Von plappernden Papageien

Dass ich in Golino an der Melezza sitze, die Sonne geniesse, das Toben der Kinder beobachte, in den weiten Himmel oder auf die dunklen Wälder schaue, den zarten Oleander sowie die blauen und rosaroten Hortensien, die mich an Rainer Maria Rilkes Gedichte erinnern, anschauen und mich, am Eingang zum Onsernone-Tal, Max Frisch (noch mehr) verbunden fühlen und mich an Noras Fest erinnern kann, ist nicht selbstverständlich.

Das wäre es bei niemandem: Nichts in unserem Leben ist selbstverständlich, auch wenn wir uns die ganze Zeit damit betrügen, dass dem so sei. Wenn chronische und/oder schwere Erkrankungen dazukommen, ist jedoch alles noch (viel) weniger selbstverständlich, sondern besonders, einzigartig, intensiv. Ob ich ins Tessin würde reisen können, war zu Beginn der Woche noch unklar, da die Bronchitis-Angina-Geschichte noch immer nicht ausgestanden ist.

Im Gegenteil: Aus der Bronchitis war eine Angina geworden, und aus dieser wiederum eine Bronchitis. Die ist zwar weniger schmerzhaft, erschwert den „Alltag“ jedoch ebenso. Der Husten ist nicht verschwunden, sondern wieder ähnlich geworden, wie er vor der Angina gewesen war: ziemlich schlimm. Vor allem dann, wenn ich die Tropfen, von denen ich jetzt die doppelte Dosis nehmen und kommende Woche weitere zwei oder drei Fläschchen abholen muss, nicht gerade zur Hand habe.

So ist es fast jedes Mal, wenn ich irgendwohin reise; meistens klappt es dann doch, und alles läuft einigermassen gut. Von aussen bemerken sowieso „nur“ Eingeweihte oder Menschen mit besonders feinen Sensoren, dass nicht immer alles so einfach ist für mich, wie es scheint. Die wissen oder spüren auch, dass es mit meinem Willen, meinen Ressourcen sowie den Strategien, die ich mir angeeignet habe, zu tun hat, dass ich die geplanten Reisen und Ausflüge trotzdem meistens antrete und geniesse. Und nicht damit, dass ich nichts hätte, dass alles nur halb so wild sei und nicht so schlimm sein könne.

So etwas denken zwar nicht viele in meinem Umfeld – da habe ich Glück. „Nur“ ein paar ehemalige Arbeitskollegen und -kolleginnen fühlten sich berufen, so etwas zu denken und zu behaupten. Weil sie selbst total zufrieden und erfüllt in ihrem Job aufgehen, weil sie selbst immer alles bestens im Griff haben, weil sie überhaupt nicht überlastet und überfordert sind und – VOR ALLEM:

weil sie selbst ja auch SLE, MC, eine weitere Autoimmunerkrankung, die alles andere als harmlos ist, sich aber auf fast schon wundersame Weise zurückgezogen hat – vielleicht dachte sie, ich hätte jetzt definitiv genug abbekommen… (?) -, sowie ungefähr zehn Begleit- und Nebendiagnosen haben und darum genau wissen, wie es eben ist, mit all diesen Diagnosen konfrontiert zu sein und mit ihnen ein aktives, engagiertes und glückliches Leben zu führen. (Aber Lehrer und Lehrerinnen wissen immer alles besser: ein bisschen mehr als bloss ein Klischee – leider.)

Einmal – zum Glück nur einmal, das war nämlich genug (!) – musste ich mir sagen lassen, ich hätte immer so engagiert gewirkt und es könne (daher) gar nicht sein, dass es mir oft so schlecht gegangen sei – an der Arbeit und während der Sprachlager:

Ich war unvorbereitet auf eine solche Behauptung, eine solche Anmassung einer Person, die nicht wusste, wovon sie sprach. Ich hatte weder Lust noch die Energie, ihr gross darauf zu antworten – ich habe im Blog geantwortet. Zudem hat es keinen Sinn, auf solche Anmassungen, solche Behauptungen einzugehen; sie zeigen so klar, dass die Person auf einem anderen Planeten lebt, dass jeder Versuch, Zusammenhänge aufzuzeigen, eine Verschwendung darstellt.

