„Einer davon ist es. Ganz bestimmt.“

Die Tage VOR dem Besuch in Gent waren eine Zitterpartie gewesen, die Tage BEI Maryam und Kamran jedoch so erholsam, dass sie vier Wochen Wellness-Ferien gleichkommen. Dass ich darum gebangt hatte, verstärkt meine Dankbarkeit. So sehr darum gebangt, dass ich bereits die Nummer meiner Mutter am Eintippen war, um ihr zu sagen, dass sie nicht kommen müsse, bei der zweitletzten Ziffer, einer Fünf, aufhörte, den Hörer ins Ladegerät zurücksteckte, ins Untergeschoss ging, meinen Koffer holte und Kleider für mich und Taieb einpackte.

Die Halsschmerzen, die zu den Nachwirkungen und Vorahnungen der ambulanten Spitalbehandlung dazugekommen waren, sollten uns nicht von dem Besuch, auf den wir uns gefreut hatten, abhalten. Sie waren denn auch von kurzer Dauer und am folgenden Tag verschwunden. Halstücher hatte ich vorsorglich gleich mehrere eingepackt. Ich trage sie gerne in bunten Farben als Accessoire; oft trage ich sie aber auch, weil ich eben Halsschmerzen habe. Auch im Sommer… Dass sie letzte Woche schnell wieder verschwanden, war ein Glück. Dafür konnte ich noch am Samstagmorgen, also mehr als eine Woche nach den Spritzen und der Blutabnahme die Zweiliterflasche Orangensaft, die Maryam auf den Frühstückstisch gestellt hatte, mit dem linken Arm nicht halten.

Mein Halbdelirium hatte ich vorher auch nicht mehr ausschlafen können: Nach Felís Spontanbesuch bei uns zu Hause, weil ich nicht zum Flughafen fahren bzw. das Haus nicht verlassen konnte, waren dann auch die Emotionen auf einem Level, wo nicht an schnelles Einschlafen und erholsames Durchschlafen zu denken war. Der spanische Käse, den er mir mitgebracht hatte, wird bis an Weihnachten reichen, auch wenn ich jeden Tag davon esse…, und die angefangene Flasche Rioja steht noch im Kühlschrank, da wir zu zweit nie eine ganze Flasche leeren. So haben wir jetzt – für einmal – Wein zu Hause. Da mein Mann keinen Alkohol trinkt und ich alleine nie trinken würde, warte ich also auf den nächsten Besuch. Vielleicht wird es schon am kommenden Wochenende – diesmal einfach geplant 🙂 – so weit sein.

Felí hat nämlich medizinisches Wissen für mich aufgetrieben. Wieder einmal…! Nicht, dass ich dies selber nicht könnte; nicht, dass ich zu meinen Ärzten und Ärztinnen kein Vertrauen hätte. Nein, darum geht es ganz und gar nicht. Es geht darum, dass uns so viel mehr verbindet und medizinisch nicht ganz lustige Neuigkeiten ihre Schwere verlieren, wenn ich sie von ihm bekomme. Manchmal ist das nötig. Jetzt ist es wieder einmal so weit, und darum kann es gut sein, dass ich mit ihm darüber reden werde und wir dann gleich die angefangene Flasche Rioja leer machen.

Klar, habe ich den Immunologen gefragt, was denn diese Auffälligkeiten im Blut, mit denen er mir keine Angst machen wolle, wie er sich äusserte, bedeuten würden. Klar, hat er mir geantwortet, und klar, habe ich gemerkt, dass da noch ein bisschen mehr daran sein könnte. Klar, bin ich dann, als ich den Bericht am späteren Montagmorgen im Briefkasten vorfand und die Fachbegriffe Schwarz auf Weiss vor mir sah, „googeln“ gegangen, und klar, habe ich dann gedacht: „Auch das noch.“

Das war der Punkt, wo ich „Google“ „Google“ sein liess und einen kurzen Spaziergang im Quartier unternahm. Das war der Punkt, wo ich kein Mittagessen kochte, sondern Brot, Butter und Käse auf den Tisch stellte. Und das war der Punkt, wo ich Felí anrief und ihm diese Begriffe durchgab. Diese immerhin drei Auffälligkeiten, die jetzt so quasi als Neben- oder Unterdiagnosen auf dem Arztbericht stehen. Die jetzt also noch dazukommen. Natürlich bin ich mir regelmässige Blutkontrollen gewohnt; natürlich weiss ich, dass auch im Blut Veränderungen auftreten aufgrund meiner Erkrankungen sowie aufgrund von Medikamenten. Aber da ist jetzt schon noch mal was dazugekommen. Ich kann mich nur wiederholen: Nicht lustig… Und ich wiederhole mich gleich nochmals: Man sieht nichts.

