Drei Getränke, sechs Schokoladen und – Barcelona!

Das Food-Festival setzten wir zu Hause quasi fort: mit marokkanischem Tajine, spanischer Tortilla und österreichischem Kaiserschmarren. Letzteren erhielten wir – zur besonderen Freude der Kinder – von Pia. Das dazugehörige Apfelmus machte Taiebs Glück komplett. Meine drei Sorten Konfitüre finden ebenfalls besten Anklang, und Naila zog am Montagmorgen, als wir zusammen frühstückten, bevor sie für die ganze Woche zu Pia ging, meine Konfitüre dem Nutella, das ich vor ihrer Nase platziert hatte (das Kind soll ruhig Heimweh bekommen!), vor und meinte, die sei sooo fein.

Gibt es ein schöneres Kompliment? Ich meine, ich höre auch anderes… Taieb findet, ich sei zu dick und manchmal dumm, meine Nase sei komisch, das Bikini stehe mir nicht, der Badeanzug wiederum sei zu türkis und ich sänge “Lonely Sky” nicht so gut wie Chris de Burgh und “White Sombrero” nicht so gut wie ABBA. In dem Punkt muss ich ihm Recht geben – meine Ansprüche sind auch nicht ganz so hoch -, und die Nase hat vielleicht von der Operation her etwas abbekommen. Da wurden ja unter anderem irgendwelche Teile entfernt, wie ich im Operationsbericht, den ich, wenn es nicht plötzlich Leute gäbe, die alles auf wundersame Weise vergessen haben, gar nie angefordert und gar nie gelesen hätte, gesehen habe.

Ich sass im Flugzeug und wartete auf den Abflug. Die Zugfahrt zum Flughafen war problemlos verlaufen. Beim Gate fielen mir dann allerdings – und dies meines Erinnerns zum ersten Mal, obschon ich schon sehr, sehr, sehr viele Male geflogen bin (Fernbeziehung alleine 40mal nach Nordafrika und ebenso viele Male zurück; dazu kommen viele (!) Reisen in Europa und nach Amerika) – mehrere wirklich unanständige, drängelnde, fordernde und offenbar nur sich selbst und sonst niemanden wahrnehmende Fluggäste auf.

Vor mir im Flugzeug: eine Schweizerin, die nicht aufhörte, ihrem Unmut über die Fluggesellschaft, die zum vierten Mal ihre Sitzplatzreservation, für die sie ja schliesslich bezahlt hatte, missachtet hat, Ausdruck zu verleihen. So mit richtig schönen Ausdrücken…! Neben mir sass bzw. zappelte ein nervös wirkender, Selbstgespräche führender und Fotos schiessender deutscher Herr noch eher jüngeren Alters, der behauptete, eigentlich in der Business Class gebucht zu haben, der hustete, schniefte, rotzte und die Fingernägel kaute; das alles – wohlverstanden (!) – ohne je die Hand oder den Ellbogen oder ein Taschentuch oder sonst was vor das Gesicht zu nehmen, sodass ich mich fast zwangsläufig fragen musste, wo, wann und von wem solche Leute erzogen worden sind und ob sie sich im privaten und im beruflichen Umfeld tatsächlich immer so respektlos und so eklig benehmen können.

Für mich war das dann sowieso ein doppeltes Problem, da ich, wie schon mehrfach erwähnt, unter der Imurek-Therapie, die im vergangenen Januar begann und im kommenden Januar – vorerst – endet, sehr anfällig für Infektionen geworden bin. Darum ist es ein besonderes Glück, dass die Verletzung der Binde- und Hornhaut keine Infektion nach sich zog, was ich, wie schon einmal erwähnt, so unmittelbar nach der Niereninfektion nicht auch noch gebraucht hätte. Darum bin ich meiner Fussreflexzonen-Therapeutin dankbar, dass sie mich über ihre Erkältung informierte und den Entscheid, ob ich trotzdem kommen wolle oder nicht, mir überliess. Ich zog es dann vor, den Termin zu verschieben, da ich ja eben schon gegen diese Infektion der Nieren zu kämpfen hatte.

Das Imurek, das ich im Übrigen gegen zwei Krankheiten einnehme (zwei Fliegen mit einem Schuss, pardon auf einen Schlag…; mehr dazu ein anderes Mal…) musste ich letztes Mal in der Apotheke neben der Arztpraxis holen, da diese ausnahmsweise geschlossen war. Ich hatte Glück, dass die Apotheke es überhaupt an Lager hatte; das ist bei solchen Medikamenten nicht selbstverständlich. Und ja, all diese “über-die-Theke-Tabletten” sind für mich die “Smarties” im Geschäft, die nehmen zu können fast schon ein Privileg darstellt, wenn denn nichts anderes dazukommt.

