JA, es ist (fast) immer etwas: GENAU so ist es.

Nicht, dass ich für heute schon wieder einen Text geplant hätte. Aber meine Freude darüber, nach fünf Tagen zu Hause (Frohe Ostern!) wieder unterwegs sein zu können, in der Sonne zu sitzen und den Kindern im Hallenbad beim Spritzen und Rutschen zuzusehen, ist so gross, dass ich Lust zum Kreativsein bekommen habe. Da ich hier nicht singen kann (oder will, wie mans nimmt), schreibe ich halt. Das stört jedenfalls niemanden.

Ausser vielleicht diejenigen, die mich mundtot machen wollten und es – wer weiss… – vielleicht noch einmal probieren werden. Ich sehe bzw. höre es ja dann vor Gericht und würde, wenn es denn so wäre, jeden Satz mindestens dreifach quittieren – und zwar auf verschiedenen Wegen und mit verschiedenen Mitteln. (Nein, nicht mit Waffen, ums Himmels Willen.) Aber warten wir mal ab…

Jedenfalls hab ich noch einiges im Köcher… Gerächt habe ich mich in morgen 45 Jahren (Happy Birthday!) noch nie an jemandem, nicht mal im Kleinen – hatte nie das Verlangen danach. (Und wenn ich es gehabt hätte, hätte mich die Vernunft davor bewahrt.) Dass ich jetzt so weit bin, hat verdammt viel gebraucht, eigentlich unvorstellbar und unbeschreibbar viel. Aber eben: Warten wir mal ab…

Warten muss ich ja nicht nur DARAUF, sondern in erster Linie auf meine Blutwerte. Wenn diejenigen, auf die es am meisten ankommt, übermorgen nicht anders sind als im vergangenen Herbst, habe ich sowieso andere Sorgen als Gerichtstermine.

Und seien wir realistisch: Der Schritt von der Immunologie auf die Hämatologie war nicht gross; der Schritt von der Hämatologie auf die Onkologie ist es ebenfalls nicht. Trotzdem hoffe und glaube ich, dass ich ihn nicht werde machen müssen. Es könnte nebst allem, was ich eh schon habe, zu viel werden.

Fünf Tage zu Hause war ich wegen des erneuten Zusammenbruchs vor acht Tagen (siehe letzter Beitrag: „Warten…“), wegen sporadisch auftauchender Unverträglichkeit des zur Zeit einzigen Medikaments, das ich einnehme, sowie wegen Schmerzen am rechten Fuss, die in der Nacht vom Sonntag auf den Montag so stark wurden, dass ich – leicht zeitverschoben – unsicher wurde, ob noch „alles in Ordnung“ war.

Offenbar war aber „nur“ die Tatsache, dass ich zum ersten Mal versucht hatte, ohne Pflaster und Verband zu schlafen, und dadurch die Decke auf den Narben auflag, dafür verantwortlich gewesen. Jedenfalls habe ich diesen Versuch abgebrochen, und die Schmerzen sind sofort zurückgegangen.

Da ich seit der Operation, wenn ich auf den Fuss aufgetreten bin, jedes Mal auf die Aussenseite getreten bin, weil dies – aus welchem Grund auch immer – am wenigsten weh tat, muss ich jetzt ernsthaft aufpassen und dringend anfangen, wieder den ganzen Fuss zu belasten. Die Aussenseite schmerzt durch die Überbelastung zur Zeit nämlich am meisten. Die Physiotherapeutin hatte mich bereits auf die Problematik hingewiesen, und ich spüre sie jetzt leider selbst.

Heute Morgen bin ich überdies mit dummerweise dem rechten Fuss und mit dummerweise einer der operierten Stellen an einen Stuhl angestossen, als ich mich zum Frühstück mit Naila hinsetzte. Der Stoss verursacht (zusätzliche) Schmerzen und führt zu einem (weiteren) Notfalltermin: Röntgenbilder mit anschliessender Besprechung. So habe ich also morgen nicht erst um 12 Uhr Physio, sondern bereits um 10.30 Uhr Röntgen- und um 10.50 Uhr Besprechungstermin. Bei einem „neuen“ Arzt, da „meine“ Oberärztin ausgebucht ist und „mein“ Chirurg am Operieren sein wird. (Langweilig wird mein Geburtstag auf jeden Fall nicht.)

