Nicht mein Jahr…

Wer ist auch schon mal im Pyjama Auto gefahren? Für mich jedenfalls war es am Mittwochmorgen so weit. Wir hatten zwar daran gedacht, dass Taieb früh – und “früh” heisst in der Schweiz wirklich früh (!) – Schule hat (um 7.20 Uhr fängts an mit “Religion und Kultur”); wir hatten auch den Wecker korrekt gestellt, aber wir hatten nicht realisiert, dass es um 7 Uhr (dann muss er spätestens aus dem Haus) noch (von der Tageszeit her) und schon wieder (von der Jahreszeit her) dunkel ist. Mit dem Velo wollte ich ihn daher nicht fahren lassen, und zu Fuss hätte es sowieso nicht mehr gereicht. Also ergriff ich kurzerhand den Autoschlüssel, nahm meine Jacke (sie passt gut zum Pyjama) und schob Taieb vor mir her zum Auto. Naila sah die Komik in der Situation: “D Mama im Pyjama…!”

Dann fuhr ich ihn von der Zürcher auf die Schaffhauser Seite von Eglisau, also über den Rhein, da er seit dem neuen Schuljahr wie fünf weitere Kinder aus seiner ehemaligen Klasse das “Städtli”-Schulhaus besucht. Auf der Zürcher Strasse um diese Zeit wie gewohnt ein Auto nach dem anderen; zum Glück liess mich sofort ein Autofahrer einbiegen, sodass ich Taieb 30 Sekunden vor Unterrichtsbeginn vor dem Schulhaus abladen konnte. Er rannte los, ich fuhr zurück und nahm nicht wie üblich die zweite, sondern gleich die erste Strasse, die von der Zürcherstrasse abbiegt und zu unserem Quartier führt. Meine Lust auf eine Polizeikontrolle im Pyjama war verschwindend klein; meine Lust auf die Pfannkuchen, die ich zur Versüssung des für Zehnjährige unzumutbar frühen Aufstehens zubereitet hatte, jedoch gross.

Am Freitagmorgen kam ich dann knapp um einen Spitaltermin herum und konnte auf Schulbesuch – die Kinder hatten am Donnerstag und am Freitag Besuchsmorgen – zurückkehren. Zum Glück befindet die Arztpraxis sich in unmittelbarer Nähe des “Städtli”-Schulhauses. Es war – wieder einmal… – Freitag, der Tag, an dem meine Hausärztin eben frei hat. Also kam ich zu einem ihrer Kollegen.

Im Wartezimmer fotografierte ich die Empfehlung des Zürcher Kantonsarztes bezüglich Masernimpfung. Ganz ehrlich: Die Diskussion, ob Kinder geimpft werden sollen oder nicht, kannte ich bis vor Kurzen noch gar nicht; dass es (zum Teil fanatische) Impfgegner und -gegnerinnen gibt, war mir nicht einmal bewusst. Immerhin: 88% der Kinder in der Schweiz sind gegen Masern geimpft. Wenn ich es so betrachte, sind es ja nur zwölf von hundert Kindern, die nicht geimpft sind…; also eine kleine Minderheit. Trotzdem: Was soll die Diskussion? Wie viele Eltern in wie vielen Ländern würden alles darum geben, ihre Kinder impfen lassen zu können…?! Was für eine Luxus-Diskussion wird hier eigentlich geführt…?! Sind die Ideologen sich dessen zumindest bewusst?!

