Von Begegnungen und Bewegungen

„We have talked all night and I can‘t talk anymore, but I must stay and you must go.“

Reden konnte ich auch nicht mehr, aber diese Zeile singen – das ging. Im Türrahmen, morgens um drei – nur die Sonne, die war noch nicht am Aufgehen.

Die Flasche Rioja war schon lange leer; wir hatten tatsächlich die ganze Nacht durch geredet. (Für die Neugierigen gibts ab sofort keine Extra-Hinweise mehr. Ich schätze nämlich vor allem diejenigen, die mir persönlich schreiben und/oder auf andere Art ihr Interesse bekunden. (Das kann was ganz, ganz Kleines sein.) Und: Ich beisse nicht. (Ich schiesse auch nicht.))

Zum Glück war Felí mit dem Auto gekommen; er fährt nämlich – wie ich – meistens mit dem Zug. Um drei Uhr war ich so müde, dass ich dann eben – wie im Lied – nicht mehr reden konnte, aber noch diese Zeile des Liedes, das ich liebe und mit mehreren Menschen, insbesondere aber mit Nora und Felí, verbinde, singen konnte – und wollte. Des Liedes, das ich am Ende der letzten Gesangsstunde, als sie eigentlich zu Ende gewesen wäre, zusätzlich sang. Für Felí sang.

Sandra hätte ich über die Story dahinter einweihen wollen, aber da wir schon „überzogen“ hatten und wir fast jedes Mal „überziehen“ und sie sich zusätzlich immer noch Zeit nimmt, mit mir Tee zu trinken und zu reden – der Tee hilft auch der Stimme… -, fasste ich mich kurz und fragte sie nur, ob sie noch fünf Minuten Zeit hätte. Die hatte sie. Wir stellten die Nummer 18 ein, nachdem wir uns zuvor den Nummern 8 – „Ferryman“ ist immer noch Psychotherapie – und 9 gewidmet hatten, und ich konnte loslegen. Danach war die Gesangsstunde für mich vollständig, und ich fühlte mich befreit. Die Story dahinter erzähle ich Sandra ein anderes Mal.

Ich machte ihm einen Kaffee, bevor er nach Hause fuhr. Er musste zur Arbeit; ich konnte erst einschlafen, als ich wusste, dass er zu Hause angekommen war, und wollte bis 11.45 Uhr schlafen. Um sieben Uhr erwachte ich und erinnerte mich mit kurzem Schrecken daran, dass der Artikel über das am Sonntagnachmittag besuchte Theaterstück bis am Mittag auf der Redaktion eintreffen musste. Das Schlafen konnte ich also vergessen…; dafür lief die Kaffeemaschine heiss.

Am Nachmittag hatte ich den ersten Infusionstermin. (Den ersten in der erneuten Serie, meine ich.) Um dabei nicht einzuschlafen, las ich im „Beobachter“. Nächstes Mal nehme ich vielleicht ein Buch mit oder höre Musik; ich muss diese Termine, von denen in den kommenden Wochen mehrere folgen, abwechslungsreich gestalten. Jetzt sieht es definitiv so aus, als ob ich mein Leben lang mehr oder weniger regelmässige Infusionen bräuchte. Ehrlich gesagt, ist diese Gewissheit auch eine Erleichterung. Denn so werden die Termine „automatisch“ vereinbart, und es geht mir auf jeden Fall besser, wenn ich einerseits Medikamente – nicht nur (!), aber auch – intravenös bekomme, andererseits jedoch vor allem mit Nährstoffen auf diese Weise zusätzlich versorgt werde. (Auch wenn ich danach 40 statt der üblichen 20 Minuten liegen bleiben muss, auch wenn ich den Verband nach einer Woche statt nach der üblichen Stunde wegnehmen kann (und dann schon bald der nächste folgt), auch wenn der linke Arm permanent weh tut und ich Kürbis in Würfel geschnitten kaufen muss…)

Und eben: Es geht längst nicht nur um Eisen, und die Mangelzustände sind nicht vergleichbar mit dem, was hierzulande „viele haben“. (Solche Sätze habe ich mir nämlich schon anhören müssen…; auch in Bezug auf die früheren Hautprobleme, die einen gestandenen Dermatologen dazu brachten, seine Praxis für mich zu öffnen und eine Notfallbehandlung durchzuführen, weil er – wie er sich äusserte – selten einen so heftigen Ausbruch der betreffenden Krankheit gesehen hatte.)

Ich betone dies bewusst noch einmal, weil da eben – milde ausgedrückt- komische Vorstellungen herumgeistern und diesbezügliche Reaktionen verletzend sind. Ebenfalls bewusst betone ich noch einmal, dass ich meine Nährstoffwerte mit der Ernährung nicht erheblich beeinflussen kann, da der Körper gewisse Nährstoffe gar nicht aufnehmen oder verwerten kann.

