Enttäuscht… ;-)

Meine Liebe zu Griechenland ist ungebrochen: zur griechischen Küche mit Fetakäse, Tsatziki und Gemüse in allen Varianten, zu den weissen Häusern, blauen Kuppeln und roten Bougainvilleas, zu den Ausgrabungen und Museen, zur Mythologie und den Göttern, zum rosaroten Oleander und weissen Hibiskus, zu den kargen Bergen und schroffen Felsen, zur Sonne und zum Meer, zum Ouzo und Metaxa. Zu Restaurantinhabern, Buschauffeurs und – neuerdings – Augenärzten.

Zu einem, um genau zu sein. Dass ich im Ausland zum Arzt muss, ist ja nicht seit 1989 so. Meine Liebe zu Griechenland jedoch ist 28 Jahre alt. Ein paar Jahre älter sogar als meine Freundschaft mit Felipe. Aber mit Ländern ist es weniger kompliziert – Massentourismus hin oder her. Die würden ja nicht einmal merken, wenn die Beziehung gekündigt würde. Darum musste ich mit Griechenland keine Grundsatzfragen klären; darum konnten die hawaiianischen Inseln und Amerikas Südwesten dazwischenfunken; darum ist das, was ich mit Felí habe, etwas vom Kostbarsten und Wertvollsten, was ich mir vorstellen kann.

Felí – sein Bruder ist Arzt – war der Erste, der mich auf “Lupus” ansprach; Felí ist – bis jetzt – einer der wenigen, dem ich die anderen Diagnosen ohne Umschweifen mitteilte; Felí ist – bis jetzt – einer der wenigen, die wissen, dass ich in den Jahren vor der “langen” Krankschreibung (lange ist ein Jahr “nur” für Nicht-Betroffene…!) ein paarmal im Spital war, dass ich es zu früh verliess und so quasi vom Spital zur Arbeit ging. So im Stil von: Infusionen an den “freien” Halbtagen und Tagen, vorher und nachher an die Arbeit. So im Stil von: Medikamente und Nährstoffe – und dann funktionieren. Hat auch echt gut funktioniert, das mit dem Funktionieren. Zu gut. So gut nämlich, dass niemand etwas merkte bzw. diejenigen, die etwas merkten, das “Falsche” merkten.

Irgendwann werde ich diesbezüglich ausführlicher schreiben, irgendwann bin ich so weit. Jetzt noch nicht, aber irgendwann. Im “Flow”… Was ich aber jetzt schon sagen kann: Eine Magen-Darm-Grippe – zum Beispiel – ist für mich nicht der Rede wert. So beschissen sie ist, so schnell ist sie vorbei. Mein bisher längster Krankheitsschub dauerte acht Monate. Danach war ich so erschöpft und so ausgelaugt, dass ich vier Monate Erholung gebraucht hätte.

Das wäre möglich gewesen, das war geplant gewesen. Kalkuliert – wir wissen es. Kalkuliert mit meinen Verbündeten. Den Ärzten, die wussten, wie beschissen es mir ging, die mich als Person VOR die Wirtschaft stellten (was für eine Anmassung, ich weiss!) und die (wie ich) nicht mit einem Unfall und unmittelbaren Folgen rechneten. Ich komme darauf zurück, wenn ich bereit dazu bin. Auf die Infusionen, das Spital und die Arbeit. (Ich hab vieles unter einen Hut gekriegt, nicht?)

Felí und ich – wir sassen also in diesem doppelstöckigen Touristenbus. Eine Familie stieg ein, sie sprachen Schweizerdeutsch. Berndeutsch, um genau zu sein. Die Mutter sagte zu ihrem Sohn, er solle den Platz vorne beim Abgang zur Treppe für “Papa” lassen, wegen der Beinfreiheit. Ich spähte aus den Augenwinkeln nach links, die langen Beine hätten mich schon interessiert. Felí sagte, wir müssten nächstes Mal vorgängig Eintrittskarten für die “Sagrada Família” bestellen, um sie nicht nur von aussen zu sehen, sondern auch im Innern besichtigen zu können.

Das Gleiche gilt für weitere Bauwerke von Antoni Gaudí (Betonung auf der zweiten Silbe, wie bei Felí :-)). Der spanische Architekt, der die katalanische Bewegung des Modernismus herausragend vertrat, fasziniert mich. Nicht zuletzt, weil er als Kind aufgrund einer rheumatischen Erkrankung nicht mit anderen Kindern spielen konnte und dafür die Natur beobachtete, was seinen Kunststil prägte. Casa Batlló, La Pedrera, Park Güell: Zu Hause habe ich eine Liste erstellt mit den Bauwerken, die ich nächstes Mal nicht nur von aussen sehen, sondern richtig besichtigen möchte.

