Irgendwann einmal…

Der Countdown läuft nicht nur, er ist sozusagen am Ablaufen: Übermorgen werde ich operiert. Das wird die erste Gelenkoperation sein. Es ist gut möglich, dass am gleichen Gelenk eine zweite Operation durchgeführt werden muss. Dass auch das linke Fussgelenk darankommen wird, ist nicht nur gut möglich, sondern klar. Vielleicht einmal, vielleicht zweimal.

Wie es mit den Knien aussieht, ist irgendwann die nächste Frage, und dann gibts ja noch ein paar weitere grosse Gelenke (Hüfte, Schultern, Ellbogen und Hände), die sich bis jetzt zwar einigermassen ruhig verhalten, was sich jedoch ändern kann.

Die Gelenkprobleme haben mit einer ausgeprägten Überbeweglichkeit zu tun, die wiederum höchstwahrscheinlich auf eine „meiner“ Erkrankungen zurückzuführen ist. Die Bänder und Sehnen sind viel zu dehnbar, was eben bei einer Kollagenose vorkommen kann.

Eine Kollagenose ist eine Erkrankung des Bindegewebes, und da wir dies fast überall im Körper haben (ohne es zu wissen!), sind Kollagenosen komplexe und komplizierte Angelegenheiten. Dazu kommt bei mir die Tatsache, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt, dass also das Immunsystem körpereigenes Bindegewebe als fremd erkennt und deshalb bekämpft. Autoimmunität ist in den meisten Fällen viel schwerer zu handhaben als eine Allergie, da das körpereigene Gewebe ja nicht einfach umgangen oder vermieden werden kann, wie das bei Allergien meistens der Fall ist…

Alles auch schon erklärt, ich weiss…, aber ich treffe immer wieder auf eklatantes Unwissen, das ich zwar nachvollziehen kann und auch gar nicht verurteile (solange niemand seine oder ihre Rolle mit derjenigen eines Arztes oder einer Ärztin verwechselt und meint, über mich urteilen zu müssen…), das mir aber immer wieder aufzeigt, dass ich erklären muss und längst nicht sicher sein kann, dass die Erklärungen angekommen und verstanden worden sind…

Auch immer wieder erwähnt habe ich, dass ich mehrere Autoimmunerkrankungen habe (was aufgrund der genetischen Veranlagung dafür eben oft der Fall ist) und diese wiederum etliche Begleitdiagnosen mit sich bringen. Das „Dutzend Plus“, genau…; für diejenigen, die meinen letzten Beitrag gelesen haben…

Darin hatte ich mich unter anderem ein bisschen amüsiert über Lesende, die sich nie persönlich bei mir gemeldet haben oder melden würden, die aber offenbar fleissig weiterkommunizieren, wenn ich etwas Brisantes schreibe. Das ist lustig, und nach der Woche in Bergün weiss ich mit einer nie zuvor dagewesenen Klarheit, dass ich über die vergangenen zwei Jahre noch einiges (mehr) zu berichten habe und dass ich nichts auslassen werde.

Ich habe mir in Bergün das Knie verletzt – zum Glück rechts, wo ich übermorgen sowieso am Fussgelenk operiert werde, und zum Glück nur leicht, sodass ich, nachdem Daniel, ein Tourist und Arzt aus England, mich in seiner Ferienwohnung versorgt und mich zum Lachen gebracht hatte (Schulthess Klinik-Ironie…), trotzdem weiterschlitteln und das Tempo, das Schneegestöber im Gesicht, das Jauchzen der Kinder, die wärmende Sonne, die dunklen Tannen und die Berge, deren Spitzen einen unnachahmbaren Scherenschnitt in den Winterhimmel zeichnen, geniessen konnte.

Am Knie habe ich mir die Innenbänder überdehnt, was aus oben genannten Gründen (sehr) schnell passiert und immer wieder passiert. Wie oft bin ich mit Verletzungen an einem Fuss- oder einem Kniegelenk, manchmal auch an einem anderen der grossen Gelenke arbeiten gegangen, ohne mir etwas anmerken zu lassen?! Ja, wie oft?! Das weiss ich selbst schon längst nicht mehr, und die Verletzungen zähle ich nicht mehr…

Sie gehören dazu; so, wie die Entzündungen, die Blutungen, die Schmerzen dazugehören. Sie machen mir nicht mehr viel aus; ich muss und will jedoch darüber berichten. Nicht, weil ich das von Anfang an so geplant hätte – nein, im Gegenteil. Ich habe so vieles überdeckt, so vieles überspielt und bin darauf mit ein paar so unendlich falschen Bildern und unendlich dummen Urteilen konfrontiert worden, dass ich das Schweigen brechen und die Schauspielerei beenden musste.