Die zahlreichen, langdauernden und hochdosierten Kortisontherapien alleine erklären das Aufgeputschtsein ausreichend. Wer nie oder nur wenige Male, nur für kurze Zeit und/oder niedrigdosiert (als Spray oder sonst so was Hübsches…) Kortison nehmen musste, soll froh und dankbar sein und – schweigen.

Oder nachfragen, wie ein Leben mit 60, 80, 100 Mg Kortison pro Tag aussieht: nachfragen und sich interessieren. Wenn das nicht drinliegt, was vollkommen in Ordnung ist, hält man das Maul. Weil man nämlich – sorry, es IST leider die treffendste Ausdrucksweise – keine Ahnung hat. Keine Ahnung von einem Leben mit chronischen und schweren Erkrankungen – 365 Tage im Jahr (!) – mit harten Therapien, mit Immunsuppressiva und Zytostatika, mit Neben- und Nachwirkungen, mit Prednison, so hochdosiert, dass mein Dermatologe zu mir sagte: „Zum Glück neigen Sie nicht zu Magengeschwüren. Sonst hätten Sie jetzt ein Magengeschwür.“

Indes hatte es auch etwas Amüsantes, mir anhören zu müssen, es könne gar nicht sein, dass es mir zum Beispiel in den Sprachlagern so schlecht gegangen sei, wenn ich genau weiss, dass es mir drei- von viermal sehr schlecht ging und „alles“ medizinisch belegt ist: 2011 war ich einigermassen „gesund“; 2012 hatte ich einen schweren Schub derjenigen Erkrankung, die sich danach netterweise zurückzog.

Dieser Krankheitsschub, der bereits im Frühjahr 2012 begonnen hatte, in den Sommerferien in Österreich immer schlimmer wurde, sodass ich zweimal einen Arzt in Bruck aufsuchen musste, und der – aufgrund von Fehldiagnosen sowohl in Österreich als auch danach bei einer Ärztin in Winterthur und den folgenden Fehlbehandlungen – im Herbst seinen Höhepunkt erreichte und mich im Sprachlager an den Rand der Verzweiflung brachte, ist bei meiner Gynäkologin unmissverständlich dokumentiert. (Mit Biopsien und allem, was dazugehört.)

2013 hatte ich einen schweren MC-Schub, und die Bauchkrämpfe und -schmerzen waren unerträglich; ich konnte oft nicht einmal mehr gehen und landete zweimal in der Nacht auf der Notfallstation eines Spitals. (Und hätte mich am folgenden Tag um vorabends besoffene und noch nicht ausgekaterte Schüler und Schülerinnen kümmern sollen. Die (so vermute ich mal…) im gleichen Spital wie ich behandelt worden waren.)

Da ich damals die Diagnose noch nicht kannte, wusste ich nicht, was mit mir los war; die Ärzte legten mir SEHR nahe, zu Hause sofort meine Hausärztin und danach einen Magen-Darm-Spezialisten aufzusuchen. Was ich auch tat, was jedoch nicht sofort zur richtigen Diagnose führte. (Wofür ich im Übrigen nichts kann, wofür viele von Autoimmunerkrankungen Betroffene nichts können, wofür die Ärzte und Ärztinnen in den meisten Fällen nichts können.)

Im Sprachlager 2013 ging zudem meine Nase – wie ungezählte Male zuvor – vollständig zu und blieb für 13 Monate zu, bis die Operation Ende November 2014 (die ich, wenn es nach S. B. gegangen wäre, in die Ferien hätte legen müssen, um ihren vorweihnachtlichen Stress nicht zu erhöhen und das Budget der Schule nicht zu belasten (S. B.s grosse Sorgen…)), den chronischen Entzündungen in der Nase sowie in den Nasennebenhöhlen, die in ihrer Dauer und ihrer Ausprägung das Potential hatten zu entarten bzw. sich zu Krebs zu entwickeln, ein Ende setzte.

Die Nase war also auch im Sprachlager 2014 immer noch vollständig zu; dazu kam ein SLE-Schub, und mir taten nicht nur sämtliche grossen Gelenke weh, sondern auch der Hals- und Rachenraum, da ich überall offene und entzündete Stellen hatte. (Die „kleinen Löcher“, wie meine Ärztin in Bülach sich diesen Frühling ausdrückte.)