Und was mich noch mehr umtreibt: Was für ein egoistischer Entscheid ist das, sich oder die eigenen Kinder nicht impfen zu lassen? Was ist mit all jenen, die sich aufgrund von Chemotherapien oder aus anderen medizinischen Gründen gar nicht impfen lassen KÖNNEN/DÜRFEN und für die – DOPPELTES PECH – eine Ansteckung aufgrund der unumgänglichen Unterdrückung des Immunsystems sehr viel wahrscheinlicher ist als für diejenigen, die nicht unter Immunsuppression stehen, und für die – DREIFACHES PECH – eine Ansteckung sehr viel gefährlicher ist, eine Infektion deutlich schwerer verläuft und deutlich länger dauert und – gerade bei Leukämie-Patienten und -Patientinnen – den Tod bedeuten kann? Ja, was ist mit ihnen? Egal vielleicht? Pech gehabt? Eh schon Pech gehabt mit den Krebs- oder Autoimmunerkrankungen; jetzt halt noch einmal Pech? Hauptsache, Ideologen können ihre Ideologien verfolgen; Hauptsache, Fanatiker können ihren Fanatismus ausleben?

Die Diskussion, von der ich, wie erwähnt, noch nicht einmal lange weiss, dass sie überhaupt geführt wird, ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft; eines von etlichen. Am meisten gilt mein Mitgefühl den von Leukämie oder anderen schweren Krebserkrankungen Betroffenen. Persönlich betroffen bin ich “natürlich” auch. Ich sollte mich nämlich gegen die (echte) Grippe impfen lassen, da ich unter Imurek sehr anfällig für Infekte geworden bin; da die Influenza mich im Januar dieses Jahres ans Ende meiner körperlichen Kräfte gebracht hatte, sodass ich zum ersten Mal zu zweifeln begann, ob ich das schaffe und, falls ja, wie ich das schaffe; da ich (körperlich) alles andere als gewappnet für eine weitere Influenza bin.

Ich sollte mich also einerseits impfen lassen, andererseits aber gerade nicht, weil es gut sein kann, dass ich sie unter Imurek gar nicht vertrüge und es zu Komplikationen käme. Wofür ich – logischerweise – (körperlich) ebenfalls alles andere als gewappnet bin. Imurek kann ich voraussichtlich Mitte Januar absetzen und mal schauen, was passiert… Diesbezüglich bin ich zuversichtlich. Punkto Grippe-Impfung werde ich am kommenden Donnerstagnachmittag den Immunologen am Universitätsspital Zürich um seine Meinung bitten…

So, diese Thematik war – wiederum – nicht geplant gewesen, sondern hat sich einfach so im “Flow” des Schreibens und Verarbeitens eingefügt. Wohl deshalb, weil solch überflüssige Diskussionen mir momentan ziemlich nahegehen und das Blatt, das ja schon seit Mai diese Jahres im Wartezimmer der Arztpraxis, die ich unter anderem wegen der Blutkontrollen regelmässig aufsuche, hängt, mir in die Augen stach. Ich war nämlich weder zur Blutkontrolle noch zu einer Besprechung bezüglich Impfungen dort; ich war notfallmässig dort. Nicht mein Jahr, richtig… 😉

Am Donnerstagabend wollte ich Taieb, der auf dem Bauch im Bett lag, einen Kuss geben. Ich dachte, er schlafe schon. Dem war aber nicht so, und als er merkte, dass ich mich zu ihm hinunter beugte, schoss er mit dem Kopf hoch, weil er mir entgegenkommen wollte. Süss… Leider schoss er mir mit seinem Kopf aber direkt auf die Nase. Das Blut floss – das habe ich ab und zu, aber aus anderen Gründen – und es tat weh… Ich traute mich gar nicht hinzuschauen, und ich traute mich auch nicht, die Kinder hinschauen zu lassen. Naila war auch dabei; mein Mann hatte Spätdienst und war noch am Arbeiten. Dann legte ich mich auf den Rücken; Taieb sagte, er fühle sich jetzt so schlecht, weil dies passiert sei, und ich solle, obschon er Chris’ Musik ja nicht (mehr) so möge, an dessen Musik denken. Naila stimmte ihm zu und erzählte mir von “Lonely Sky”.