Die Apothekerin fragte mich, ob ich die Tabletten (also eben nicht die “Smarties”, sondern das Azathioprin) jeweils nach den Mahlzeiten einnähme, was ich bejahte. Sonst ist das Risiko, dass einem übel wird, grösser. Übel wird mir auch ab und zu; eben vor allem dann, wenn ich zuvor nicht genügend gegessen habe, was, wenn es denn passiert, zeitlich und nicht etwa willentlich bedingt ist.

Sie fragte mich weiter, ob ich die Dosierung wisse, was ich wiederum bejahte. Diese wurde anhand des Gewichts festgelegt. Nach dieser Berechnung wurde (transparent!) aufgerundet – es soll ja schliesslich nützen… Die Dosierung ist jetzt also wohl ungefähr dem Gewicht, das Herr K. mir zugeschrieben und das real nie eine Waage angezeigt hatte, angepasst…

Die Apothekerin schaute ein wenig besorgt, als ich ihr den Namen des Medikaments nannte; als sie die Dosierung hörte, dann noch ein wenig besorgter. Ich hatte zudem den Eindruck, sie erinnere sich an die langwierige Augenentzündung, die ich vor einem Jahr hatte und wegen der sie mir sogleich, als sie mich sah, einen Notfalltermin bei der Augenärztin, zu der ich am letzten Freitagmorgen aufgrund von Selbstverletzung zurückkehren musste, vereinbarte.

Als mein hyperaktiver und vermutlich aufmerksamkeitsdefizitärer Sitznachbar drei (!) Getränke bestellte (eine Cola, einen Orangensaft und einen Kaffee), was er mit seinem am Morgen erhöhten Bedarf an Koffein begründete, und kurz darauf ein halbes Dutzend Schokoladen aus dem Korb klaubte, so ganz schnell, und sie ebenso schnell in der Tasche verschwinden liess, wurde er mir noch unsympathischer. Nie zuvor hatte ich auf all den Reisen so etwas erlebt.

Kaum war das Flugzeug gelandet, schnellte er hoch, schubste, zog und drängte, und ich hörte noch ein paar andere Fluggäste, die Anstand vermissten. Beim Hinausgehen sprach ich das Flugpersonal sowohl auf das Gerotze als auch auf die offensichtlich kleptomane Veranlagung an. Solche Passagiere seien häufig, antwortete die Stewardess, was der Steward nickend bestätigte. Ich dachte nur noch: “krass”.

Na ja, vielleicht müsste ich ja Erbarmen haben mit dem armen Mann, der in seinem Leben ganz bestimmt ganz oft und ganz stark zu kurz gekommen ist oder zumindest ein tief verankertes Gefühl des Zukurzgekommenseins in sich trägt. Wenn dies so wäre, könnte ich sogar Verständnis für sein Verhalten in Bezug auf das Ess- und Trinkbare aufbringen. Aber nicht für das Geschniefe und das rücksichtslose Heraushusten. Da hört bei mir die Kuschelpädagogik bzw. die Kuschelpsychologie auf.

Ansonsten bin ich glücklich in Barcelona, wo ich unter anderem einen Bekannten, der hier ein kleines Atelier hat und mit dem ich mich gerne auf künstlerisch-kreative Höhenflüge begebe, besuche. Das Beitragsbild ist jedoch nicht von ihm, sondern von Naila zum Abschied. Man beachte die Ecke unten rechts (nicht nur im grünen, sondern auch im braunen Streifen)… 🙂

Als ich den Flughafen verliess, hatte ich das Gefühl, jetzt müsse möglichst schnell ein Zeichen in eine sonnige Richtung folgen, so als gewissermassen zweiter Startschuss für drei bereichernde und erholsame Tage. Was auch sofort eintrat: Der Buschauffeur im Bus in die Innenstadt fand die Maschine zum Knipsen der Fahrkarten nicht. Also nahm er den Kugelschreiber und stach ein Loch in das Papier. So ein unförmiges, ausgefranstes Loch. Er fand das lustig, ich fand es ebenfalls lustig, und er freute sich, dass ich seine Spontanerfindung auf diese Weise würdigte. Wir lachten zusammen.

Bei der Endstation, an der Plaça Catalunya, sagte er mir besonders freundlich “Adios” und half mir mit dem Gepäck.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.