Von der Haut rede bzw. schreibe ich hier schon gar nicht mehr viel…; das war damals das Schlimmste an allem. Die gleiche Person, die oben gemeint ist, sagte mir damals auch, ich hätte die Hautprobleme halt abgedeckt, so hätten sie gar nichts gesehen. Das stimmt ÜBERHAUPT NICHT: Ich hatte gar nie abgedeckt, es wäre gar nicht gegangen, es hätte gar nichts gebracht, es war viel zu schlimm und nahm mir jeden Antrieb, da noch irgendetwas abdecken zu wollen. Einige sprachen mich ab und zu darauf an, manche gaben – wohl gutgemeinte, aber wenig hilfreiche – Tips.

Erst nach den Notfallbehandlungen in meinen Mittagspausen (!) und als mein damaliger Dermatologe, der jetzt pensioniert ist, seine Praxis eigens für mich geöffnet hatte, fing ich an, die Haut zu behandeln. Weil es wieder sinnvoll geworden war. Weil es etwas nützte. Weil mir jemand geholfen, mich gerettet hatte. Weil ich wieder Hoffnung und Zuversicht schöpfen konnte. Weil ich mich wieder gerne im Spiegel anschaute. Weil ich wieder Freude daran bekam, gut auszusehen. Weil ich wieder aufblühte, atmen, mich frei fühlen und leben konnte:

Weil das Leben – heute noch – Tag für Tag ein anderes ist mit einer Haut, die schön aussieht. Weil die Erinnerung an die Zeiten, in denen sie furchtbar aussah, nie ganz verblassen wird, weil mir diese Zeiten eingefahren sind, mich körperlich und seelisch verletzt  und für immer Spuren in mir hinterlassen haben.

Gar nichts hatte ich abgedeckt damals, und was ich jetzt mache, ist nicht in erster Linie ein Abdecken, sondern ein Sonnenschutz. Ein Sonnenschutz mit Faktor 50, den ich auftragen muss, um keinen SLE-Schub zu provozieren bzw. das Risiko möglichst klein zu halten. Ich kann mich ja sowieso überaus glücklich schätzen, dass ich mich an der Sonne aufhalten kann und keine nennenswerten Probleme mit dem Sonnenlicht habe.

All diese Schübe sind dokumentiert: beim Dermatologen, beim Gastroenterologen, beim Otorhinolaryngologen, bei meinem Internisten in Zürich, bei meiner Hausärztin, im Spital in Oxford. Aber schön, wirklich schön, faszinierend, geradezu umwerfend, dass Arbeitskollegen und -kolleginnen besser darüber Bescheid wussten (und wissen).

Ich hab schon viel erlebt, ich hab schon viel überlebt: Doch die Anmassungen von ein paar ehemaligen Arbeitskollegen und -kolleginnen übersteigen alles.

Was mir hilft? Die Vorstellung, wie genau diese Personen in meiner Situation leben, wie sie auf all das, was mich tagein, tagaus herausfordert, reagieren und wie sie mit einem Nahtod-Erlebnis im Alter von 42 Jahren (im tiefen Winter, ausgeliefert auf einer Landstrasse und mit zwei Kindern in der Unterstufe) umgehen würden. Diese Vorstellung und all diejenigen Menschen, die mich unterstützen – auf welche Weise auch immer.

Ebenfalls völlig daneben waren Annahmen über An- und Abwesenheiten. So nach dem Motto, das ich zu Beginn des Bloggens manchmal angeführt habe: Wer A kann, kann auch B. Oder: Wer an A teilnehmen kann, kann auch an B teilnehmen. Wer an A anzutreffen ist, muss auch an B anzutreffen sein:

Ist das eine beschränkte Sichtweise! Nur schon Gedanken nach DEM Schema zeigen eine einerseits beineidenswerte, andererseits eben naive Sichtweise. Diejenigen, die sie haben können, wissen gar nicht, wie froh und dankbar sie dafür sein sollten. Diejenigen, die am eigenen Leib erfahren, dass diese Sichtweise so richtig, richtig doof ist, leiden unter ihr mehr als unter den Auswirkungen ihrer Krankheit(en).

Persönlich habe ich gelernt, mit solchen Sichtweisen umzugehen, fühle mich denjenigen, die sie haben (können), jedoch so unverbunden – wie un-esoterisch und un-superintellektuell… -, dass ich mich – ausser im Blog – gar nicht mehr mit ihnen abgebe. Von einem gewissen Alter an und mit einem gewissen Bildungsgrad verbietet eine solch (beschränkte) Sichtweise sich – wäre zu erwarten.