In Bergün ist mir alles wieder „hochgekommen“ bzw. erst so richig bewusst geworden. Jede Ecke, jeder Geruch erinnerte mich an die Zeit vor zwei Jahren, wo ich mich fast mit meiner Hausärztin, die mich „gerettet“ hatte, stritt, weil ich die Krankschreibung nicht wahrhaben und nicht akzeptieren wollte. Weil ich das Semester zu Ende führen und die Noten berechnen, eintragen und an den Konventen mitdiskutieren wollte. Was ich denn auch alles tat.

An den Notenkonventen floss dann das Blut. Das Blut, das niemand sah; das Blut, das gewisse Leute auch dann, wenn sie es gesehen hätten, nicht gekümmert hätte. Das Blut, das im strahlend weissen Schnee von Bergün so richtig rot und irgendwie fast schön leuchtete, das zwischen den Notenkonventen aber in die Toilette floss. Das Blut, das damals während des ungewöhnlich heftigen und ungewöhnlich langen Schubs überall hinausfloss, wo es einen Weg fand: aus der Scheide, aus dem Darm, aus der Hanrnröhre, aus der Nase. – – –

JA, ICH WUSSTE ES: Ich spürte, dass ich nach der jetzigen Woche in Bergün nochmals einen oder mehrere Gänge höher schalten würde; ich spürte es klar…, und es tut gut.

Wir haben ja alle diese Organe und diese Öffnungen; worin sollte das Problem liegen zu benennen, dass da halt, wenn innen fast alles entzündet ist, das Blut hinausströmt…?!

Ja…, ich liebe diesen Prozess beim Schreiben; plötzlich bin ich einen Schritt weiter, plötzlich hat eine Entwicklung stattgefunden: ein stetiger Prozess, von dem ich nicht weiss, wohin er mich führen wird. So wird es auch beim Vlog sein, mit dem ich am 5. März, genau eineinhalb Jahre nach dem Startschuss – ich hab damals schon geschossen (!) – zum Blog, beginnen werde.

Nebst „www.sabessblog.ch“ wird es dann also „www.sabessvlog.ch“ geben. Auch der zweite Blog, in dem ich die Geschichten anderer Menschen mit besonderen Herausforderungen im Leben (Krankheit, Unfall, Tod, Selbstmord im nahen Umfeld, traumatische Erlebnisse…) erzählen werde, folgt bald. Ich bin daran, eine geeignete „Adresse“ zu finden; „sabess“ soll auf jeden Fall drin sein, aber ich brauche noch irgendetwas Passendes, um ihn von diesem Blog, in dem ich meine eigene Geschichte erzähle, abzugrenzen. Wer eine Idee hat, kann sie mir gerne in einer persönlichen Nachricht mitteilen. 🙂

A propos persönliche Nachricht: Ich habe mich über die Nachrichten mit guten Wünschen für die OP gefreut und bedanke mich auf diesem Weg noch einmal dafür. Auch für die Nachrichten, die auf anderen Wegen als den „Social Media“ bei mir eingetroffen sind. Für das „Dutzend Plus“ an Besuchsangeboten. Dass ich abgelehnt habe, hat mit meiner Krankengeschichte, die zahlreiche Unsicherheitsfaktoren hineinbringt, sowie mit der Tatsache, dass ich gerne mal drei Tage (wenn es denn mehr oder weniger planmässig verläuft…) „alleine“ bin, zu tun.

Durch die Erinnerungen, die mich in der vergangenen Woche einerseits eingeholt, andererseits aber auch zu einer Befreiung geführt haben, ist der Wunsch, einmal „alleine“ zu sein, noch grösser geworden. Während das Blut an den Notenkonventen im Januar 2016 floss, merkte niemand etwas; während es in den Schnee am Wegrand zwischen dem Ende der Schlittelbahn und „unserem“ Hotel floss und ich das Bewusstsein verloren hatte, dachten ein paar ehemalige Arbeitskollegen und -kolleginnen, ich wolle die 20 „Selbständigen Arbeiten“ nicht korrigieren oder ich hätte ein Burnout.

Ein Burnout?! Klar…, Mutter von zwei Kindern, berufstätig, engagiert…, Burnout. So einfach ist doch alles, so simpel, so dumm. „Wisst ihr, was?“ (Und ich meine wirklich nur diejenigen, die so etwas sagten und/oder dachten.) „Wisst ihr, was? Vielleicht hattet ihr ein Burnout? Vielleicht wart ihr mit eurem Leben überfordert? Vielleicht schaut ihr besser mal zuerst bei euch, bevor ihr über Menschen, über deren Gesundheitszustand ihr nichts wisst, urteilt und völlig falsche Ferndiagnosen stellt.

