Es ist nie das Gleiche…

„Vorsicht, nasse Treppe“, meinte Sandra und wandte sich zu mir, „hinunterGEHEN, Sabine, NICHT hinunterfallen.“ Die Treppe zu Elios Musikstudio hatte es tatsächlich in sich, weil sie vom Regen („Burglind“, „Evi“, „Friederike“…, hab den Überblick verloren…) eben nass und glitschig war. Wir kamen jedoch heil unten an und mussten lachen.

Das war der beste Einstieg in den Probenachmittag, der eigentlich als Probestunde vorgesehen gewesen war. Dass aus der Stunde viereinhalb Stunden wurden, hat mit fast unglaublicher Hingabe und Leidenschaft, Selbstlosigkeit und Interesse am Gegenüber zu tun. Um halb acht Uhr abends verliess ich das Studio, müde und glücklich, und war froh, dass ich den Bahnhof Hardbrücke noch fand und in den richtigen Zug einstieg.

Am nächsten Donnerstag gilt es ernst und wir nehmen auf. Aber Elios Art hat jegliche Nervosität verfliegen lassen. Wenn ich das Lied fünfzehnmal singen muss, dann singe ich es halt fünfzehnmal. Elio hat Geduld: wahre Geduld. Oli und Raphael werden ihm ein paar Tips für die Aufnahmen geben; Pascal hat „Lonely Sky“ sogar zweimal für mich eingespielt – selbstverständlich, sofort, morgens um sechs… -, weil die erste Version etwas zu schnell war – sowohl für meine Lungen als auch vom Inhalt des Songs her.

Singen ist nicht nur eines meiner liebsten Hobbies geworden, es ist gleichzeitig eine Art Therapie. Das war nicht von Anfang an so, aber seit ich „gut geworden“ bin, ist der therapeutische Aspekt wichtig geworden. „Gut geworden“ heisst, dass mein Zwerchfell gemerkt hat, worin seine Aufgabe besteht, dass ich mich traue, auszuprobieren, und dass ich im Gegensatz zu früher sogar dann, wenn ich krank bin, singen kann. „Jetzt hast du das Gaspedal entdeckt.“, fand Sandra. „Du musst bloss darauf achten, es nicht jedes Mal zu betätigen…“ 😉

Das wäre für die Stimme nicht förderlich – für keine Stimme, aber für meine, weil ich eben oft Halsschmerzen habe, schon gar nicht. „Und der Hals muss sich noch mehr öffnen.“, fand Sandra weiter, „aber ich habe noch NIE eine Person gesehen, bei der sich beides gleichzeitig entwickelt hätte.“ Also habe ich auch Geduld – darin bin ich ja geübt… – und warte ab, bis der Hals quasi nachzieht und sich automatisch öffnet, wenn ich singe; so, wie das Zwerchfell plötzlich und irgendwie unerwartet anfing, seine Aufgabe beim Singen automatisch und bedingungslos wahrzunehmen.

„Irgendwie unerwartet“ schreibe ich, weil ich in den zweieinhalb Jahren Gesangsunterricht bei Sandra ja bei weitem nicht durchwegs üben und dranbleiben konnte, sondern zu mehreren und zum Teil längeren Pausen gezwungen war. Darum hat es mich berührt, als ich feststellte, dass ich trotzdem viel gelernt habe bzw. dass der Körper viel aufgenommen und viel gespeichert hat, was er jetzt abrufen kann – eben sogar dann, wenn ich krank bin.

(Nicht total krank wie vor einem Jahr, als ich die Influenza – und „nur“ diese ist die „echte“ Grippe – hatte und nicht einmal mehr aufstehen, nicht einmal mehr stehen konnte…, aber krank so im „konventionellen“ Sinn.)

So ist der therapeutische Effekt wichtig geworden – weil ich durch das Singen spüre, was ich kann, wozu mein Körper fähig ist – trotz allem. Das ist, obwohl ich zu meinem Körper eine gute Beziehung habe – Taj Ji, Tanzen, Querflötespielen, Schwangerschaften, Geburten und Rückbildungen (ohne Diät, ohne Sport, ohne gar nichts), die jeden Hollywood-Star vor Neid erblassen liessen ;-), und etlichen weiteren Gegebenheiten sei Dank -, hilfreich und wertvoll.

Und wenn ich am nächsten Donnerstag Halsschmerzen habe oder heiser bin, dann lasse ich dies zu, dann nehme ich dies an – als etwas, was zu mir gehört, was ich halt oft habe und was auf der Aufnahme gar nicht störend wirken muss, sondern eben als zu mir gehörig wirken kann. Dann kratzt es halt es ein bisschen in der Stimme – wir werden hören.