Das Bluten hörte nach einigen Minuten auf, die Schmerzen gingen ebenfalls zurück. Ich traute mich, die Taschentücher wegzunehmen. Dann fuhr ich mit dem Finger über das Nasenbein, das sich leider nicht mehr gerade anfühlte… Die Kinder bestätigten dies; Naila fand, ich könne das unmöglich so sein lassen und mein Leben lang mit diesem “Autschi” und diesem “Hügel” herumlaufen. Das sah ich auch so…

Am folgenden Morgen hatte der Knochen oder Knorpel (oder was genau verformt ist) sich zwar bereits wieder in Richtung “Normalität” zurückgebildet, aber die Veränderung war noch immer spür- und sichtbar. Also stand ich um 8 Uhr in der Arztpraxis, um einen Termin zu vereinbaren, besuchte darauf die Englisch-Lektion bei Taieb (das hatte er sich gewünscht!), kehrte auf 9 Uhr in die Praxis zurück, war um 9.40 Uhr wieder bei Taieb und danach noch zwei Lektionen bei Naila im anderen Schulhaus auf der anderen Rheinseite. Da sicher nichts gebrochen ist – dazu hat es auf jeden Fall zu wenig lang und zu wenig stark geblutet und zu wenig weh getan – und da ich weder Sehstörungen noch (zusätzliche) Kopfschmerzen habe, legte der Arzt den Termin beim HNO-Spezialisten in Bülach auf den Montagnachmittag. Er hatte ihn zuvor nämlich auf den Freitag legen wollen…

Darüber war ich erleichtert; es hätte mir den Freitag total durcheinandergebracht. Jetzt bin ich sogar der Ansicht, dass ich den Termin ganz absagen könnte. Die Nase tut kaum noch weh, und die Verformung ist so weit zurückgegangen, dass Uneingeweihten nichts auffiele. Da ich aber vor bald drei Jahren eine Operation der Nasenscheidewand hatte, bei der eben nicht nur die Nasenscheidewand zurechtgebogen wurde, sondern auch weitere Anpassungen vorgenommen wurden und Knorpel entfernt wurde (das alles, damit ich endlich (!) wieder (durch die Nase) atmen konnte), ist es besser, wenn ich den Termin wahrnehme.

Solche Zwischenfälle bringen nicht nur den Tagesablauf und Pläne durcheinander, sie verstärken auch die Müdigkeit, die chronische Erkrankungen und harte Therapien mit sich bringen. Darum war ich dann gestern Nachmittag eine Stunde im Bett – weil ich wirklich nichts mehr machen, nicht einmal mehr den i-pad halten und schreiben konnte. Ich habe aber auch auf unserem “Hometrainer” trainiert und nehme heute Nachmittag mit Naila an einem “Zumba”-Event teil, worüber ich einen Artikel verfassen werde. Es darf einfach zu keinem Zusammenstoss kommen…! Dass der Anlass für einen guten Zweck ist, freut mich umso mehr. Für die Krebsliga.

Das mit dem Ausruhen habe ich für diejenigen hingeschrieben, die, wenn sie “Hometrainer” und “Zumba” lesen, ja sofort wieder denken würden, es gehe mir (auch köperlich) gut und so schlimm könne “alles” sowieso nicht sein. “Hometrainer” bedeutet für mich 20 Minuten täglich, worum ich sehr froh bin. Und eben: Vielleicht war ich vorher eine Stunde im Bett… Vielleicht auch nicht. Der Verantwortlichen von der Krebsliga hatte ich mitgeteilt, dass ich nicht nur fotografieren und Informationen einholen, sondern auch gerne teilnehmen möchte. Dass ich aber aus gesundheitlichen Gründen nicht drei Stunden durchziehen könne. Und dass ich gerne unsere 8 1/2-jährige Tochter, die Musik und Tanz über alles liebt, mitnähme.

Das sei alles bestens, war die Antwort. Und sie bringe ebenfalls ihre Tochter mit und könne problemlos auf die beiden aufpassen. Ihre Tochter sei neun. Wir freuen uns! 🙂

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