Klar, wenn ich mich ausschliesslich von „Junk Food“ ernähren würde, wäre dies schlecht und würde die Werte vom Keller ins fünfte oder sechste UG transportieren und mich scheintot machen. Klar, das schon. Aber ich esse ja keinen „Junk Food“; „Mac Donalds“ und „Burger King“ betrete ich aus Prinzip nie. Ich liebe Gemüse, ich liebe Salat, und ich ernähre mich abwechslungsreich, hab fast alles gerne – ausser Fisch und Fleisch. Was natürlich in meinem Fall eher blöd ist, das ist tatsächlich so, und das weiss ich. Aber ich kann nicht…; ich würde schon wollen, aber ich kann nicht.

Beim Fleisch habe ich Ausnahmen machen können und war für mich persönlich immer froh darum. Aber jetzt sind die Ausnahmen wieder vorbei. Ich kann es nicht mehr essen – zu viel spricht dagegen und zu viel sträubt sich in mir dagegen. Auf vegane Pizza werde ich trotzdem nicht umsteigen, und daran, dass wir uns schön essen können, glaube ich schon gar nicht. Dafür „schön“-botoxen und „schön“-photoshoppen. Solange die Masse das dann auch noch „liket“, ist doch alles wunderbar:

„You look fantastic!“ „You look stunning.“ „Gorgeous“.

Wirklich? Ehrlich? Irgendwann schreib ich mal darunter:

„You look artificial.“ „You remind me of Barbie.“ „You seem to be extremely busy with your looks.“

Und irgendwann poste ich ein paar Fotos darunter; Fotos, die Kamran aufgenommen hat, Fotos von ergreifenden Alltagsszenen, und schreibe dazu: „I‘m an ambassador for natural beauty.“

Zurück zum „Burger King“: Ihm gegenüber habe ich beinahe ein schlechtes Gewissen. Demjenigen am Zürcher Hauptbahnhof gegenüber. Im ersten UG rechts in der Ecke, wenn man die Rolltreppe hinunterfährt. Da hatte ich nämlich einmal einen Kreislaufkollaps. Da ich die Anzeichen – wie auch schon beschrieben – nicht nur am Arbeitsplatz verlässlich registrierte, sondern auch in der Freizeit wahrnehme, reicht es meistens noch auf die nächstliegende Toilette. Und die war damals eben im: „Burger King“.

Letzthin erinnerte ich mich daran, denn ich sass auf einer dieser steinernen Bänke eben diesem „Burger King“ gegenüber und ass eine Käsewähe. Das war nach meinem Besuch in der Schulthess-Klinik; ich war zufrieden, dass mein Kalkül aufgegangen war. Perfekt aufgegangen sogar. Der 14. Februar war mein Top-Wunschdatum für die unumgängliche Operation gewesen, den 14. Februar habe ich bekommen. Für mein Top-Wunschdatum gibt es mehrere Gründe, bei denen es um mich und meine Familie geht. JA, so geht das.

Habe ich wunderbar gelernt dieses Jahr von ein paar ganz hässlich kalkulierenden Institutionen und deren Vertretern und Vertreterinnen. Vielleicht ja ganz gut so; jetzt habe ich auch kalkuliert und gewonnen. Mit dem alles entscheidenden Unterschied, dass unter meinem Kalkül keine Menschen zu leiden haben. Darum ist mein Kalkül perfekt, darum stehe ich damit an einem ganz anderen Ort als hässlich kalkulierende Institutionen und deren Vertreter und Vertreterinnen. Und ich kalkuliere weiterhin – das garantiere ich denjenigen, die auf meine Kosten kalkuliert haben und auf Kosten ganz vieler kranker und/oder verunfallter Menschen profitgierig und eiskalt agieren.

Neben mir auf der steinernen Bank sass ein junger Mann, der ebenfalls am Essen war. Er sprach mich an, und wir unterhielten uns über Käsewähen und Verpflegungsmöglichkeiten im Zürcher Hauptbahnhof. Was nach „Small Talk“ tönt, war keiner. Der junge Mann erzählte mir von seiner Schwester, die keinen Geschmackssinn habe. „Das stelle ich mir schrecklich vor.“, sagte ich zu ihm. „Schon, ja. Aber es gibt Schlimmeres.“, meinte er. „Stimmt auch wieder.“, erwiderte ich. Wir unterhielten uns weiter, und als ich aufstand und ihm ins Gesicht schaute, fiel mir der liebe Ausdruck in seinen Augen auf. Nach solchen Begegnungen tut es mir manchmal leid, keine Telefonnummern oder anderweitige Kontaktdaten ausgetauscht zu haben. Vielleicht begegnen wir uns ja wieder einmal, wer weiss.