Elio ist jedenfalls begeistert, freut sich – wie ich – bereits auf weitere Songs, die wir zusammen aufnehmen werden, und bot mir sogar an, mir die Schlussversion ins Spital zu bringen… Er möchte nämlich separate Video-Aufnahmen machen und diese dann als Einzelbilder – wenn ich ihn richtig verstanden habe… 😉 – mit der Audio-Aufnahme zusammenbringen. Das braucht ein bisschen Zeit und daher das Angebot, das mich auch irgendwie berührt hat.

Gut, ich habe schon ein Dutzend Personen (Familie nicht miteingeschlossen), die ihren Besuch angekündigt bzw. angeboten haben, aber ich hab da eher zurückhaltend reagiert. Erstens bin ich ja gar nicht lange im Spital und zweitens ist es in meinem Fall besonders schwierig abzuschätzen, wie es dann aussieht, wie es mir geht, wofür ich Energie und worauf ich Lust habe.

Es ist – wie bei allem – eben nicht das Gleiche, ob man als gesunde oder als von chronischen Krankheiten betroffene Person in etwas hineingeht. Es ist nie das Gleiche. Ob es sich um eine Operation, um eine Erkältung oder um eine der zahlreichen Herausforderungen im „Alltag“ handelt: nie.

Schlimm sind nicht die damit verbundenen Einschränkungen, die Nebenwirkungen von Medikamenten, die zahlreichen Arzttermine, die Schmerzen, die Ängste – nein…, das mach ich alles ziemlich locker…-; schlimm sind Menschen im Umfeld, die keine Ahnung von einem Leben mit chronischen Krankheiten haben und die sich überdies nicht bemühen, eine Ahnung davon zu haben; die einem, wenn man von Erfahrungen MIT solchen Erkrankungen spricht, mit billigen und platten Sprüchen wie „Wir haben alle unseren Rucksack zu tragen“ oder „Man muss immer beide Seiten anschauen“ begegnen. Letzterer ist übrigens der unbestrittene Number-One-doofe-Spruch, wenn es auf einer Seite um (schwere) Krankheiten, (schwere) Verletzungen oder gar Tod geht, auf der anderen aber nicht (sondern, wie in den meisten Fällen, ums Geld).

A propos Geld: Auf den mir zustehenden Anteil des 13. Monatslohns warte ich immer noch. Diesbezüglich haben wir jetzt ebenfalls eine Frist gesetzt. Und der Verzugszins läuft… – seit dem 15. Dezember. Für die gesundheitlichen Folgen dieser Hinhalte- und Zermürbetaktik sowie des ganzen Rachefeldzugs für den langen bezahlten Urlaub – bei derartigem Zynismus muss ich, für einmal, sprachlich kapitulieren – werde ich mich persönlich und öffentlich (!) aus der Klinik bedanken, in die ich vor dem richtigen Wiedereinstieg ins Berufsleben gehen sollte, um eine stationäre internistische Rehabilitation durchzuführen und vor allem wieder schlafen zu können.

Die Kopfschmerzen vom letzten Wochenende sind zum Glück vorbei. Früher hatte ich kaum je Kopfschmerzen, vielleicht einmal im Jahr, und auch dann nicht stark… Am letzten Samstag konnte ich, wie erwähnt, bis am Mittag nicht mal aufstehen, und Schmerzmittel kann ich längst nicht so unbedacht einnehmen, wie viele das (erschreckenderweise!) tun: Gewisse Wirkstoffe könnten einen Krankheitsschub auslösen, andere Wirkstoffe vertrage ich nicht.

Auch die Spritzen und Infusionen, die ich regelmässig brauche, vertrage ich nicht wirklich gut. Aber es geht mir definitiv besser, wenn gewisse Medikamente sowie Nährstoffe intravenös verabreicht werden, und ich nehme die Schmerzen am (meistens linken) Arm „gerne“ in Kauf. Das bei mir erhöhte und bisweilen etwas beänstigende Risiko für Nachblutungen kann mit einem Verband vermindert werden. Angenehm ist dies jedoch nicht…; vor allem, wenn es im Abstand von drei Monaten – so hat mein Lieblingsfacharzt die Abstände vergangenen Donnerstag festgelegt – geschieht und ich jeweils für zwei Wochen einen Verband tragen muss.

Zur Zeit tut mir zusätzlich der linke Mittelfinger weh, weil am vergangenen Montag nicht nur aus der Armvene, sondern auch aus dem Finger Blut entnommen werden musste. Den Einstich am Finger kann ich ganz und gar nicht ausstehen, aber es war für diesen Test nicht anders möglich. Der Einstich hat sich dann auch prompt entzündet und tut immer noch weh, obschon ich eine Salbe und Pflaster bekommen habe. Auf dem Klavier spiele ich zur Zeit deshalb nur mit neun Fingern. Dass ich besonders empfindlich auf vieles reagiere, weiss ich, wissen meine Ärzte und Ärztinnen, ist leicht nachvollziehbar. Trotzdem macht es vieles noch schwieriger.

