Ich muss gar nichts… – zum 6. Januar

„Ich habs dir vor Jahren schon einmal geschrieben, aber so ein besonderer Geburtstag ist vielleicht die Gelegenheit, dies zu wiederholen (ha, und jetzt merke ich gerade, dass ich das gar nicht so einfach in Worte fassen kann…): Du bist eine der ganz wenigen, die ich kenne, die keine „unverarbeitete Vergangenheit“ mit sich tragen oder wenn, dann so, dass die Mitmenschen dies nicht zu spüren bekommen. Du siehst differenziertes Denken nicht darin, dass du anzweifeln musst, was jemand dir erzählt und anvertraut; du hast klare Ansichten, ohne fanatisch sein zu müssen; du bist bei dir und kannst darum den anderen wirklich zuhören und ihre Geschichten aufnehmen.“

Den heutigen Text widme ich meiner besten Freundin. Sie feiert heute einen runden Geburtstag. Eigentlich hätte ich sie anrufen wollen, aber da meine Stimme nach der gestrigen Gesangsstunde definitiv dem grippalen Infekt, den Taieb von seinem Freund „bekommen“ hat und ich von Taieb „bekommen“ habe, unterlegen ist, habe ich vorgezogen zu schreiben. Obiger Abschnitt ist ein Auszug daraus. Ein Auszug – ich habe noch mehr geschrieben, habe sie eingeladen, habe ihr vor allem gedankt und ausgedrückt, dass meine Worte auch ein grosses Kompliment darstellen. Denn die Eigenschaften, die ich oben nur angedeutet, bei weitem nicht etwa ausformuliert habe, sind selten anzutreffen und auch darum so besonders wertvoll.

Ausformulieren möchte ich sie auch gar nicht, da ich es nie schaffen würde. Aber so die Andeutung einer Andeutung von dem, was wahre Freundschaft ausmacht und bedeutet, am heutigen Tag im Blog zu haben, finde ich ganz passend. Und weil ich das grosse Glück habe, wahre Freundschaft in meinem Leben zu kennen – ich könnte an dieser Stelle einige Namen nennen, aber sie tun nichts zur Sache, und ums Vergleichen geht es mir hier wirklich nicht… -, weiss ich, spüre ich, erlebe ich, worin sie besteht. Und worin sie eben NICHT besteht… – gerade in schwierigen und belastenden Situationen, von denen ich im vergangenen Jahr mehr als in meinem gesamten Leben zuvor hatte. (Was schon „krass“ ist; ich bin nämlich nicht mehr 20.)

Und nein, ich bin nicht selber schuld, ich habe es nicht selber in der Hand, ich kann nicht einfach positiv darüber denken (dafür bin ich zu ehrlich und viel zu wenig oberflächlich!), und ich werde nicht darüber schweigen. Hab ich schon ein paarmal geschrieben, ich weiss…; aber ich freue mich eben auf den Moment, wo ich auspacken werde. Er wird mich erleichtern, er wird mir den Weg zu Neuem, den ich längst eingeschlagen habe, ebnen. Ich kalkuliere „nur“, wann es so weit ist…

Wir kennen es ja alle, mein eiskaltes Kalkül – angefangen beim laaangen bezahlten Urlaub, für den ich jetzt Rache erleiden soll. Aber sie wird nicht aufgehen, die Rache; der Wolf in mir ist viel zu stark, zu hartnäckig und zu mutig. Der Wolf in mir findet Rache an einer Person, die erstens nichts getan hat, wofür man sich rächen müsste (Oder sieht das jemand anders? Freiwillige vor…!), und die zweitens eine grosse gesundheitliche Hypothek unverschuldet (Oder sieht das jemand anders? Ich liebe medizinisches Pseudo-Wissen…!) für immer mit sich trägt, so richtig niedrig. Der Wolf in mir ist Menschen wie Nora unendlich dankbar; sie haben mich über vergangenes Jahr hinweggerettet, wenn ich das einmal so ausdrücken darf.

Auch Pia, auch Rahel, auch Maryam, auch Felipe…, um – jetzt also doch – „nur“ ein paar Namen zu nennen.

