigkeit oder die allgemeine Fitness aussagen (oder muss ich auf die Bühne stehen und singen?! Sind alle Blicke auf mich gerichtet?! Eben…) Dass es Medikamente gibt. Schmerzmittel. Und vieles mehr. (Nein, Cannabis habe ich noch nie eingesetzt.) Dass ich vieles gut überspielen kann. Dass ich Strategien entwickelt habe und in diesem spezifischen Bereich längst Profi-Schauspielerin geworden bin. Dass ich nur im Notfall, wenn alle Strategien versagen, dem Umfeld mitteile, dass es mir vielleicht zur Zeit nicht gut geht. Dass ich auch lieber über anderes rede und unbeschwert bin. Und dass es sehr verletzend ist, wenn mir dies dann noch zum Vorwurf gemacht wird.

Heute habe ich den Operationsbericht über die Operation der Nasenscheidewand von Ende November 2014 angeschaut, da ich ihn wohl in einem Rechtsverfahren brauche. Die Berichte meiner Hausärztin, meines Hauptfacharztes, eines weiteren Facharztes und einer Fachärztin hatte ich schon vor den Sommerferien erhalten; es ist nicht unbedingt lustig, sie zu lesen. Auch der Operationsbericht erinnert mich natürlich daran, dass ich nicht nur wochen- und monate-, sondern jahrelang nicht durch die Nase atmen konnte: “Chronische Rhinopathia”, “Chronische Sinusitis beidseits” steht auf dem Papier – und noch einiges mehr an lateinischen und griechischen Begriffen. Auf einer Seite schien damals etwas gebrochen zu sein; jedenfalls führen mich meine Lateinkenntnisse zu dieser Interpretation, wenn ich “Lateralfrakturierung” (mit Ausrufezeichen) lese. Im Labor wurden bei den Gewebeproben nicht nur eine chronische Entzündung (damit habe ich echt viel Erfahrung), sondern auch eine Art Sklerose festgestellt. Verhärtung, den Begriff kenne ich, obschon ich mich im Gymnasium gegen Griechisch entschieden und damit ein paar Lehrer enttäuscht hatte. Aber ich wollte es gleich machen wie meine Grossmutter. Ohne Griechisch, mit Latein. Dafür richtig gut in Latein.

“Kein Hinweis für Malignität” steht auch noch auf dem Papier. Ehrlich gesagt, hatte ich damals erst bei der Bekanntgabe der Diagnosen nach den Gewebeproben realisiert, dass die Zellen auch auf Bösartigkeit untersucht worden waren.

Was ich aber von Anfang an wusste: Dass die Operation durch den mit ihr verbundenen (vor allem körperlichen, aber auch psychischen) Stress einen Krankheitsschub auslösen könnte. Das wäre, da ich erst gerade zwei Krankheitsschübe zweier verschiedener Krankheiten überstanden hatte, verheerend gewesen. (Ja, ich weiss schon, man hat nicht so viel davon gemerkt. Was war, ist nur in mir drinnen, bei meinem nahen Umfeld und auf den Papieren meiner Krankengeschichten. Ich bin froh, dass diese Papiere existieren, und ich bereue das Überspielen bis zu einem gewissen Grad. Ich bereue es überall dort, wo es – selbstverständlich und irgendwie auch selbstherrlich/selbstfraulich (?) – falsch interpretiert wurde oder immer noch wird. Auch hier muss ich mich wieder auf die Anfänge meines Blogs zurückbesinnen und vielleicht wieder einmal die Frage stellen: Möchte jemand tauschen? Möchte jemand drei chronische, organische Erkrankungen, darunter eine schwere, haben? Und zusätzlich eine Operation, die auch nicht so ganz ohne war? Meldet euch doch einfach. (Aber nicht per WhatsApp bitte, das habe ich nicht.)

Ich hätte auch noch zwei kommende Operationen anzubieten: rechtes Fussgelenk ziemlich bald, linkes kann noch etwas länger warten, aber auch nicht allzu lange. Risiko eines erneuten Krankheitsschubs inbegriffen.

Glücklich bin ich trotzdem. Seit dem mehrmaligen Schwimmen im Rhein erst recht. Da hindern mich auch keine falschen und verletzenden Interpretationen daran. Reisen gehe ich auch. An Konzerte sowieso. (Sorry.) Und meine Ansichten zu ganz unterschiedlichen Themen äussere ich weiterhin ehrlich. All denjenigen zuliebe, die mich nicht mit viel zu simplen Interpretationen zusätzlich belasten. Euch und mir selbst zuliebe habe ich entschieden, meinen Blog so wie früher zu führen. Nur eine Bitte habe ich: Holt mich bitte aus dem Gefängnis, wenn Denunzianten meine Direktheit fürchten, mich am liebsten mundtot machen würden und mich anzeigen. Oder bringt mir zumindest einen Campari in die Zelle. 🙂 🙂

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