Na ja…; gut, sind wenigstens die Erkältung und die Muskelfaserrisse am linken Oberarm seit ein paar Tagen ganz verheilt bzw. verschwunden.

Und JA, es ist (fast) immer etwas. GENAU so ist es. Es gibt Menschen, die das feststellen, gleichzeitig nicht verstehen können und ihrem Unverständnis sogar Ausdruck verleihen: in einer oft verletzenden Form. Es gibt Menschen, die das ebenso feststellen, nicht so richtig wissen, wie sie darauf reagieren sollen, deshalb gar nicht reagieren, aber auf andere Weise zeigen, dass sie an einen denken, und auf andere Weise hilfsbereit sind.

Das ist voll ok, das heisst, es ist viel mehr als voll ok, es ist schön. Zudem verstehe ich, dass einige nicht wissen, was sie jeweils sagen oder schreiben sollen. Erstens ist dies nicht allen gegeben, und ich rechne es denjenigen, die sich dafür auf andere Weise erkenntlich zeigen, hoch an; zweitens hat jede Person ihre eigenen Belastungen und Sorgen.

Und dann gibt es – in den Sozialen Medien überdurchschnittlich (!) vertreten – diejenigen, die nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ sehen wollen, die sich in eine Parallel- und Scheinwelt flüchten und weder dort noch im „richtigen“ Leben mit ihrer eigenen Vergänglichkeit und Sterblichkeit konfrontiert werden wollen, weil sie damit überfordert wären.

Diese ignorieren einfach alles, was nicht in ihr vermeintlich perfektes Bild passt, und gehen bisweilen sogar so weit, denjenigen, die dieses Spiel nicht mitspielen, weil es niemandem guttut, vorzuwerfen, ihr Spiel zu verderben und zu viel von sich preiszugeben, zu viel Un-Perfektes, versteht sich. Damit versuchen sie, ihre eigenen Thematiken und Problematiken zu denjenigen der Ehrlichen und Authentischen zu machen. (Um zu kapieren, dass das nicht funktioniert, braucht es im Übrigen kein Psychologie-Studium.)

Ebenfalls erwähnen möchte ich diejenigen, die differenziertes Denken darin sehen, sich nie festzulegen, keine eindeutige Meinung zu äussern sowie immer und überall die „andere Seite“ zu bemühen. Dies langweilt mich zu Tode, weil diese angelernten und abgedroschenen Phrasen von den verschiedenen Wahrnehmungen leider nur allzu oft dazu dienen, sich nicht wirklich auf eine Person und ihre Geschichte einzulassen, sie abzuweisen und ihre Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle als vielleicht gar nicht „richtig“ abzutun.

Es gab eine Zeit, wo ich mich über solche Vereinfachungen, die in ihrer Einfachheit gerne als Differenziertheit verkauft werden und demzufolge hübsch verpackt daherkommen, ärgerte. Heute amüsiere ich mich viel mehr darüber, weil wir – wenn wir ehrlich zu uns selbst und zu den anderen sind – alle ganz genau wissen, dass Unrecht geschieht und dass gewisse Menschen sehr viel mehr Unrecht begehen als andere, und weil ich – und dafür bin ich unendlich dankbar (!) – wahre Freundschaft kenne, die niemals darauf beruhen kann, dass der/die eine dem/der anderen quasi nie glaubt, weil es ja immer noch die (ach so erhellende!) andere Seite gibt und weil der/die andere ja nur seine/ihre (ach so beschränkte!) Sichtweise hat:

Wo kommen wir hin, wenn wir einander so begegnen?! Wer wahrhaftig differenziert denkt und handelt, hat es eben genau nicht nötig, das, was andere erzählen, anzuzweifeln. Schon gar nicht, wenn das Gegenüber eine offene, seriöse und verlässliche Person ist.

„Nora, dich habe ich immer vor Augen, wenn ich mich zu dem Thema äussere. Von dir könnten so gut wie alle Menschen ein Stück abschneiden.“ (Und Nora denkt differenzierter als gleich noch einmal so gut wie alle Menschen – aufrichtig, ehrlich und realistisch differenziert.)