Felí rief mich am Silvesterabend an. Das war nicht aussergewöhnlich – im Gegenteil. Aussergewöhnlich war nur, dass ich seinen Anruf wahrnahm, obschon ich mein Handy auf „lautlos“ gestellt und auch das Vibrieren entfernt hatte, weil ich in den vergangenen Wochen belästigt worden war. (Muss vielleicht doch mitmachen bei den Massenanklagen gegen all die bösen Männer dieser Welt… (Ende Ironie)) Nachdem ich also sämtliche Anrufe der vergangenen Wochen verpasst (und darauf in den meisten Fällen zurückgerufen) hatte, blickte ich zufälligerweise genau in dem Moment, in dem Felí am Silvesterabend anrief, auf mein Handy und sah das Licht bzw. eben den Anruf.

Ich war alleine im Hotelzimmer, weil ich mich nach dem schönen Spaziergang durch Ulm und vor dem gemeinsamen Abend mit Tanja, Wolfgang, Maurits, Taieb und meinem Mann erholen wollte bzw. musste. Der 31. Dezember war einer dieser schlechten Tage, und ich war froh, dass ich überhaupt den Spaziergang mitmachen konnte. Offenbar sah man mir auch an, dass es mir nicht gut ging; jedenfalls wurde ich mehrere Male darauf angesprochen. Das war – so absurd es tönt – ein Vorteil, fast schon eine kleine Genugtuung.

Felí gegenüber kann ich – wie Nora gegenüber – immer absolut ehrlich sein; ans Kranksein werden keine Bedingungen geknüpft.

(Da gibt es auch Leute, die sich meisterhaft im gegenteiligen Verhalten auskennen…; aber auch DEREN Verhalten hat mich reifer und stärker gemacht. „Ich danke euch.“ (Und lasse für einmal offen, ob ich es ironisch meine oder nicht…) Gerne füge ich jedoch an, dass es äusserst befremdend ist, wenn Leute, die gar nicht wissen, worum es geht, sich so äussern, als ob sie wüssten, worum es geht. Wenn jeder nette Blick und jedes Kompliment eines Mannes heutzutage als Grenzüberschreitung empfunden und dargestellt wird, was sind denn erst solche Anmassungen…?!)

Ich muss nicht blass aussehen, damit – zum Beispiel – Nora oder Felí mir glaubt, dass es mir nicht gut geht. Ich muss gar nichts – das ist er, der Kern wahrer Freundschaft.

Felí hörte schon meiner Stimme an, dass ich nicht fit war, und ich musste ihm versichern, nicht länger alleine im Hotelzimmer zu bleiben, sondern entweder die Rezeption zu informieren oder zu meiner Familie und meinen Freunden zu gehen. (Letzteres tat ich dann auch.) Ich erzählte ihm von der Zugfahrt zwischen Schaffhausen und Ulm, auf der für zahlreiche Passagiere kein Sitzplatz zu Verfügung stand, weil der Zug viel zu kurz und total vollgepfercht war. So etwas hatte ich nie zuvor erlebt, und ich habe seit 20 Jahren das Generalabonnement der SBB und bin auch im Ausland schon öfters Zug gefahren.

Meinem Mann, der die Umstände aber völlig gelassen nahm, musste ich Recht geben, dass so etwas in Marokko nicht vorkomme, und ein anderer Passagier verglich die Zustände mit Indien. Jedenfalls wurde mir nach ungefähr einer Stunde des ein- und zusammengequetschten Stehens Schwarz vor den Augen. Übelkeit breitete sich im Körper aus, nahm mit jeder Sekunde zu, wirkte wie ein Druck von innen her. Ich schwitzte, und als die Hände zu zittern anfingen – jeweils das letzte der sich steigernden Anzeichen vor einem Zusammenbruch -, dachte ich nur noch, dass ich bei der nächsten Haltestelle aussteigen oder vielleicht sogar die Notbremse ziehen müsse.

