Regress und Storymania

Während meiner Ferienabwesenheit habe ich natürlich Post bekommen: eine Postkarte von Naila, die ihre Hunde- und Pferdeferien in vollen Zügen genossen hat, eine Karte aus Katalonien von Felipe, der anfangs November in die Schweiz zurückkehrt, ein paar Rechnungen und – erneut (!) – einen “Regress”-Fragebogen der Unfallversicherung, die für den zweiten Unfall zuständig war.

Sie bedanken sich für meine prompte Beantwortung des vorangegangenen “Regress”-Fragebogens und schreiben, dass sich ihnen noch ein paar Fragen stellen würden (so formuliert (es stellen sich uns…!)), die da wären: “Hatten Sie die Ferien über ein Reisebüro/einen Reiseveranstalter in der Schweiz gebucht (Name und Adresse des Reisebüros/Reiseveranstalters)?” “Wenn ja, war die Fahrt im Shuttlebus eingeschlossen?” Bei Bejahung der Fragen müssen fünf weitere Fragen beantwortet werden. Bei Verneinung (und das ist bei mir der Fall) kann ich alles leer lassen, Ort und Datum hinschreiben, meine Unterschrift hinsetzen, die Papiere zurückschicken und beten, dass keine weiteren eintreffen.

Worum es geht, ist klar… Um Verantwortlichkeit und – wichtig (!) – um die Frage, wer demzufolge zahlen muss. Zuerst hätte Rückgriff auf die Gesellschaft der Buslinie in Dublin gemacht werden können; jetzt wäre es das Reisebüro. Das es aber nicht gibt… Wie auch immer: Es geht “nur” um den Rückgriff; die Leistungen an mich hat diese Versicherung diskussionslos ausgerichtet. Darum bin ich auch so bereitwillig und so speditiv beim Beantworten ihrer Fragen:

“Nein, ich habe nicht mit dem “Driver” gesprochen.” “Nein, ich habe ihm nicht gesagt, was passiert ist.” (Ich merkte es selbst erst am frühen Sonntagmorgen so richtig.) “Nein, ich kenne weder seinen Namen noch das Nummernschild des Busses.” “Nein, ich kenne auch die Nummer der Buslinie nicht.” “Nein, ich weiss nicht, wo der “Driver” wohnt.” “Ob er Chris de Burgh auch mag, schon gar nicht.” “Nicht, wie alt er ist.” “Auch nicht, ob er verheiratet ist.” “Nein, ich bin nicht mit ihm ausgegangen.” “Und NEIN, ich habe nicht mit ihm geschlafen.” Nein. Nein. Nein.

(Aber dies müsste jetzt definitiv in einen “Spoken Word”-Beitrag, das würde natürlich viel besser wirken! Kommt bald, wir sind daran…)

In der Zwischenzeit bete ich, dass ich keine weiteren Fragen mehr zu diesem Unfall beantworten muss…; sonst kommen die Kopfschmerzen womöglich zurück. Die sind jetzt nämlich vollständig verschwunden; diejenigen, die ich manchmal habe, sind auf die starken Medikamente zurückzuführen. Sie sind ganz anders als diejenigen während der Gehirnerschütterung, ähnlich wie diejenigen unter (zu viel) Kortison. So, wie es unterschiedliche Arten von Kopfschmerzen gibt (was wohl niemand anzweifelt…!), so gibt es unterschiedliche Arten von Müdigkeit. Die Unterschiede sind gross; viel grösser, als ich selbst je gedacht hätte, viel grösser, als ich es je hätte erfahren wollen. Wenn ich festlegen müsste, was das Schlimmste an allem sei – und es ist ziemlich viel -, würde ich keine Sekunde zögern. Ich wüsste die Antwort sofort: die Müdigkeit. DIE Art von Müdigkeit, die chronische Erkrankungen und harte Therapien mit sich bringen. Diejenige.

Auch die Unfallversicherung, die beim ersten Unfall zuständig war, hat mittlerweile bezahlt – nicht den vollen Betrag, aber einen anständigen Betrag, sodass die Sache für mich so in Ordnung ist und die Schlachtfelder sich – zum Glück – reduziert haben. Das grösste jedoch, auf dem es für mich keine Kompromisse (mehr) gibt, ist noch nicht beseitigt. Dass ich nicht (mehr) zu Kompromissen bereit bin, braucht einiges. Ich gehe nämlich nicht ungerne und nicht selten Kompromisse ein – ich lebe ja nicht als Einsiedlerin, wie im Verlaufe des Bloggens klar geworden sein dürfte. Kompromisse sind wichtig. Aber es gibt Grenzen. Diese sind für mich überschritten worden – quantitativ und qualitativ. Viele Fehler, viele Versäumnisse und Aussagen, die für eine chronisch kranke Person wie ein Dolchstoss ins Herz sind. Nur, dass ich keine Strafanzeige (Achtung: Anspielung!) hätte erstatten können, weil das bei bildlichen Dolchstössen wohl nicht so sinnvoll wäre… Nein, keine Kompromisse (mehr). Mein Waterloo. Mein persönliches Waterloo.