Wobei: So falsch lagt ihr ja nicht einmal mit eurer Vermutung: In meinem Körper brannte es tatsächlich. Wisst ihr, was so richtig blöd war? Mein Wolf hatte Herrn Crohn wieder mal geärgert, und der schlug zurück. Mein Wolf kann dazu führen, dass mehrere Organe in meinem Körper entzündet sind. Ja, so richtig ausgebrannt, ihr Möchtegern-Mediziner oder Hobby-Psychologen.

Mein „Glück“ ist, dass mein Gehirn – sonst könnte ich mich gegen solche falschen Bilder und gegen die Schweinereien eines ehemaligen Arbeitgebers oder gewisser Versicherungen ja nicht einmal wehren… (!!!) -, und mein Herz nicht betroffen sind und die Lungen nur wenig betroffen sind. Ja…, das ist mein Glück.

Und mein zweites, wenn auch kleineres Glück bestand darin, dass Magen und Darm verschont blieben. Aber wenn mein Wolf Herrn Crohn provoziert und dieser reagiert, dann habe ich Pech gehabt: Dann wird auch die zweite schwere Erkrankung aktiv; dann sind auch Magen und Darm betroffen; dann ist – mit Ausnahme von Gehirn, Herz, Lungen und ein paar wenigen weiteren Organen oder Körperteilen – so gut wie alles involviert und entzündet.

Und das tut brutal weh. Und so brutal, wie das weh tut; so brutal, wie die Ängste zuschlagen, wenn weisser Schnee, in dem ich liege, sich rot verfärbt, das Rot von meinem Blut stammt und mein (damals achtjähriger) Sohn danebensteht; so brutal ehrlich werde ich über alles, was ich erlebt habe, berichten. In Bezug auf die Krankheiten sowie in Bezug auf jene, die sich total daneben benommen haben und zum Teil benehmen, ohne sich auch nur ein einziges Mal die „Mühe“ zu machen, sich bei mir zu melden, sich zu erkundigen, wie es mir gehe und was ich denn wirklich hätte.

Ein Burnout?! Ha, ha; dass ich nicht lache. Ich habe und hatte zwar wirklich vieles und kann im Übrigen echt gut damit umgehen, aber ich hatte ganz sicher nie ein Burnout – im Gegenteil. Ich habe so viel natur- oder gottgegebene Energie, dass sie mich manchmal sogar blockiert, meine Gedanken und Ideen nicht ruhen lässt und sogar dazu führt(e), dass GENAU IHR mir ja gar nicht glauben konntet und/oder wolltet, dass ich krank war.

Das ist auch ein komischer Widerspruch…, nicht?! Einerseits soll ich ein Burnout gehabt haben, andererseits hatte ich in euren Augen zu viel Energie, war/bin zu engagiert und zu aktiv, zu fröhlich und zu glücklich…, um krank (gewesen) zu sein. Wisst ihr, was? Mir ist das alles egal. Aber ich rede und schreibe darüber, bis alles, wirklich alles niedergeschrieben und ausgesprochen ist.

Ich bin eben ziemlich genial: Ich brauche keine Therapeuten, ich therapiere mich – schreibend, singend und schlittelnd – selbst. Überlegt euch mal, ob ihr das auch könntet. Und spielt nie mehr „Doktor“…; ihr habt euch da bei einem so komplexen Krankheitsbild wie meinem total übernommen. Ich hoffe nur, ihr dürft immer „Selbständige Arbeiten“ korrigieren und liegt nie bewusstlos im Schnee und in der Kälte.

Was hätte ich darum gebeben, diese Arbeiten zu korrigieren anstatt in eine wochen-, monate- und jahrelange Ungewissheit hineinzuschlittern und nicht zu wissen, ob die Entzündungen auch noch auf die wichtigsten Organe übergreifen und somit mein Leben zerstören würden?! Habt ihr auch nur ein einziges Mal daran gedacht? Was wisst ihr eigentlich über Kollagenosen? Ein bisschen „Google“-Wissen im besten Fall?