Ich konnte gerade noch meinen Mann rufen, der mit Taieb beim Eingang zum Wagon stand und die dort aufgestapelten Koffer so hinstellte, dass ich mich daraufsetzen konnte. Sogar die Dame, die sich mit mehreren Fahrgästen angelegt hatte, um ihr Viererabteil für sich und ihre Kinder auf eher fragwürdige Weise zu verteidigen und die dann an ihren Koffer wollte, um den Schoppen für ihr Baby herauszunehmen, merkte, dass sie mich wohl besser sitzen lassen und ihr Baby erst dann, wenn es tatsächlich Hunger hat und zu weinen anfängt, „füttern“ sollte. Da halb-sass, halb-lag ich dann also auf diesen Koffern, Taschen und Rucksäcken und schwor mir, nicht noch ein einziges Mal den medizinischen Ausweis, mit dem mir ein Sitzplatz zustände, zu Hause zu vergessen. Obschon: Ich habe Angst vor der Reaktion gewisser Leute.

Felí konnte ich darüber berichten; mit meinem Mann rede ich zwar weniger darüber, aber er reagiert jedes Mal unkompliziert, hilfreich und angemessen humorvoll, wenn er dabei ist. (Warum ich über ihn ein bisschen mehr schreibe als früher, erkläre ich ein anderes Mal. Wobei es gar nicht viel zu erklären gibt; es war eine Art Geschenk von ihm an mich zu unserem zehnten Hochzeitstag Ende November 2017.) Felí konnte ich über das beinahe-„Blackout“ berichten; Felí war auch nicht verwundert, dass ausgerechnet der letzte Tag des Jahres 2017 für mich „one of those really bad days“ gewesen war – nach den Erfahrungen, die ich gemacht hatte, der logische, einzig „richtige“ Ausklang… -, und Felí war derjenige, der mir half zu „verdauen“, dass am ersten Tag des Jahres 2018, den ich fit und darum motiviert und glücklich begonnen hatte, ein Mann versucht hatte, sich mehr oder weniger vor meinen Augen das Leben zu nehmen bzw. dass ich genau zu dem Zeitpunkt, als er vom Ulmer Stadthaus sprang, auf dem Münsterplatz auftauchen musste.

Hundert Dinge hätten zuvor ein ganz kleines bisschen anders laufen können und ich wäre nicht genau in dem Moment, als sein Fall dem Ende zuging und er auf den Pflastersteinen aufprallte, dort gewesen. Eine Frau hatte bereits ihr Mobiltelefon am Ohr, ein Polizist und eine Polizistin, die sowieso in der Nähe patrouillierten, erschienen und verständigten einen Krankenwagen. Ich hatte mein Handy ebenfalls reflexartig aus der Tasche genommen und sah – manchmal glaube ich auch an Fügung… – einen verpassten Anruf und eine SMS-Nachricht von Felí. Er wollte wissen, wie es mir gehe… Ich rief ihn zurück, und er war – mit seiner ruhigen, differenzierten, einfühlsamen und doch bestimmten Art – wieder einmal (!) meine „Rettung“.

Wolfgang und Maurits kamen etwa eine Viertelstunde, mein Mann und Taieb etwa zwanzig Minuten nach dem Unfall. Nur ich war dort gewesen, als er passierte, als noch keine roten Plastikbänder die Unfallstelle abschirmten, als ein Mensch entschieden hatte, nicht mehr leben zu wollen oder zu können. Und mich lassen solche Vorfälle nicht kalt. Die meisten Selbstmorde und Selbstmordversuche sind nicht lange und sorgfältig geplant, sondern geschehen im Affekt, wie ein Forscher und Selbstmordexperte der Universität Zürich in einem eindrücklichen Interview im „Beobachter“ einmal dargelegt hat. Im Affekt und aus Verzweiflung – an der die Person, die sich umbringen oder die um Hilfe „schreien“ will, nie nur selber schuld ist. Nie.

Den Text widme ich Nora. Und ein wenig auch ihrer Mutter, die mit uns am 27. Dezember ins „Fata Morgana“ kam, sowie ihrem Vater, der nicht mehr lebt. Wenn ein Mensch so viele eher seltene und besonders wertvolle Eigenschaften so ganz selbstverständlich in sich vereint, sagt mir mein Bauchgefühl, dass die Eltern irgendetwas richtig gemacht haben. Irgendetwas ganz Wichtiges.

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