„Diejenigen, die nicht glauben können, dass (fast) immer etwas ist, wenn mehrere chronische, organische Erkrankungen sämtliche Lebensbereiche überall mitbestimmen, und die dies (nur allzu gerne) missdeuten, sind es eh nicht wert, ernst genommen zu werden.“

Dies hat mir meine Ärztin, bei der ich die Blutkontrollen durchführen lasse, am Donnerstag vor Ostern gesagt. Dies haben mir schon mehrere Ärzte und Ärztinnen gesagt; dies weiss ich im Prinzip, ohne dass es mir jemand erklärt. Trotzdem tut es gut, dies ab und an wieder von aussenstehenden Personen zu hören:

Menschen, die meinen, über die Arbeitsfähigkeit (und die Ferienfähigkeit!) von anderen, von denen sie nicht einmal Diagnosen kennen, geschweige denn etwas über eben diese Diagnosen wüssten, urteilen zu können, sollten sich zuallererst die Frage stellen, warum sie das tun, warum sie das nötig haben und was in ihrem eigenen Leben nicht stimmt, dass sie sich als Pseudo-Ärzte und Hobby-Psychologen aufspielen und Ferndiagnosen über eine abwesende Kollegin stellen müssen, von deren Krankheiten sie keine Ahnung (!) haben und bei der sie sich nie danach erkundigt haben:

Wie kann man nur so etwas tun? Was geht in einem Menschen vor, der so etwas tut? Was stimmt denn alles bei ihm/ihr selbst nicht, dass er/sie sich in eine Position erheben muss, die ihm/ihr in keiner Weise und nie und nimmer zusteht?

„Zu schön, um krank zu sein?“ Das lese und höre ich zuhauf in Beiträgen von anderen Betroffenen und bin direkt und indirekt persönlich damit konfrontiert worden. Darin liegt irgendwo ja auch ein Kompliment, und dieses zu erkennen, ist wohl die beste Art, damit umzugehen. Darum: Danke an alle, die je sagten oder auch bloss dachten, ich sähe zu gut aus, um ernsthaft krank zu sein. Danke für das Kompliment. Mit fast, fast, fast 45 schmeichelt mir diese Dummheit, äh pardon dieses Kompliment enorm.

„Zu aktiv, zu engagiert, um krank zu sein?“ Dies hat mir einmal jemand so ins Gesicht gesagt; hintenherum gesagt oder auch bloss gedacht haben es bestimmt einige. Vor allem nach den Ferien auf Kreta und den Tagen in Frankfurt so ganz kurz vor erschreckenden Resultaten beim Internisten in Zürich, nicht? Weil Arbeits- und Ferienfähigkeit in der Welt der chronisch Gesunden miteinander verknüpft sind (Was für eine enge, naive Sichtweise!) und weil ich für „euch“ – und damit meine ich alle, die es etwas angeht – meinen Zusammenbruch (um einiges schwerer als derjenige vor acht Tagen) in einer Kirche von Heraklion und meinen Zustand auf dem Rückflug nicht auf „Facebook“ postete.

Ha, ha. Dafür konntet ihr später in mehreren Blog-Beiträgen darüber lesen (und euch trotzdem nie melden; Feigheit ist auch eine Eigenschaft, immerhin). Kaum zu überbietende Feigheit besteht im Übrigen darin, sich bei einer Person, mit der privater Kontakt bestand, die einem nie auch nur das kleinste bisschen zuleide getan hat und die aufgrund mehrerer und zum Teil schwerer Krankheiten für längere Zeit krankgeschrieben wird, nicht mehr zu melden.

Weil Hobby-Psychologinnen und Pseudo-Ärztinnen ja eh alles besser wissen. Nochmals: Ha, ha. Diejenigen, die mein(t)en, irgendetwas zu wissen, wussten/wissen am allerwenigsten. Aber macht nichts, es handelt(e) sich um vier oder fünf Personen. Eigentlich nicht der Rede wert. Trotzdem möchte ich es mir nicht nehmen lassen, in Texten solche Charakterzüge und Verhaltensweisen aufzugreifen und zu benennen.