Am Abend rief er mich zurück. Drei Ursachen hatte er (nicht nur im Internet, sondern auch in Büchern und nach Rücksprache mit seinem Bruder, den ich übrigens auch gut mag) gefunden: Azathioprin (passt!), Nährstoffmangel (passt ebenfalls!!) oder eine allgemeine Assoziation mit Autoimmunerkrankungen (passt am besten!!!). „Drei sehr naheliegende Gründe.“ Er betonte „drei“ und „sehr“ und „naheliegende“. „Das wird sich zu keiner Form von Leukämie entwickeln.“

“Ich muss das aber engmaschig kontrollieren lassen.“ „Ja, das musst du. Und dann stossen wir jedes Mal darauf an. Dreimal. Auf jeden der drei möglichen Gründe: Azathioprin, Nährstoffmangel, Autoimmunerkrankungen. Einer davon ist es. Ganz bestimmt.“ Darauf war es kurz ruhig, und gerade, als ich irgendeine halbverwirrte Frage stellen wollte, fuhr er fort: „Und jedes Mal einen Kuss für das Nicht-Entwickeln von Leukämie.“ Das war der Punkt, wo ich ihm noch knapp sagen konnte, ich würde ihn am folgenden Tag zurückrufen. Dann legte ich auf. Ich wusste, dass er mich verstanden hatte. Der Punkt, wo ich mich aufs Bett legte und fast einschlief; der Punkt, wo ich das Lied „Snows of New York“ auf Facebook postete und Felipe widmete.

Was er zwar nicht sehen konnte, ich ihm am folgenden Tag aber am Telefon mitteilte. „You have always been such a good friend to me, through the thunder and the rain…“ Ich habe diesen Ausschnitt aus diesem Lied in meinem Blog schon einmal verwendet und Nora erwähnt. Ja, unter meinen Freundinnen ist Nora die erste, die mir dabei einfällt; unter meinen Freunden ist es Felí. Sowohl bei den Freundinnen als auch bei den Freunden gibt es noch weitere, für die ich diesen Ausschnitt aus diesem Lied gerne einmal singen würde, aber die wichtigsten sind Nora und Felí. Was sicher auch – nicht nur (!), aber auch – mit der Länge unserer jeweiligen Beziehungen zu tun hat und damit, dass sie in über 20 Jahren an Offenheit, Ehrlichkeit und Herzlichkeit nichts eingebüsst haben – im Gegenteil.

A propos Singen: Ich kann nur hoffen, dass es morgen mit der Gesangsstunde klappt. Eigentlich hätte ich heute Nachmittag eine, aber das bringt in dem Zustand nichts. Schon am Montag war ich die meiste Zeit im Bett; damit hatte ich fast schon rechnen müssen. Die emotionale Komponente in den Begegnungen mit Felí, aber auch mit Maryam und Kamran, ist nicht zu unterschätzen. Sie hat mich um den Schlaf, den ich so dringend nötig hätte, gebracht, und ich kann mir diesbezüglich gar nichts leisten. Die Reserve ist nicht nur auf Null, sondern weit im Minus. Also ist der Ausdruck „Reserve“ schon nicht der richtige…

Aber lassen wir das; jedenfalls war ich am Montag die meiste Zeit im Bett und bin es, nachdem ich gestern ziemlich fit war, auch heute wieder. Lesen, Musik und Radio hören sind immerhin bereichernde Beschäftigungen, und wenn ich zwischendurch schlafen kann, ist es noch besser. Für morgen hoffe ich aber wirklich auf Besserung – für die Gesangsstunde am Nachmittag und vor allem – da ich ihn nicht verschieben kann… – für den Apéro auf der Redaktion der Regionalzeitung, für die ich arbeite, am Abend. Ich freue mich nämlich darauf und möchte zudem mein Netzwerk weiter ausbauen.

Und übrigens: Der Nährstoffmangel, um den es sich bei mir handelt, hat nichts mit meiner Ernährungsweise zu tun, sondern damit, dass der Körper gewisse Nährstoffe nicht ausreichend aufnehmen oder verwerten kann. Das führt zu Mangelzuständen, die deutlich ausgeprägter und schwerwiegender sind als die geläufigen Mangelerscheinungen. Darum „stressen“ mich diesbezügliche – unreflektierte und unangebrachte – Vergleiche. Es geht hier wirklich um eine andere Kategorie. Dazu kommt, dass ich es nicht selber in der Hand habe, wie die Werte sind. Ich liebe – um nur ein Beispiel zu nennen – Gemüse über alles und kann mir einen Tag ohne Gemüse und ohne Salat kaum vorstellen. Aber wenn der Körper die darin enthaltenen Nährstoffe zum Teil nicht aufnehmen oder nicht verwerten kann, dann ist es halt, wie es ist. Am kommenden Montag fängt die nächste Infusionstherapie an.

Und gleich noch einmal übrigens: Mit dem Kuss ist einer auf die Wange gemeint.

Für dich:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.