Grenzen: geografisch und persönlich

Nach langen Abenden mit etwas zu viel “Sangría” gab es am folgenden Morgen nur eines: “Chocolate con Churros”. Danach ging es uns wieder gut. Danach war ich bereit für Entdeckungstouren in der “Ciutat Vella”, der verwinkelten Altstadt von Barcelona, in der ich mein Hotel hatte, Felipes Atelier sich befindet und ich mich regelmässig in den dunklen Gassen verirrte, bis ich irgendwann wieder an einen Ort kam, von dem aus ich mich orientieren konnte. “Chocolate con Churros”. Danach hätte ich die doppelte Menge Azathioprin einwerfen können; mir wäre bestimmt nicht übel geworden. Wenn etwas so richtig Boden gibt, dann ist es das spanische Katerfrühstück.

Felí (Betonung auf der zweiten Silbe, bitte!) kenne ich schon lange. Wir hatten uns vor vielleicht 20 Jahren geschworen, unsere Freundschaft und die tiefe Verbundenheit nie aufs Spiel zu setzen. Was – in letzter Konsequenz – auch bedeutete, nie ein Paar zu werden. Es mag eine Zeit gegeben haben, wo dies für beide auch eine Zerreissprobe war. Aber heute – das heisst nicht erst heute, schon lange – sind wir unglaublich froh darum.

Viel schreiben werde ich nicht über Felí. Genau so, wie ich meinen Mann nur (sehr) selten erwähne; genau so, wie ich über ein paar Freunde, die ich jetzt, da unsere Kinder schon ziemlich selbständig sind, wieder häufiger treffen kann als in den vergangenen Jahren, (sehr) wenig schreibe:

Zum einen wollen einige dies explizit nicht, weil sie im “World Wide Web” ein Minimum an Spuren hinterlassen wollen, was ich je länger, je besser verstehe, auch wenn ich mich selbst – aus konkreten und transparenten Gründen – für einen anderen Weg entschieden habe. Zum anderen war es nie mein Ziel, mein ganzes Privatleben zu offenbaren und jeden Aspekt daraus kundzutun. Offen und ehrlich zu sein, bedeutet nicht, dass die Grenzen sich im Unendlichen verlaufen; offen und ehrlich zu sein, bedeutet nicht, dass alles geteilt und alles mitgeteilt werden muss. Das wäre ja schlimm…

Von daher irritierten mich anfängliche Fragen zu dem Thema und ich vermutete eher Neugier dahinter… Kein Mensch möchte alles über sich und sein Leben offenbaren, jeder Mensch braucht Privat- und Intimraum. Und wenn ich mich – aus konkreten und transparenten Gründen – entschieden habe, über das Leben mit – bis jetzt 😉 – drei chronischen, organischen Krankheiten zu berichten, heisst dies überhaupt nicht, dass ich darum alles von mir und über mich preisgebe. Wer macht das schon?! (Eine ehrliche Frage, oder? Am besten gibt auch jede und jeder sich selbst eine ehrliche Antwort darauf…!)

Dass chronische Krankheiten jeden Lebensbereich beeinflussen, dürfte klar sein, ohne dass ich oder andere betroffene Personen dies an die grosse Glocke hängen müsste(n). Aber meine Grenzen stecke ich ab; wie sie sich im Prozess des Schreibens verändern werden, weiss ich nicht, da ich diesbezüglich nicht plane, sondern mich dem “Flow” hingebe. Zudem respektiere ich, wie erwähnt, die Wünsche mir nahestehender Personen.

Einige von ihnen, vor allem Männer, haben kein Facebook-, kein Twitter- und kein Instagram-Account und sind in den “Social Media” nicht aktiv, was ich – ich MUSS es wiederholen (!) – je länger, je besser nachvollziehen und verstehen kann. Darum schreibe ich – irgendwie logisch – auch nicht öffentlich über sie und meine Beziehungen zu ihnen. Oder ich tue es vielleicht eines Tages, aber unter abgeänderten Namen. We’ll see…

Felí zeigte mir Barcelona, seine zweite Heimat. Seine Mutter stammte aus Katalonien, sein Vater war Schweizer. Beide leben nicht mehr, beide wurden über 80. (Ja, Felí ist ein paar Jährchen älter als ich; meine mir liebsten Freunde sind alle älter als ich, irgendwann wird das vielleicht kippen…, we’ll see…) Er zeigte mir also Barcelona. Zu Fuss – wir legten Kilometer um Kilometer zu Fuss zurück. Ich hatte das so gewollt, weil ich vor allem mir unbekannte Städte so viel intensiver und umfassender einatmen und in mir aufnehmen kann, als wenn ich von Punkt zu Punkt fahre, womöglich noch unterirdisch.

Irgendwann taten mir die Fussgelenke so weh, dass ich die Schuhe auszog und barfuss weiterspazierte. Und es kam, wie es kommen musste: Ich trat offenbar in eine Scherbe. Im Normalfall hätte ich die Wunde wohl kaum beachtet; es war kein grosser Schnitt. Aber mit dem unterdrückten Immunsystem und den damit verbundenen ständigen Infektionen kann ich es mir nicht mehr leisten, Wunden, die bluten, zu ignorieren; auch wenn sie nicht gross sind.

Zum Glück war die nächstgelegene Apotheke nicht weit weg; ich kaufte ein Desinfektionsmittel und erklärte der Apothekerin mein eigentliches Problem, das da eben nicht in dem harmlosen Schnitt bestand. Sie verstand sofort, nahm mich in ein Hinterzimmer und versorgte die Wunde professionell.

Felí fand, das gehe so nicht mehr, und überredete mich zu einer Touristen-Busfahrt. Auf der ich dann ein “Déjà Vu” mit Dublin hatte…, mit dem Unterschied, dass ich beim Losfahren nicht den Kopf anschlug, sondern beinahe die Treppe hinuntergefallen wäre. Weil ich – selber schuld – vergessen hatte, die Kopfhörer, die beim Einstieg bereit lagen, mitzunehmen… Und auch hier – wie bei der Rolltreppe im Glattzentrum: Wenn es nicht beim “beinahe” geblieben wäre, hätte ich mit Bloggen aufgehört. 😉

Darum am Abend etwas mehr “Sangría”… Und gestern Abend (auf Santorini) etwas mehr “Retsina”…, weil ich mit dem Restaurantinhaber auf meine Kurzvisite bei einem Augenarzt in der Hauptstadt (extrem gross!) Thira anstossen wollte. Und er mit mir.

Er hatte mir die Nummer herausgesucht und angerufen. Ich war dieses Mal schlecht vorbereitet; der Rückflug von Barcelona, dieser Panoramaflug über die Schweizer Alpenwelt, ein Glück, das meine Wortkunst übersteigt, hatte mich so einiges vergessen lassen…

Wenigstens hatte ich die Brille eingepackt und bin jetzt, da der Sand die Verletzung der Binde- und Hornhaut wieder aufgekratzt zu haben scheint, froh darum. Schlimm ist es nicht, alles im grünen Bereich. Bei den Augen (wie bei den Nieren) bin ich einfach besonders aufmerksam – aus guten Gründen.

Die Kurzvisite in Thira war zudem ganz interessant. Und der heutige Tag war eine der Perlen in meinem Leben. Da reicht nicht nur meine Wortkunst nicht aus, sondern auch die Zeit nicht mehr. Wir gehen jetzt nämlich essen – und “Retsina” trinken.

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