„Mit. Mit Propofol.“

„Wollen Sie mit oder ohne Propofol?“ Die Oberärztin hatte mir den Operationsablauf erklärt, der Chirurg war dazugestossen. Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, während der Narkose Musik zu hören. (Aber das kann ich zu Hause auch…) „Mit. Mit Propofol.“ Meine Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. (Der Witz mit „Achtung Redewendung“ ist langsam alt, darum mache ich ihn hier nicht mehr. Die Strafanzeige war aber der noch grössere Witz, aus dem ich noch einiges herausholen werde…; insbesondere an Schreibstoff. Irgendwann schiess (!) ich so richtig los. Als Patrizia.)

Mit Propofol also. Die beiden waren vielleicht etwas erstaunt über meine prompte und bestimmte Antwort, und ich sah mich gezwungen zu ergänzen, dass ich Propofol kennen würde. Was der Oberärztin wiederum sofort einleuchtete, da ich ihr ein bisschen was aus meiner Krankengeschichte hatte erzählen müssen. Ich kenne Propofol also von verschiedenen Eingriffen bzw. Untersuchungen her. Es ist das Narkosemittel, bei dem die Träume so schön sind, dass man am liebsten stundenlang weiterschlafen würde. (Ich habe einmal darüber berichtet. Von einer Insel im Mittelmeer…)

Darum ist es auch als Partydroge bekannt. Michael Jackson soll an einer Überdosis gestorben sein. „Da ist man nachher so richtig „high“…, meine einzigen Drogenerfahrungen. Lass ich mir nicht entgehen.“, meinte ich. Wir lachten alle. Der Arzt verschwand dann wieder. Er ist der gleiche, der Sandra, meine Gesangslehrerin und Freundin, operiert hatte, als sie sich, wenn auch aus anderen Gründen, einer ähnlichen Operation unterziehen musste.

Mit Propofol also. Am 14. Februar. Auf den Tag genau vier Jahre nach einer der Diagnosen. (Nicht zu verwechseln mit dem (ersten) Ausbruch der Krankheit…; der war fünf Jahre vor der Diagnose.) In die Reha muss ich nicht, worüber ich nicht traurig bin. Sie wäre schon hilfreich gewesen, aber wenn ich nur drei Tage von den Kindern getrennt bin und danach zu Hause liegen kann, ist mir dies natürlich lieber. Sie freuen sich sowieso auf die Krücken und haben jetzt schon Streit, wer sie wie oft benützen dürfe. Von mir aus könnten sie die Krücken haben; ich würde gerne im Haus bleiben. Aber das darf ich nicht für so lange Zeit; da hat Felí schon interveniert – wegen des bei mir aufgrund der Erkrankungen deutlich erhöhten Risikos, eine Thrombose oder gar eine Embolie zu entwickeln.

Also nichts mit vier Wochen im Bett liegen (aber mindestens fünf Wochen nicht Auto fahren!)…; die Spaziergänge sind bereits eingeplant. Bleibt nur zu hoffen, dass dann nicht zu viel Eis und Schnee auf den Trottoirs und Wegen liegt… Felí hätte anfangs Februar eigentlich nach Barcelona fliegen wollen und hat diese Reise jetzt auf Ende April verschoben. Das hat mich sehr berührt – auch, weil ich weiss, dass die Verschiebung nicht nur mit dieser Operation des rechten Fussgelenks, von der auch er wusste, dass sie mir – wie diejenige des linken Fussgelenks – eines Tages bevorstünde, zu tun hat, sondern auch mit der Ungewissheit bezüglich meiner Blutwerte und damit verbundenen Ängsten, die durchaus vorhanden sind. Die Verschiebung seiner Reise hat mich so sehr berührt, dass mir eigentlich die Worte fehlen. Und dazu braucht es schon ein bisschen was.

An dieser Stelle auch wieder einmal ein Dank an diejenigen, die mir eine persönliche Nachricht geschrieben oder sonst auf eine Weise ihr Mitlesen und Mitfühlen bekundet haben.

Und noch ein letztes Mal für die Neugierigen (Sorry…, aber den Statistiken zu entnehmen, haben echt viele (!) die letzten Texte gelesen (was mich ja nicht weiter verwundert…)): Ich schreibe nichts über gewisse Menschen in meinem Leben, weil ich ihren Wunsch, im Internet so selten wie möglich aufzutauchen, respektiere.

Bei Felí habe ich auch genau darum so lange gewartet und bin immer noch daran, Wege zu suchen, wie ich die Beziehung zu ihm sowie zu weiteren Freunden und Freundinnen trotzdem einbauen kann. Sie gehören schliesslich zu mir und ich möchte die bunten und feinen Facetten, die sie in mein Leben bringen und für die ich grosse Dankbarkeit verspüre, nicht für immer draussen lassen.

Aber mit Namensänderungen und ein paar weiteren Änderungen ist es nicht in jedem Fall getan… Insbesondere meinen Mann kann ich nicht einfach Fritz oder Franz, Walti oder Werni nennen… Und bei den Kindern hoffe ich, dass sie nie ein Problem damit haben werden. Sonst machen sie mir mein gesamtes literarisches Werk kaputt… (Das war jetzt leicht ironisch.)