Alles in Ordnung; ich wüsste auch nicht so viel, wenn ich nicht betroffen wäre. ABER: Ich würde auch keine doofen und verletzenden Ferndiagnosen stellen. Ich habe einen grossen und ehrlichen Respekt vor Menschen, die im Leben besondere Herausforderungen zu meistern hatten und/oder haben. Der Beispiele gäbe es viele…; darum eröffne ich ja meinen zweiten Blog.“

Ich bin froh, dass die Bronchitis, die aus den chronischen Halsschmerzen entstanden war, und zusammen mit der Gastritis etwas viel wurde, sodass wir nicht schon am 31. Januar, sondern erst am 4. Februar in die Berge fahren konnten, vorüber ist. Dass die Gastritis ebenfalls vorüber ist und ich wieder essen kann und, wenn ich mit Freunden und Freundinnen zusammen bin, Wein trinken darf und mich nicht mit einem halben Glas Traubensaft begnügen muss.

Ich bin froh, dass ich das Medikament, das mir helfen soll, ENDLICH wieder schlafen zu können und nach über sechs Jahren massivsten Schlafmangels (!) wieder einen gesunden Schlaf-/Wachrhythmus zu finden, in kleinen Dosierungen jetzt doch vertrage, dass es bereits wirkt und dass ich jeden Tag denke und fühle, ich hätte – schon wieder – ein Leben geschenkt bekommen.

Das dachte und fühlte ich auch an jenem 30. Januar 2016, als ich auf der Rückfahrt von der Schule am Strassenrand zusammenbrach und ein älterer Herr mir vier Rippen quetschte, um mich zurückzuholen. Dieses Hinunterdriften im freien Fall, wie auf einem Brett, auf dem ich lag, diese Stimmen vom „Ferryman“, diesen abrupten Aufschlag des Brettes auf einen harten Boden, mit dem ich wieder zu mir kam, werde ich nie vergessen und wohl auch nie ganz verarbeiten.

Die hässlichen Aussagen ein paar weniger Personen zu meinem langen und bezahlten Urlaub (!) machen die Erfahrung noch schwieriger…

Und: Es war wieder der 30. Januar. Auf den Tag genau zwei Jahre später. Am 30. Januar 2018 ging es mir nach einer halben Tablette des oben erwähnten Medikaments so schlecht, dass ich nur im Bett oder auf dem Sofa liegen und Musik oder Radio hören konnte, während ich Ängste ausstand, ob der Wirkstoff meine Atmung oder meinen Herzsschlag beeinträchtigten würde. Ich war alleine zu Hause, ich hatte Angst, und ich war zu schwach zum Telefonieren. Ja…, so war das. Wieder am 30. Januar.

Übermorgen ist wieder der 14. Februar. Der Tag einer der beiden happigen Diagnosen. Auf den Tag genau vor vier Jahren – Ende der zweiten Sportferienwoche. Am Montag danach war ich an der Arbeit, als ob nichts wäre…

Und wenn ich nächstes Mal Lust habe, die Statistiken anzukurbeln, benenne ich die oben gemeinten Schweinereien konkret – ganz konkret. Der Zug für eine „friedliche“ bzw. aussergerichtliche Lösung, bei der ich zudem bereit gewesen wäre, gewisse Klagepunkte wegzulassen, ist nämlich definitiv abgefahren, und die Hinhalte-, Verzögerungs- und Zermürbetaktik ist in Anbetracht meiner gesundheitlichen Situation und der anstehenden Operation auch auf der menschlichen Ebene besonders verwerflich.

Und noch mehr als die diesbezügliche Brisanz kurbelte Felipe die Statistiken an. Das ist fast noch witziger…; er weiss nicht mal was davon. Wir kennen uns seit 24 Jahren. Nachher hole ich die beiden Zyklamen, die Pia während unserer Ferien gepflegt hat und von denen eine – ich weiss genau, welche… – von Felí ist, zu uns zurück.

Anfangs Februar waren es genau 24 Jahre, seit wir uns auf einer Party in Zürich zum ersten Mal getroffen hatten und zusammen eine Gratwanderung begannen, deren Beschreibung meine Sprachkünste eigentlich bei weitem übersteigt; die Gratwanderung zwischen einer wundervollen Freundschaft und dem Wunsch, ein Paar zu werden. Die Gratwanderung zwischen dem Bewusstsein und der Ehrlichkeit uns selbst und einander gegenüber, dass Letzteres Ersteres zerstören könnte. Als Einziges, wirklich Einziges zerstören könnte. Und dass wir das nicht wollten, dass wir etwas Unwiederbringliches zerstören würden und daher den einzig möglichen Zerstörer ausschalten mussten. Mit Kopf gegen Herz. Ja…, das war es. „The head and the heart“.

Irgendwann einmal, wenn Blog-Flaute herrscht, schreibe ich, wir hätten zusammen geschlafen.

 

 

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