Mit der soeben erwähnten Unfallversicherung bin ich aber “gerne” einen Kompromiss eingegangen. Denn es war im März (um den es ging) tatsächlich nicht mehr klar, was woher kam, welche Symptome worauf zurückzuführen waren, was mir warum weh tat und was warum nicht funktionierte. Es war so viel passiert, dass der beste Arzt nicht mehr hätte durchblicken können und dass ich selbst, obschon ich meinen Körper gut kenne und trotz der Krankheiten eine intakte Beziehung zu ihm habe, nicht mehr durchblickte. Die Dinge hatten sich überschlagen, und ich werde die Angst, die im Januar während der (echten) Grippe aufkam, zum ersten Mal aufkam, diese Angst, es körperlich nicht mehr zu schaffen, nie vergessen.

Heute Nachmittag war ich mit den Kindern einkaufen. In der “Migros”. Für möglichst viel Geld, damit wir noch möglichst viele Sticker erhielten, weil die Kinder noch möglichst viele dieser Hörspiel-Figuren sammeln wollen und die Sammelaktion diese Woche zu Ende sei, wie mir Taieb nahelegte und sogar einen Teil seines übriggebliebenen Feriengeldes opferte, um mich zum Kauf der Hör-Box zu bewegen. Worin ich angesichts der überbordenden Begeisterung und der Bereitschaft, sich nach Kräften am Kauf zu beteiligen, einwilligte.

An der Kasse vor uns wartete ein Nachbarsjunge von uns mit seiner Mutter. Er ist etwas älter als Taieb; sie spielen draussen oft zusammen. Ein älterer, offenbar mürrischer und unzufrieden wirkender Herr wies die Mutter aufgebracht zurecht. Ob das ihr Kind sei. Ob sie gesehen habe, wie es (es! ihr Kind) sich einfach vor ihn gestellt und frech vorgedrängelt hätte. Ob es (es!) keinen Anstand habe. Ob sie es (!) nicht erziehe. Und so weiter, und so fort. Ich schaute nicht hin, um der Mutter die Situation nicht noch unangenehmer zu machen. Aber ich hörte hin und merkte demzufolge, dass sie sich nicht wehren konnte. Ihre Muttersprache ist nicht Deutsch, sie schien der Situation ausgeliefert zu sein.

Also schaltete ich mich ein und wollte dem Herrn erklären, dass er (er! der Junge) das bestimmt nicht absichtlich getan habe, dass ein Kind noch nicht die ganze Lage überblicken und alle Aspekte wahrnehmen könne und dass er ihm ja anständig hätte sagen können, er sei vor ihm dran. Doch er sah das anders: Er sage absichtlich nichts zum Kind, sondern zur Mutter. Sie sei für die Erziehung und den mangelnden Anstand verantwortlich. Worauf ich erwiderte, dass dies überhaupt nichts mit Erziehung und Anstand zu tun habe, sondern der Junge ihn einfach nicht wahrgenommen habe. Er schien mich überhaupt nicht zu verstehen, wurde dennoch für kurze Zeit ruhig, bezahlte an der Kasse, um dann unangenehm nahe an mich heranzutreten und den ganzen “Shitstorm” über die heutige Erziehung der Kinder, die ja alles dürften, auf mich niederprasseln zu lassen.

Der Nachbarsjunge und die Mutter hatten sich ein wenig zurückgezogen. Das war auch gut so; ich hatte es verbal voll im Griff. Ohne zu fluchen, ohne zu schimpfen, ohne zu beleidigen. In solchen Fällen sehe ich es jeweils als meine Pflicht, für andere einzustehen. Körperlich könnte ich es nie. Aber verbal habe ich schon ein bisschen was drauf. Das macht sogar Spass – und ich würde nie eine Mutter, die völlig zu Unrecht in der Öffentlichkeit zurechtgewiesen und zusammengestaucht wird und sich sprachlich nicht wehren kann, hängen lassen. Nie. So etwas ist für mich ein Minimum an Solidarität unter Müttern, unter Eltern. Ein Minimum an Zivilcourage.

Als der ältere Herr ausser Sichtweite war, kam der Junge auf Taieb zu und schenkte ihm seine Sammel-Figur. Taieb strahlte wie ein Maikäfer. (Ich weiss zwar nicht, wie ein Maikäfer strahlt…) Kaum konnte Taieb sein Glück fassen und hatte Naila vor Freude zu singen begonnen (Helene Fischer!), kam der Nachbarsjunge noch einmal zu uns zurück und schenkte Taieb eine volle Sticker-Karte und ein paar Einzelsticker. Ich fragte ihn zweimal, ob er sie wirklich nicht für sich wolle. “Nein”, sagte er und lächelte mich an. Dann kam die Mutter hervor, nickte mir zu und lächelte mich ebenfalls an.

 

 

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