Besuch mit Emotionen

Zeitungsartikel, Pancakes, Blogbeitrag: Danach wollte ich am Sonntagnachmittag mein Halbdelirium nach zwei Spritzen, einer Blutabnahme, einem zusätzlichen Test, zwei neuen Rezepten und der Aussicht auf Infusionen sowie einen baldigen Besuch bei einem Hämatologen ausschlafen. Wollte ich.

Doch dann klingelte es kurz nach 16 Uhr bei uns an der Türe. Yannik? Ein anderes Nachbarskind? Rahel oder Pia? Die Polizei? (So eine zweite Strafanzeige fände ich mittlerweile ganz amüsant…, und gegen Schreibstoff habe ich nie etwas – das liegt in der Natur der Sache.)

Nichts da: keine Polizei, keine Kinder, weder Pia noch Rahel. Vor der Türe stand Felí. Ich war kurze Zeit sprachlos und fiel ihm dann im Regen in die Arme. Ich weinte, und es war, als ob die Regentropfen die Tränen und die darin verborgenen Anspannungen der vergangenen Wochen mit sich nähmen und sie in den Rinnsalen davontrügen.

So das, was ich in der Familie kaum je mache, weil ich diese Anspannungen nicht übertragen möchte. Ob das gut ist, weiss ich allerdings nicht. Ich glaube es nicht einmal mehr so sehr; sie entladen sich dann nämlich trotzdem irgendwann, irgendwo und irgendwie. Darum habe ich angefangen, mir selbst möglichst viel Gutes zu tun. Umso mehr mir dies gelingt, desto weniger entladen Ängste und Belastungen sich an Orten, wo sie nicht hingehören, oder bei Menschen, die mit ihnen nichts zu tun haben. Auch darum gehe ich regelmässig in die Fussreflexzonenmassage; auch darum gehe ich regelmässig mit Freundinnen aus; auch darum besuche ich Konzerte; auch darum bin ich öfters auf Reisen. Und: Auch darum ist es so ziemlich vollidiotisch, mir solche und weitere Unternehmungen vorzuwerfen bzw. dahingehend zu interpretieren, dass ja „alles“ so schlimm nicht sein könne.

Ausser der Vorwurf wäre, dass ich mit unterdrücktem Immunsystem und hoher Anfälligkeit für Infekte versuchen sollte, Menschenansammlungen zu meiden. Diesen Vorwurf könnte ich noch am ehesten akzeptieren, weil er eine gewisse Berechtigung hätte, weil meine Hausärztin mir ja geraten hatte, bewusst zu entscheiden, was ich tue und wohin ich gehe – ich gehe trotzdem überallhin, wo ich möchte, aber ich übernehme die Verantwortung dafür (!) -, weil er ja wenigstens FÜR mich und nicht gegen mich wäre. Aber meistens beinhalten solche Vorwürfe entweder ein grosses Unwissen in Bezug auf chronische, organische Erkrankungen oder Missgunst. Beides macht das Leben mit eben diesen noch schwieriger.

Das Leben mit ihnen ist nämlich eine ständige Herausforderung, eine ständige Gratwanderung. Man merkts ja vielleicht beim Lesen…, und wenn nicht, mache ich definitiv etwas falsch beim Schreiben. Wenn ich auf die vergangenen Wochen zurückblicke, die mir – ich möchte nicht missverstanden werden (!) – viele wunderbare Momente, Stunden, Erlebnisse und Begegnungen brachten, reihen sich auch überdurchschnittlich viele gesundheitliche Stressfaktoren aneinander: Niereninfektion, Scherbe in Barcelona, Selbstverletzung der Binde- und Hornhaut, Zusammenstoss mit Taieb und jetzt die Ungewissheit in Bezug auf die Bedeutung (Signifikanz heisst das im Fachjargon) von zu vielen und „abnormal“ geformten bzw. zusammengeclusterten Antikörpern im Blut. „Ich will Ihnen keine Angst machen.“, meinte der Immunologe. „Aber da muss mal ein Hämatologe draufschauen.“