Auch die Begegung mit dem Inhaber eines Souvenirshops in Barcelona werde ich nie vergessen. Er war sehr anständig, drängte sich überhaupt nicht auf und liess mich in Ruhe alles, was er verkauft, anschauen und auswählen. Er beobachtete mich zurückhaltend und beantwortete meine Fragen, ohne in unwahren Superlativen von seinen Angeboten zu schwärmen. Er zeigte mir, wie ich meine Handtasche umbinden umüsse, um nicht bestohlen zu werden. Diesen Tip hatte auch Felí mir gegeben, diesen Tip hat mein Mann mir schon oft gegeben, und diesen Tip höre ich von meiner Mutter, seit ich eine eigene Handtasche habe; sprich schon laaange!

Der Clou ist einfach, dass das einzige Mal, wo mein Portemonnaie aus der Handtasche entwendet wurde, war, als meine Mutter sie für ein paar Minuten hielt. Am Fahrkartenautomaten am Bahnhof Wallisellen. Das war der Oberhammer. Es war Dezember und wir waren unterwegs an ein Konzert in der Zürcher Tonhalle. Seither ziehe ich sie ab und zu damit auf, und sie gibt mir weiterhin Tips, wie ich meine Handtasche halten soll… 😉

Nachdem ich damals in Barcelonas Altstadt die Geschenke für die Daheimgebliebenen bezahlt hatte, bat mich der Ladeninhaber um einen Gefallen. Er wollte mich umarmen. Ich willigte ein, und er umarmte mich innig und gab mir einen Kuss auf den Hals. Das war alles; er wollte nicht mehr, nicht weniger. (In einer Zeit, wo unglaublich viele Frauen irgendwelche Männer irgendwelcher Übergriffe bezichtigen, aber eisern darüber schweigen, was sie vielleicht auch selbst damit zu tun haben, ist es mir ein besonderes Anliegen zu erwähnen, dass ich schon etliche unvergessliche, kurze oder längere Begegnungen mit Männern gehabt habe und nur ganz selten ein ungutes Gefühl dabei aufkam. Woran das liegt, weiss ich nicht; ich weiss aber, dass in vielen – und „vielen“ heisst eben „vielen“ und nicht „allen“ (!) – Fällen die Rollen der betroffenen Frauen (die sich dann Jahre oder Jahrzehnte später wie aus dem Nichts in einer Art Massenklage zu Wort melden) ebenfalls genau analysiert werden müssten.

Wie auch immer: Nach der Umarmung und dem Kuss ging ich ins Hotel zurück. Von Felí hatte ich mich bereits verabschiedet; es geschah am dritten und letzten Abend in Barcelona und ich ertrage keine Abschiede am Flughafen mehr. Die intensive Fernbeziehung zu meinem Mann hatte mir davon Dutzende und Aberdutzende beschert…; sie reichen für sieben Menschenleben.

Soeben bin ich aus Zürich zurück. Ich war im Grossmünster an der Feier zu Ehren von Beat Richners („Beatocello“) Lebenswerk: der fünf von ihm gebauten und geführten Spitäler in Kantha Bopha (Kambodscha).

Tief bewegt.

Hier schreibe ich nicht mehr viel dazu; dieser Erfahrung werde ich einen eigenen Text widmen. Vorerst mal nur das: Es gibt Menschen, die viel und gerne reden und sich auf diese Weise mit einer Art humanitären Aura umgeben, sich aber immer dann, wenn es darauf ankommt, vor allem von – so mein Eindruck – eigenen Befindlichkeiten leiten lassen. Und es gibt Menschen, deren Menschlichkeit und Grosszügigkeit in ihrem Innersten verankert sind. Die anpacken, die handeln.

Irgendwann, wenn ich mal wieder Lust zu provozieren verspüre oder Schreibstoff brauche und gerne eine Strafanzeige oder einen „Shitstorm“ riskiere, werde ich mal ein paar Namen aus erster Gruppe nennen…

Und ich entschuldige mich auch gleich für die Ein- bzw. Zweiteilung. Extrem undifferenziert, ich weiss. Aber ich bin geistig und sprachlich halt ein bisschen beschränkt und kann die Dinge nur so auf den Punkt bringen.

Hier nenne ich jetzt mal drei Namen der zweiten Gruppe. Mit grösster Achtung, grösster Bewunderung und in wahrhaftiger Verbundenheit:

Beat Richner

Ernst Sieber

Remo Largo.

 

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