Nadelstiche

Jetzt sind wir schon zu sechst, die überzeugt sind: „Schlimmer wird es nicht mehr. Die Abweichungen im Blut haben mit den bereits bestehenden Diagnosen zu tun. Vergiss „Morbus Waldenström“, und vergiss – vor allem – das Myelom.“ Klar, von der Hämatologie auf die Onkologie ist der Weg nicht weit. Noch kürzer als von der Immunologie auf die Hämatologie. Trotzdem: „Vergiss es.“ Fünfmal habe ich es jetzt schon gehört. Daran dachte ich am Mittwochmittag, als ich den Tisch deckte und Taieb hereinkam:

„Mama, du musst mir sagen, wie „Wolf“ auf Lateinisch heisst. Sie hat gesagt, ich solle „Dire Wolf“ auf Lateinisch eingeben und Bilder suchen.“ (Die Lehrerin heisst zwar nicht „sie“, aber ich hatte verstanden.)

Ich bin ja, wenn die Kinder am Mittag von der Schule nach Hause kommen, auf allerhand gefasst. Sie haben so einiges zu erzählen und manchmal eben so einiges zu fragen. „Ich muss ein Mind-Map erstellen! Kannst du mir helfen? Für meine Geschichte!“ Naila sass am Tisch und wollte ihre Hausaufgaben noch vor dem Mittagessen erledigt haben. Dann kam eben Taieb herein und platzte mit der Frage, auf die ich nicht gefasst war, in die Küche: „Mama, du musst mir sagen, wie „Wolf“ auf Lateinisch heisst.“

„Lupus“, antwortete ich, „Lupus“. So ein ganz feiner Schauer lief mir den Rücken hinunter. Taieb rannte nach oben, stellte den Computer an und gab also „Lupus“ ein. Was er fand, wollte ich gar nicht unbedingt wissen. Da er jedoch auf Bildersuche war, hielten meine Bedenken sich in Grenzen. Später stellte sich heraus, dass das gesuchte Tier gar nicht „Lupus dirus“, sondern „Canis dirus“ heisst bzw. hiess – das Tier ist (leider im Gegensatz zu meinem ganz persönlichen Wolf) vor etwa 10‘000 Jahren ausgestorben – und die Frage hätte lauten müssen, wie „Hund“ auf Lateinisch heisse. Dann hätte ich mit „Canis“ geantwortet und keine unliebsamen Assoziationen gehabt.

Felí, Sandra, Mira, Pia und meine Hausärztin sind die bis jetzt fünf Personen, die überzeugt sind, dass es nicht noch schlimmer werde und ich die anderen Szenarien vergessen solle. „Einer davon ist es. Ganz bestimmt.“, hatte Felí mir damals am Telefon schon gesagt. Einer der drei Gründe, die eben zu besagten Abweichungen im Blut führen können, ohne dass es sich um „Morbus Waldenström“ oder gar um ein Myelom handelt: Azathioprin (passt!), Nährstoffmangel (passt ebenfalls!!) und Autoimmunerkrankungen (passt am besten!!!).

Hab ich schon einmal so geschrieben und hab ich hier absichtlich und bewusst wiederholt – vielleicht vor allem für mich. So, wie nämlich das Singen von „Ferryman“ auch eine Art Psychotherapie darstellt, dient das Schreiben ebenfalls der Katharsis. Die brauch ich nämlich irgendwo, weil ich mir – wie in all den bald neun (!) Jahren – kaum etwas anmerken lasse, was die Menschen, die mit mir zusammen sind, nur zu gut wissen. (Und mit denjenigen, die dies notorisch falsch interpretieren, kann und will ich nichts (mehr) zu tun haben. Das befreit.)

“… ist eine hämatologische Veränderung mit meist gutartigem Verlauf.“, schrieb mir der Arzt von der Immunologie des USZ. Meist gutartig. Meist. Und „meist“ heisst eben „meist“. „Meist“ heisst nicht „immer“. Aber immerhin heisst es „meist“, und in meinem Fall, wo gleich drei Gründe für diese Veränderungen vorliegen, wird das „meist“ quasi potentiert. So im Sinne von „meist“ hoch drei, also „meist“ mal „meist“ mal „meist“.

Nun gut, man muss kein Mathegenie sein, um zu erkennen, dass auch „meist“ mal „meist“ mal „meist“ nicht „immer“ bedeuet, nie bedeuten kann. Und – wie in einem anderen Beitrag bereits erwähnt: Ich gehörte schon einmal zu den 5% und nicht zu den 95. (Wobei die Zahlen im jetzigen Fall noch extremer verteilt sind, so 2 bis 3% gegenüber 97 bis 98. We‘ll see…)

Die zusätzliche Kontrolle bei einem Hämatologen folgt sowieso erst im Januar, weil es sinnvoller ist, zu beobachten, ob die Werte konstant bleiben oder ob sie sich verändern. „Und wenn sie sich dennoch verändern sollten, kann man dann immer noch was machen.“, sagte meine Hausärztin. Worin das „was“ konkret besteht, habe ich sie dann nicht gefragt. Ich weiss es ja eigentlich…

Morgen habe ich die nächste Infusion, die übernächste am 19. Dezember. Im Januar folgen nochmals mindestens zwei, und vor der Operation am 14. Februar folgt eine weitere Spritze.