Die Niereninfektion hätte ich ohne Immunsuppression, die ich aber unbedingt brauche, höchstwahrscheinlich nicht gehabt. Das gilt auch für die zahlreichen Erkältungen sowie für die Halsschmerzen, die ich seit heute Morgen habe und die jedes Mal, seit ich unter härteren Therapien stehe, sofort tiefer, also in die Bronchien, gehen. Zudem könnte und würde ich bei Infektionen, von denen ich ohne Immunsuppression zwar gar nicht viele hätte, Antibiotika nehmen…

In meiner Situation aber verzichte ich, solange es eben irgendwie geht, darauf, um den Körper nicht noch mehr zu belasten. Darum dauerte die Niereninfektion dann halt drei Wochen, in denen ich nicht nur Gewicht verloren, sondern auch viel geschlafen habe, in denen ich jedoch trotzdem ziemlich aktiv war. (Was man natürlich deuten kann… Nur: Wer falsch deutet, tut mir grosses Unrecht. Das kann einerseits sehr verletzend sein, andererseits ist es mir aber: scheissegal.)

In die Scherbe in Barcelona wäre ich nicht barfuss hineingetreten, wenn ich nicht die Schuhe ausgezogen hätte. Die Schuhe hätte ich nicht ausgezogen, wenn mir die Fussgelenke nicht weh getan hätten. Die Fussgelenke täten mir nicht weh, wenn ich sie nicht durch Fehlbelastungen strapaziert hätte. Durch Fehlbelastungen hätte ich sie nicht strapaziert, wenn ich nicht Schmerzen gehabt hätte. Schmerzen hätte ich nicht gehabt, wenn ich nicht so extrem überbeweglich wäre. Und so extrem überbeweglich wäre ich nicht, wenn ich nicht grundlegende Besonderheiten mit dem Bindegewebe und den Sehnen hätte. Und diese grundlegenden Besonderheiten, die sehr viel mehr als die Sehnen und das Bindegewebe betreffen, hätte ich nicht, wenn ich nicht diese Autoimmunerkrankungen, für die eine genetische Veranlagung besteht und die bei mir durch die zweite Schwangerschaft ausgelöst wurden, hätte.

Dieses „Wenn…, dann…“-Spiel könnte ich jetzt mit etlichen weiteren Ereignissen durchspielen; am Ende stünde jedes Mal der gleiche Satz: Der soeben (vor diesem) gelesene.

Die offene Wunde am Fuss, die weder gross noch schlimm war, aber eben offen, hätte ich ignoriert und bestimmt keine Apotheke in Barcelona aufgesucht, wenn das Infektionsrisiko nicht deutlich erhöht und eine tatsächliche Infektion nicht deutlich gefährlicher wäre unter Immunsuppression.

Warum ich beim Entfernen der Linsen nicht nach zwei- oder spätestens drei vergeblichen Versuchen auf die Idee gekommen bin, dass die Linse ja gar nicht mehr im Auge, sondern ins Lavabo gefallen sein könnte – zumal dies auch schon passiert war (!) -, werde ich wohl nie verstehen. Das macht an sich nichts, aber die Vermutung, dass solche Missgeschicke vermehrt passieren, weil die gesundheitlichen Belastungen sowieso schon gross sind und ich den Kopf daher manchmal nicht bei der Sache habe und mir die naheliegendsten Überlegungen nicht einfallen, schwebt immer im Raum, schwebt immer um mich herum… Auch wenn ich den Raum verlasse, auch draussen…: Es gibt kein Entkommen, es gibt keine Flucht.

Da muss ich mir auch gar nichts vormachen und nichts schönreden: Natürlich häufen solche kleineren Unfälle sich aus dem Grund. Weil so eine Grundschwäche ständig vorhanden ist und weil ich allem gegenüber immer und überall schwächer entgegentrete, als wenn ich gesund wäre. Ich habs im vorletzten Beitrag erwähnt: Mein Internist vermutete einen Schwächezustand als Unfallursache im vergangenen Dezember…; und auch wenn die Vermutung der Kinder oder meine eigene die „richtige“ sein sollte: Die andere bleibt.