Die erneute Blutuntersuchung hat auch keine berauschenden Ergebnisse geliefert: Die Werte der intravenös zugeführten Nährstoffe sind zwar wieder im grünen Bereich, was erfreulich ist; dafür ist ein anderer deutlich zu tief, den ich jetzt ersetzen muss. Ich hoffe, Tabletten reichen aus…

Die drei Veränderungen im Blut, von denen vor allem eine nicht „lustig“ ist, bestehen weiterhin. Aufgeregt oder gar verzweifelt bin ich trotzdem nicht; mein Internist hat genau das Gleiche gesagt, wie Felí für mich herausgefunden hatte. Nämlich, dass es wahrscheinlich mit dem Medikament Imurek, das heisst mit dem Wirkstoff Azathioprin zu tun habe und dass wir, sobald ich nach der Operation wieder so weit mobil bin, dass ich nach Zürich fahren kann, eine weitere Blutkontrolle durchführen würden. Bis dann wird der Wirkstoff aus dem Körper sein, und wir können die Lage neu beurteilen. Wenn die betreffende der drei festgestellten Veränderungen dann immer noch besteht, muss ein Hämatologe darüberschauen, wie mein Arzt sich ausdrückte.

Und wenn die häufigen Bauchschmerzen dann immer noch bestehen, handelt es sich nicht um eine Nebenwirkung vom Imurek, sondern um eine Gastritis, die ich öfters habe, aber meistens nur für zwei oder drei Tage. Dieses Mal dauern die Bauchschmerzen schon mehrere Wochen an. Aber eben: Auch diese könnten vom Imurek sein. Wir werden sehen – und sonst gibt es halt eine Magenspiegelung. Das Gute daran ist, wie bei anderen Spiegelungen auch, das Propofol… Ich habs schon einmal erklärt: meine einzige Erfahrung mit Drogen… 😉

Mein Arzt erkundigte sich auch, wie es mit dem Fieber, einer Art Dauerbegleiter, aussehe…  und ich konnte lediglich antworten, dass die Kinder ab und zu meinen, ich sei so schön warm, und dass ich mich daran gewöhnt hätte. „Ich lege mich nicht zu euch, sondern neben Mama; die ist so kuschelig warm.“, sagte Naila gerade gestern Nacht zu Taieb und dessen Freund Remo, der bei uns übernachtet hat. Das tönte – in meinen Ohren – bittersüss…

Auch wenn der Text anders daherkommen mag: Es geht mir ziemlich gut. Das hat nicht nur mit dem Singen, sondern auch mit dem Wiedereinstieg ins Unterrichten, mit der politischen Arbeit sowie mit tragenden Freundschaften zu tun.

Zum Unterrichten werde ich für diejenigen, die meine Texte mit Interesse und Offenheit lesen und sich persönlich bei mir gemeldet oder sich sonst – auf welche Art auch immer…; das ist „egal“, kann was ganz Kleines sein… – erkenntlich gezeigt haben, bald ein paar Erklärungen liefern. Ich fühle mich fast verpflichtet dazu, bin es diesen Menschen quasi schuldig, eventuelle Widersprüche aufzuklären.

Eigentlich hatte ich dies hier und jetzt tun wollen. Aber es sind eben starke Emotionen damit verknüpft, sodass ich es noch nicht geschafft habe. Doch ich werde es tun: für euch. Und wirklich „nur“ für euch – mir selbst sind die Hintergründe ja klar… 😉 Und nochmals „nur“ für euch – sonst schulde ich nämlich gar niemandem etwas.

Zu unserem GP-Vorstandstreffen werde ich ebenfalls noch etwas schreiben, da ich einen „coolen“ Auftrag erhalten habe, der mich freut und ehrt, und über die tragenden Freundschaften berichte ich sowieso öfters.

Dass am Dienstagmorgen ein kleiner Blumentopf auf dem Lehrerpult stehen würde, hätte ich jedoch nie erwartet. Ein kleiner Blumentopf mit einer violetten Zyklame darin. Zuerst merkte ich gar nicht, dass der für mich war. Erst, als mein Blick auf das Kärtchen, das an der Pflanze befestigt war, fiel, dämmerte es mir…: Der war von Felí.

Und da schliesst der Kreis sich: Er ist derjenige, der abgesehen von meiner Hausärztin und meinem Internisten am besten weiss, was zwischen Ende November 2015 und Ende Januar 2016, als ich das Semester zu Ende bringen wollte, wirklich war…

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