A propos Blog: Auszüge aus den Statistiken veröffentliche ich doch (noch) nicht, weil der Transfer auf mein eigenes Domain noch kein Jahr her ist und die Zahlen darum nicht stimmen bzw. sogar höher sind als aufgeführt:

Dass an Tagen, an denen ich gar nichts veröffentliche, zwischen 35 und 75 Personen und an Tagen, an denen ich einen Beitrag veröffentliche, zwischen 100 und 150 Personen meinen Blog „besuchen“, freut mich. Dass Besuchende mir persönliche Nachrichten schreiben, freut mich ebenfalls. Dass es sich in den weitaus meisten Fällen um persönliche Nachrichten handelt, verstehe ich, da viele Menschen ihre eigene Krankengeschichte, diejenige eines nahestehenden Menschen oder ihre anderweitigen Sorgen nicht öffentlich machen wollen, was absolut legitim, nachvollziehbar und eben verständlich ist. (Einen Blog als Selbstdarstellung zu bezeichnen bzw. abzutun, ist jedoch Anmassung und Verletzung in einem und zeigt entweder Neid oder ein anderweitiges, undefinierbares Bedürfnis, Schreibende am Schreiben zu hindern zu versuchen.)

Google „belohnt“ mein regelmässiges Produzieren von (brauchbarem) Inhalt überdies damit, dass Suchbegriffe immer öfter auf meinen Blog führen. Mehr öffentliche Kommentare würden meinen Blog zwar fördern, aber einerseits verstehe ich, wie erwähnt, dass viele dies nicht wollen, andererseits sind die Zahlen auch so vielversprechend.

Ach ja, und wenn ich schon dabei bin: Ich schätze Interaktion und konstruktive Kritik, und allen, die mir nie etwas angetan haben (also der grossen Mehrheit), begegne ich immer und überall als offene und „weiche“ Person. Hart sind „nur“ manchmal meine Texte – aus guten, guten Gründen.

Aber wer mich kennt, weiss, wie ich bin…; wer mich nicht kennt, soll sich mal mein Video mit dem ersten Cover-Song anschauen. Auch wenn es noch nicht die Endversion ist, freut mich, dass so viele es schon geschaut haben; auch wenn es noch nicht die Endversion ist, zeigt es ein paar Facetten von mir, die mich ausmachen, die wichtig sind.

Ein bisschen „stolz“ bin ich insbesondere, weil die Tonaufnahmen vom 25. Januar stammen, nachdem ich am 18. Januar meine einjährige „Chemo light“ beendet hatte. Dass ich all den Widrigkeiten in Bezug auf die Stimme, die solche Therapien mit sich bringen, „getrotzt“ habe, macht mich ein kleines bisschen „stolz“. Die „Leistung“ ist nicht zu vergleichen, wie wenn eine gesunde Person eben diese „Leistung“ erbringt. (Nur so…; für diejenigen, die nicht daran gedacht haben könnten…)

Und die Videoaufnahmen während des Singens stammen vom 22. Februar, acht Tage nach der OP, eine Woche nach dem Staunen darüber, was noch alles rausgekotzt werden kann, wenn eigentlich längst alles rausgekotzt ist, und fünf Tage nach dem Austritt aus der Klinik.

Zurück zum Aktiv- und Engagiertsein: Bin ich aktiv und engagiert, wird dies als Zeichen gedeutet, dass die Auswirkungen der Krankheiten ja nicht so schlimm sein können. Wäre ich passiv und apathisch, würden genau die gleichen Leute behaupten, es sei ja kein Wunder, dass ich krank sei.

Was ich und alle anderen Betroffenen auch machen oder nicht machen: Es wird von gewissen Leuten missdeutet. Die es nicht wert sind, ernst genommen zu werden – klar. Aber darüber berichten möchte ich trotzdem, da es längst nicht nur mir, sondern eben vielen Betroffenen so geht, da ich menschliche Dummheit aufzeigen möchte, wachrütteln möchte und da mir Schreiben grosse Freude macht. Und ja, ich kann dabei gnadenlos sein, ich werde dabei immer wieder gnadenlos sein – aus guten, guten Gründen.

Zum Schluss ein schönes Erlebnis, das ich einmal mit einer Bekannten, die auch die Neigung hat, sofort und unüberlegt die „andere Seite“ anzuführen, hatte:

Ich sagte zu ihr: „Wenn es auf einer Seite um die „Gesundheit“, um Leben und Tod geht, zählt die andere Seite nicht. Es sei denn, es gehe bei ihr auch um Leben und Tod.“ Worauf sie unumwunden antwortete: „Das stimmt. Ja, das stimmt.“

 

 

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