Das gilt auch für den Unfall in Dublin. Vielleicht wäre ich unter anderen Umständen standfester gewesen, vielleicht hätte ich unter anderen Umständen schneller reagieren können, vielleicht wäre ich unter anderen Umständen überhaupt schon länger oben und auf einem Sitzplatz gewesen. Vielleicht…

Vielleicht hätte ich auch beim Zusammenstoss mit Taieb vor fast zwei Wochen Bruchteile einer Sekunde schneller reagieren und mich Bruchteile einer Sekunde schneller bewegen und mit dem Kopf nach oben gehen können. Vielleicht hätte es dann nicht geblutet, nicht weh getan und wären nicht so ein „Autschi“ und so ein „Hügel“, wie Naila es nannte, entstanden. Vielleicht…

Jedenfalls hatte ich gestern Mittag Nasenbluten; kann aber nicht beurteilen, ob es mit diesem Bagatell-Unfall zu tun hat oder krankheitsbedingt und somit – für mich – „normal“ ist. Die Nase „richten“ lassen muss ich nicht; es wäre auch bei einem Schlag von oben kaum möglich, wie mir der Spezialist am vergangenen Freitag erklärte. Bei Schlägen von der Seite ist es viel einfacher.

Na ja…, man sieht eigentlich nichts; auch Menschen, die mich schon lange und/oder gut kennen, fällt nichts auf. Trotzdem bleibt jetzt halt so eine ganz kleine Veränderung beim Übergang vom Knochen zum Knorpel, und ich spüre sie, wenn ich mit dem Finger darüberfahre. Naila und mein Mann sind ebenfalls der Meinung, sie könnten einen ganz kleinen Unterschied wahrnehmen; Taieb, meine Mutter und Felí sehen nichts.

Womit ich ja wieder bei Felí wäre: Anstatt ins Bett zu gehen, setzte ich mich dann mit ihm an unseren Tisch im Wohnzimmer. Er hatte eine Flasche Rioja und „Queso Manchego“ mitgebracht. Die Flasche und eine Packung Käse öffneten wir, die anderen Packungen habe ich in den Kühlschrank gelegt. Ich liebe Manchego und er weiss das. Der in Spanien gekaufte schmeckt zudem besser als der in der Schweiz gekaufte, finde ich.

Er erzählte mir ein bisschen von den politischen Ereignissen in Barcelona, ich erzählte ihm von Santorini. Als ich zu müde zum Reden war, setzten wir uns aufs Sofa und schauten einen Film: „Nachtzug nach Lissabon“. Taieb wärmte Tee, Felí brachte mir eine Tasse Tee.

Für die (besonders) Neugierigen: Mein Mann hatte Sonntagsdienst. Und es wäre auch sonst kein Problem gewesen. Ich habe mehrere „grosse Brüder und ein bisschen mehr“ in meinem Leben. Felí ist der wichtigste. Über die anderen schreibe ich, wenn ich einen Weg gefunden habe, es zu tun, ohne dass diejenigen, die im Internet möglichst selten genannt werden wollen, erkannt werden.

Vertrauen als Fundament spielt nicht nur darin, sondern immer und überall eine grosse Rolle. Und Vertrauen kann man (Mann :-)) in mich tatsächlich haben.

Naila war mit ihrer Freundin Carolina zusammen, und Taieb total vertieft in ein Buch über Abenteuer im Amazonas, zu dem ich ihm erlaubt hatte, nach jedem Kapitel ein kurzes Video zum beschriebenen Tier zu schauen.

Wir hatten also unsere Ruhe. Taieb meinte beim Teewärmen zu Felí: „Mama kann die Tasse aber nur mit dem rechten Arm halten.“ „Ich weiss.“, antwortete dieser, obschon es am Sonntag natürlich nicht mehr so ausgeprägt war.

Ich habe Felipe durch die Scheidung geholfen – er hat mir durch die Diagnosen geholfen. Wir wissen wirklich viel voneinander. Darum stimmte „Ich weiss“ eben auf besondere Art und Weise. Und klar: Wir hatten uns nicht nur über Barcelonas politische Lage und über Santorini unterhalten.

 

 

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