Lucius Licinius Lucullus

Kennt jemand das Wort “lukullisch”? Also ich kannte es bis gestern Morgen nicht. Da erschien ein kurzer Bericht von mir in der Zeitung und im Titel das Wort “lukullisch”. Ich finde das super: Entweder werden auf der Redaktion Fehler eingebaut, sodass ich fürchte, mit 44 (endlich!) erste graue Haare zu bekommen, oder mein Wortschatz wird drastisch erweitert. Das ist auch nötig.

Mir wurde nämlich mal nach einem Unterrichtsbesuch gesagt, ich dürfe den herausragenden Vortrag eines Schülers nicht einfach nur mit “gut” quittieren. Dass ich für ein längeres als ein einsilbiges Wort schlicht keine Zeit hatte, weil der Vortrag mehr als doppelt so lange wie abgemacht war und ich es nicht übers Herz gebracht hatte, den Schüler, der eine Lese- und Schreibschwäche hat und mit (tatsächlich herausragenden!) Vorträgen seine Zeugnisnote aufbessern konnte, zu unterbrechen, war dem Besuchenden und Urteilenden nicht bekannt.

Aber egal… (hat auf meine berufliche Laufbahn eh null Einfluss); ich wollte lediglich untermalen, dass ich mit den treffenden Adjektiven halt so meine Schwierigkeiten habe und eine Erweiterung meines Wortschatzes bestimmt nicht schaden kann. Schon gar nicht mit solch wunderbaren Wörtern wie “lukullisch”. Ich habe dessen Bedeutung natürlich sofort nachgeschaut: reichliches und ausgezeichnetes Essen betreffend. Das passt ja schon: “Chnoblibrot”, “Öpfelchüechli” und – für Pia als ganz kleinen Dank – Apfelkuchen (nicht zu verwechseln mit “Öpfelchüechli”) und Himbeercake. Ich war auf dem Herbstfest in Freienstein tatsächlich nicht nur auf der Jagd nach geeigneten Fotosujets, sondern auch nach Kalorien: Gewicht muss rauf, Leukozyten müssen runter; sonst wird aus den Herbstferien nämlich nichts.

Ich betrachte dies nach wie vor als Luxusproblem. Trotzdem hat mich der Blumenstrauss, den ich am Wochenende bekommen habe, gefreut; trotzdem haben ein paar Nachrichten von Menschen, die finden, ich hätte endlich mal eine (gesundheitlich) ruhige Zeit verdient, gutgetan. Das sehe ich im Prinzip auch so, nach den beiden Unfällen innerhalb von vier Monaten erst recht. Andererseits habe ich mich längst daran gewöhnt, dass eben oft etwas ist, was nicht (ganz) stimmt; sei es durch die Komplexität der Krankheiten an sich, durch deren Auswirkungen auf verschiedenen Ebenen, durch Nebenwirkungen von Medikamenten oder – wie jetzt zum Beispiel – durch die (stark) erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, weil das Immunsystem unterdrückt werden muss, damit es nicht körpereigenes Gewebe angreift und zerstört.

Manchmal habe ich den Menschen gegenüber, die mir eine (gesundheitlich) ruhige Zeit und Erholung wünschen, fast ein schlechtes Gewissen. Ich weiss, dass sie dies ernst meinen und mir dies von Herzen wünschen; ich weiss, dass ich mich eigentlich auch danach sehne; ich weiss aber auch, dass die Chancen darauf nicht allzu gross sind. Das ist nicht pessimistisch (und das oberflächliche Geschwätze von den positiven Gedanken hilft bestimmt bei Bagatell-Angelegenheiten); das ist einfach realistisch – nicht mehr, nicht weniger. Mein Optimismus wiederum zeigt sich wohl vor allem darin, dass ich trotzdem aktiv bin, engagiert bin, glücklich bin… Das schaffe ich sogar ziemlich locker, weil ich eine grosse Grundenergie, eine grosse Lebensenergie habe. Ich würde sie allen von chronischen Krankheiten betroffenen Menschen wünschen und gönnen!

Hingegen lasse ich nicht mehr zu, dass sie gegen mich ausgelegt wird. Ich führe ein Leben am Limit, ich lebe – von meiner gesundheitlichen Situation her betrachtet – immer mal wieder im Exzess. Dazu stehe ich, zu meiner Persönlichkeit stehe ich; ändern kann ich sie nicht, will ich sie nicht. Und wenn ich sie noch zu ändern versuchen würde, wären dann nicht die gleichen Leute, die finden, ich sei zu aktiv und zu engagiert, um krank zu sein, diejenigen, die mich kritisieren würden? Hiesse es dann nicht, ich sei zu passiv, zu isoliert, zu sehr auf die Krankheiten fixiert? Erhielte ich dann nicht die Empfehlung, mehr zu unternehmen, mich ablenken zu lassen, mich mehr zu bewegen? Doch, klar wäre es so. Wie ich es mache, ist es falsch; wie man es macht, ist es falsch. Darum ist eigentlich nur etwas wichtig: Bei sich selbst bleiben. Immer und immer wieder: bei sich selbst bleiben.

Mein Blog wird so wenigstens kaum je langweilig. Den Parallel-Blog (siehe Beitrag mit gleichnamigem Titel) brauche ich auch nicht. Ich habe ja unter anderem dafür den Blog eröffnet: Um über Seiten meines Lebens zu berichten, über die ich früher gar nie gesprochen habe und über die ich weiterhin selten spreche. Weil es mir genau nicht darum geht, Aufmerksamkeit zu erwecken; weil aus genau dem Grund sich viel angestaut hatte und das Schreiben eine Notwendigkeit wurde; weil ich im direkten Kontakt mit Freunden und Freundinnen weiterhin lieber über andere Themen diskutiere…! Und weil ich hoffe aufzeigen zu können, dass andere Betroffene von chronischen und äusserlich meistens nicht sichtbaren Krankheiten wohl ähnliche Erfahrungen machen und vielleicht auch froh um mehr Einsicht und Verständnis wären.

Ob ich die Bakterien, die für die Niereninfektion verantwortlich sind, mit dem speziellen Kräutertee ausreichend ersäufen konnte (oder nicht) oder ob sie sich eventuell sogar ausgebreitet und den Weg in die Lungen gefunden haben, wofür es leider Anzeichen gibt, werde ich morgen erfahren. Dann kann ich überlegen, ob ich in die Herbstferien reisen kann und, wenn ja, wohin ich reisen soll. (An dieser Stelle ein spezieller Gruss an diejenigen, die mir die Frühlingsferien auf Kreta 2016 missgönnt hatten (da war ich übrigens voll im Schub; mein Facharzt war kurz nach meiner Rückkehr ziemlich erschrocken, als der Monitor zeigte, wie es im Innern meines Körpers aussah…))

Aber nochmals egal: Ich muss bei mir selbst bleiben, noch mehr Tee trinken, mich bei Lucius Licinius Lucullus entschuldigen (irgendwie ist mir der römische Senator und Feldherr trotz einschlägig alliterierenden Namen sowie Reichtum und grandiosen Gastmählern weder aus dem Geschichts- noch aus dem Lateinunterricht in Erinnerung geblieben…) und auf den Auftrag für das Food Festival hoffen! 🙂

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