Und für Santorini werde ich mir das antike Thira (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Hauptstadt, wo mich der fürsorgliche Augenarzt mit so vielen Fläschchen Augentropfen eindeckte, dass ich befürchte, heute Abend am Zoll hängen zu bleiben…) aufschreiben. Ich bin zwar zum zweiten Mal auf Santorini und habe die antike Ausgrabungsstätte – wie Akrotiri ebenfalls – schon einmal besucht. Aber ich spürte auf dem Ausflug am Donnerstag, dass ich noch einmal hinfahren möchte.

Wir waren eine sehr nette Gruppe: Engländer, Deutsche, Schweizer…; die Chemie stimmte von Anfang an. In solchen Fällen tut es mir jeweils leid, dass die Wege sich nur so flüchtig kreuzen und dann alle wieder getrennte Wege gehen. Wie oft habe ich schon gedacht, dass ich mit einzelnen Menschen gerne eine (lockere oder engere) Verbindung pflegen würde. Manchmal gelingt mir dies, aber manchmal ist es nicht möglich. Ich kann ja nicht mit Hunderten von Menschen in Kontakt bleiben, obschon ich gerne würde. Richtigen Kontakt, meine ich. Nicht (nur) digitalen.

Bei Begegnungen mit Menschen frage ich mich fast immer, was für eine Geschichte sie haben. Was sie gerade beschäftigt oder belastet, ob sie unbeschwert und glücklich sind, was das für sie bisher schlimmste Ereignis in ihrem Leben gewesen ist… – Eine Frau aus Bamberg erzählte mir viel von sich, auch von regelmässigen Besuchen in Kliniken in oder um Regensburg. Sie schien mich als Zuhörerin ausgesucht zu haben…; warum, weiss ich nicht. Zufall?

Mit den Schweizern machte ich mich vor der Weindegustation – Santorini Weine, vulkanischen Gesteinen entsprungen, schmecken im wahren Sinn des Wortes einzigartig! – ein bisschen über Taieb lustig. Wir waren uns nicht sicher, was er zu degustieren bekäme. “Ein Glas Milch”, vermutete ich. “Ein Glas Eselmilch”, präzisierten die beiden, und wir lachten zusammen. (Mein schlechtes Gewissen dem Kind gegenüber, auf dessen Kosten wir uns amüsierten, machte ich gleich bei der Degustation wieder wett, indem ich mich für ein zweites Glas zuckersüsses Fanta einsetzte. Sah aus wie Apérol. Apérol pur. Aber das nur nebenbei.)

Am Freitag besuchten wir den Vulkan “Nea Kameni” sowie die Insel Thirassia und schwammen in den “Hot Springs”. Unter “hot” verstehe ich zwar noch höhere Temperaturen, aber das Baden in den warmen Quellen, deren Dämpfe zwischen uns aufstiegen, war wunderbar. Das Wasser rostrot, mitunter fast gelb, voller mineralhaltiger, ganz kleiner Steinchen, die, goldenen Krümelchen gleich, fast schwerelos auf- und abtanzten, das Meerwasser in der hübschen Bucht trübten und so färbten, dass das Besondere dieses Orts augenscheinlich wurde.

Wenn wir mit den Händen auf den Boden griffen, hatten wir braunen Schlamm in der Hand, mit dem wir die Haut bedecken konnten: “Rassoul” kenne ich aus Tunesien und Marokko. Aber so in freier Natur war es nochmals anders und tat besonders gut. Das Eisen, Schwefel und weitere Mineralien enthaltende Wasser soll insbesondere auf die Gelenke eine heilsame Wirkung haben: perfekt.

Auch das tägliche Hin- und Herspazieren im Meerwasser auf dem feinen, schwarzen Sand oder auf den etwas weniger feinen, schwarzen Steinen, einer Kneipkur ähnlich, hat gutgetan. So könnte ich die Operation(en) der Fussgelenke wohl noch weiter hinauszögern. Aber das möchte ich ja gar nicht mehr – ich kalkuliere. Weil ich es dieses Jahr (!) gelernt habe. Und weil das Hinauszögern von Unumgänglichen nur so lange etwas bringt, als dass der ideale Zeitpunkt für etwas, was nie ideal sein kann, gewählt wird. Das versuche ich jetzt – mit Kalkül.

Felí plante also gewissermassen unseren Besuch der “Sagrada Família”, und ich spähte nach links zu der Berndeutsch sprechenden Familie. Lange Beine? Fehlanzeige. Dicker Bauch!

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