Vor ein paar Tagen habe ich eine Diskussion zwischen Vegetarieren, Veganern und Fleischessern gelesen und war schockiert über die üblen Beschimpfungen. „Ihr habt ja nur ein schlechtes Gewissen und versucht, dieses von euch zu weisen.“, werfen die Herbivoren den Karnivoren vor, während diese zurückgeben: „Ihr seid alle unterernährte, schrumpelige Besserwisser und arrogante, missionarische Esoteriker, schluckt Vitamintabletten und holt euch monatlich eure Spritze.“

Das war für mich wie ein solcher Nadelstich. Weil ich ja ebenfalls Spritzen und Infusionen brauche. Aber ich brauchte sie auch, als ich Fleisch ass. Ich brauche sie auch, obwohl ich Milchprodukte gerne konsumiere. Ich brauche sie auch, obwohl ich fast alles esse. Ich brauche sie auch, obwohl ich noch nie auch nur eine einzige dieser blöden Diäten, die auf keinerlei wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren, durchgeführt habe. Ich brauche sie und kann nichts daran ändern. Mein Körper bekommt genug von all diesen Nährstoffen, aber er kann sie zum Teil nicht aufnehmen oder nicht verwerten – wofür wiederum Gründe bestehen, die mit der Ernährung schon gar nichts zu tun haben.

Darum sind solche Anschuldigungen für mich wie ein Nadelstich einer dieser Spritzen, die mir immer weh tun, die mich eine Woche lang einschränken und die ich niemals freiwillig haben wollte… Von den immer langwierigen Schmerzen nach den Infusionen, die nicht nur Nährstoffe, sondern auch Medikamente liefern, ganz zu schweigen… Im Übrigen finde ich es auch pervers, aus ideologischen Gründen auf gewisse Lebensmittel zu verzichten und die fehlenden Nährstoffe dann künstlich zu ersetzen…! Würde ich nie tun – die Absurdität ist so augenscheinlich, dass jede Diskussion sich erübrigt. Wer für eine vegetarische oder sogar vegane Ernährungsweise geschaffen ist, leidet nicht an Mangelerscheinungen. Dann finde es eine ganz tolle Sache – den Tieren und der Umwelt ist auf jeden Fall gedient.

A propos Umwelt: Am Freitagabend bin ich in den Vorstand der Grünen Partei eines unserer Nachbarbezirke gewählt worden. Im Frühling 2019 komme ich auf die Liste für die Kantonsratswahlen. Da werde ich wohl kaum Chancen haben, aber vier Jahre später vielleicht. We‘ll see… Ideen habe ich einige, die Ressourcen, sie umzusetzen, ebenfalls. Aber nichts überstürzen – Schritt für Schritt, wie Felí und Sandra mir geraten haben. Sonst bezahle ich es dann persönlich. Das habe ich schon einmal – so von wegen „Don‘t pay the ferryman“… -; einen Dank dafür gibt es nicht – im Gegenteil.

Trotzdem werde ich Gas geben – mit Ruhepausen dazwischen. Das habe ich gelernt. Ich war wirklich aktiv vergangene Woche – hab gestern Nachmittag einen Freund besucht und war anschliessend an einem eindrücklichen Adventskonzert, über das ich jetzt einen Artikel schreiben sollte (anstatt  zu bloggen…!) -, und ich war auch zwei Halbtage im Bett, weil ich Fieber hatte und fror. Komische Kombination, aber nur eine von mehreren Begleiterscheinungen meines ganz persönlichen „Lupus Dirus“ (oder eben „Canis Dirus“). „Dirus“ bedeutet übrigens – nicht ganz unpassenderweise – „schrecklich“.

Als am Freitagabend soziale Themen aufgegriffen wurden, kam ich in Fahrt. Nach allem, was ich schon im vergangenen Jahr, vor allem aber in diesem Jahr diesbezüglich erfahren und erlebt habe, die logische Konsequenz. Da werde ich tatsächlich Gas geben. Die Naivität derjenigen, die meinen, sie würden in einem gut funktionierenden Sozialstaat leben, und die Arroganz sowie die furchtbar enge Ichbezogenheit derjenigen, die dies sogar noch behaupten, empfinde ich als weitere Nadelspitze. Dagegen werde ich ankämpfen – nicht verbissen, nicht verbittert, aber auf manchmal unkonventionelle Art und mit aller mir dafür zu Verfügung stehenden Energie. Und davon habe ich – trotz oder vielleicht eben gerade wegen (wäre auch mal ein Gedanke wert, oder?) drei chronischen Erkrankungen – ziemlich viel…

An der Generalversammlung der Grünen Partei habe ich einen „alten Bekannten“ wieder getroffen: Richi. Richard Bisig, über dessen Buch ich einen Zeitungsartikel geschrieben hatte. Das war lustig. „Hab mir beim Interview schon gedacht ‚Da hat die Zeitung aber mal eine gute Person geschickt‘.“, erzählte er vor den Anwesenden, „aber dass wir uns hier wieder treffen würden…“ Wilma, die ich ebenfalls durch meine Arbeit bei der Zeitung kennengelernt habe und mit der mich überdies berufliche Interessen verbinden, meinte fast das Gleiche: „Hab mir damals auch gedacht ‚Da hat die Zeitung eine wirklich interessierte Person geschickt‘.“

Na ja…, so verbindet sich jetzt einiges, und ich kann mich nicht erinnern, wann ich letztes Mal irgendwo so herzlich und so offen aufgenommen worden bin.

Die nächsten Abstimmungen sind anfangs März 2018. Da gibt es jetzt noch ein bisschen was zu tun für mich… Und der Operationstermin ist doch nicht mehr so perfekt. 😉 😉 Hab Wilma aber schon gesagt, sie könne auf mich zählen, ich würde das auch mit Krücken schaffen. Oder ich nehme die Kinder an die Aktionen mit, sitze daneben und versuche, hübsch auszusehen. 🙂

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