„Es gibt Menschen, die sich nach einer solchen Operation kaum beeinträchtigt fühlen, und solche, die nach einem halben Jahr noch Schmerzen haben. Und das ganze breite Spektrum dazwischen.“, erklärte mir die Oberärztin. Dass ich höchstwahrscheinlich nicht zur ersten Gruppe gehören werde, ist auch ihre Vermutung. Da sprechen die ganze Konstellation und die Krankengeschichte dagegen. Und auch hier wieder: Das ist nicht pessimistisch, das ist realistisch. Vorteilhaft ist hingegen, dass ich die Imurek-Therapie am 14. Februar beendet haben werde. Die Operation wäre auch unter Imurek möglich gewesen, aber wenn dann bereits mindestens zwei Wochen dazwischen liegen, ist dies besser. Die erhöhte Infektanfälligkeit wird zwar immer noch bestehen, aber die eigentliche Immunsuppression entfällt.

Die Anfälligkeit für Infektionen im Hals und im Bereich der Atemwege wird wahrscheinlich sowieso bestehen bleiben. Es kann nämlich gut sein, dass sie mit einer der drei gefundenen Auffälligkeiten im Blut zu tun hat. Ich habe einen Mangel an Antikörpern einer bestimmten Art, von anderen Zellen dafür zu viele und „abnormal“ geformte. Der Mangel kann zu häufigen Infektionen im Hals und in den Atemwegen führen. Da kann ich wohl mein Leben lang auch im Sommer Halstücher tragen…

Den Zusammenhang hat Felí mir erklärt. Für zwei meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen, Singen und Querflötespielen, nicht gerade ideal… Na ja, was solls; es läuft trotzdem ganz gut mit dem Singen. Die Schülerin nach mir sei total beeindruckt gewesen, erzählte mir Sandra am Donnerstag. In einer Woche, wo ich – schön symmetrisch – am Montag, am Mittwoch und am Freitag hauptsächlich im Bett war, freute mich das Kompliment besonders. Diese Schülerin hatte vorletztes Mal noch ein paar Minuten draussen gewartet. Eine junge und sehr sympathische Frau aus einem der Nachbardörfer.

Meine Querflöte habe ich gestern in Zürich zum gründlichen Reinigen gebracht, bevor wir mit den Weihnachtsliedern anfangen. Der Herr in der Werkstatt war ebenfalls begeistert – nicht über mein Spiel, sondern über das Instrument, das – ich wusste es schon – ein sehr wertvolles und edles Teil ist…

Ich hoffe, dass ich spielen kann, auch auf dem Klavier. Morgen beginnt eine weitere Infusionstherapie und, wie ich in den letzten Beiträgen erwähnt habe, reagiere ich oft ungewöhnlich heftig darauf. Mit Spritzen ist es das Gleiche. Aber sie sind notwendig. Wie im letzten Beitrag erwähnt, sind die Mangelzustände, um die es in meinem Fall geht und die sich durch die Ernährungsweise nicht beeinflussen lassen, von einer ganz anderen Dimension als die „bei uns üblichen“ Mangelerscheinungen.

Zudem handelt es sich längst nicht nur um Eisen und Vitamin D, sondern um verschiedene weitere und lebenswichtige Nährstoffe. Sollten die Schmerzen im Arm mich vom Querflöte- und Klavierspielen abhalten, werde ich wohl Schmerzmittel nehmen. Was ich, wenn irgendwie möglich, zu vermeiden versuche… Es ist ein ständiges Abwägen…, und in der Vorweihnachtszeit würde das Spielen von Liedern das Rennen machen. Aber ich hoffe, dass es ohne geht.

Vor einer Woche hatte der Zug von Brüssel nach Paris eine Viertelstunde Verspätung, sodass wir in Paris, wo wir den Bahnhof wechseln mussten, den Zug verpassten. Zwei Stunden später durften wir in der ersten (!) Klasse des TGV nach Hause fahren und freuten uns über die Sandwiches, das „Mousse au chocolat“ und die Fruchtsäfte, die uns serviert wurden. Am Gare du Lyon hatte ich noch Nasenbluten gehabt und wurde in der Apotheke versorgt. Taieb ging im gegenüberliegenden Geschäft auf Shopping-Tour, da er noch 15 Euro von seinem Feriengeld übrig hatte. Er nahm den Zwischenfall gelassen; ist ja auch nichts Neues… Gestern backte und verzierte er „Mailänderli“. Er formte lauter kleine Schneemänner und – extra für mich – ein paar Schmetterlinge.

Felipe hatte mir in Barcelona zwei T-Shirts geschenkt: eines mit dem Schriftzug der Stadt, eines mit Schmetterlingen… Sehr schön; ich muss sie mal in einem Beitragsbild verwenden.

Und jetzt muss ich bald los; ich besuche ein Theaterstück, über das ich einen Artikel für die Zeitung schreiben werde, und nehme Taieb und seinen Freund Remo, bei dem er zweimal hintereinander übernachten durfte (DANKE!) mit. Pia hat mir eine hübsche, kleine Pflanze geschenkt; die Blätter sehen aus wie Sterne und das Körbchen, in dem sie steht, hat das gleiche leuchtende Orange wie die Brust des Rotkehlchens, das sich vorhin vor unserem Küchenfenster aufhielt. „Robin“, nannte ich ihn leise, sodass er nicht davonflog.

Nach dem Theater kommt Felí. Jetzt geht es mir zwar wieder so gut, dass wir uns auch irgendwo in der Mitte hätten treffen können, aber das konnte ich beim besten Willen nicht voraussehen. Sandra hatte mir, als ich die Stunde vom Mittwoch- auf den Donnerstagnachmittag verschieben musste, Folgendes geschrieben: „Kein Problem, wir können auf morgen um 15 Uhr verschieben. Wenn es dir nicht gut geht, kannst du kurzfristig absagen. Ich bin hier. Lieber Gruss und alles Gute.“

Solche Worte – ehrlich gemeint – helfen so viel mehr, als ich ausdrücken kann. Danke.

Und danke an Felí. Dieses Mal mit diesem Lied:

 

 

 

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