Dass dem nicht so ist und Menschen mit hohem Bildungsniveau und in „reiferem“ Alter zu solch unfassbar beschränkten Schlussfolgerungen imstande sind, habe ich mit anfänglichem Unglauben zur Kenntnis nehmen müssen. Mittlerweile habe ich mich innerlich weit von ihnen distanziert – schon wieder so un-esoterisch und un-pseudointellektuell… – und fühle mich dafür den anderen – und die Zweiteilung entspricht der Realität – umso näher und in umso tieferer Dankbarkeit verbunden.

Meine Erlebnisse und Erfahrungen haben mich – in gewissen Bereichen – radikalisiert. Das weiss ich. Das nehme ich wahr, spüre ich, gebe ich zu, setze mich damit auseinander. Interessant ist, dass die meisten Menschen, die von meinen Erlebnissen und Erfahrungen das eine und andere mitbekommen haben, diese Radikalisierung nachvollziehen und verstehen können und kein Problem damit haben.

An Noras Fest gestern Abend habe ich nicht nur ihre Mutter und ihre Schwestern wieder gesehen und mich mit einer ihrer Nichten über Tattoos, Kunst und das Schweizer Schulsystem unterhalten, sondern auch andere Freundinnen von ihr kennengelernt, was mich sehr freut. Wir erzählten uns, wie wir Nora kennengelernt haben, und ich versuchte zudem in Worte zu fassen, was ich an ihr so überaus schätze, wohltuend und bewundernswert finde. Kein einfaches Unterfangen…

Dass sie es nicht nötig hat, das, was ich ihr erzähle, anzuzweifeln; dass es auf eine wunderbare Art selbstverständlich ist, dass sie mir glaubt. Und dass sie gerade darin eben viel reflektierter handelt als diejenigen, die Differenziertheit darin sehen, dass immer alles nur die Wahrnehmung einer bestimmten Person ist, die sich dahinter verstecken und die somit zwangsläufig unverbindlich und unfähig sind, wahrhaftige Beziehungen einzugehen, die darauf basieren, dass unsere Welt ebenso aus Tatsachen besteht und dass wir einander glauben und vertrauen.

Dass das Geschwafel mit den verschiedenen Wahrnehmungen angelernt und angetrimmt ist und in gewissen Weiterbildungen gepredigt und gelehrt wird, hatte ich schon lange vermutet. Seit gestern Abend habe ich Gewissheit: Es wird in Seminaren für Führungskräfte zur Konfliktlösung vermittelt, wie mir eine Freundin von Nora und ihr Partner, die das Ganze für einen ebenso gefährlichen Humbug wie ich halten, bestätigten.

Genau – das hatte ich mir gedacht, das hatte ich gemerkt. (Weil ich nicht ganz so doof bin…) Angehende Schulleiter und Schulleiterinnen bekommen das angelernt, angeschwafelt, angedichtet und angetrimmt. Und übernehmen alles ungefiltert, unreflektiert und undifferenziert. Plappern alles nach wie Papageien. Plappern und plappern und bemühen in jedem Konflikt die verschiedenen Bilder. Lassen eine Angestellte aufs Schlimmste mobben und gefallen sich danach im „anderen Bild“. Wie unendlich verletzend diese Feigheit und diese Billigkeit für die „Opfer“ sind, übersteigt meine Wortkunst ebenfalls…

Und solche Papageien „führen“ dann Schulen oder Firmen! „Führen“ Schulen oder Firmen und haben keine einzige Sekunde darüber nachgedacht, wohin diese angetrichterten Strategien führen, wenn wir sie in jeder Begegnung anwenden. Aber in einem Bünzli-Land, wo Mittelmass das Mass aller Dinge ist, die meisten sich im Mainstream ansiedeln und verkriechen und spiessige Miefigkeit vorherrscht (was jedoch selten zugegeben wird), tummeln sich solche geistig unmündigen Führungskräfte wie Sand am Meer. (Die Wortwahl habe ich übrigens einem superguten Text von Benjamin Weiss zur Doppeladler-Affäre entnommen. Wie recht er hat…! Wie recht er hat – leider.)

Bald fahren wir nach Hause und freuen uns bereits auf die Tage hier in Golino im Juli und im August. Morgen arbeite ich bis 12 Uhr, danach treffe ich meine Anwältin, um die nächsten Schritte zu planen und einzuleiten. Und dann muss ich auch mit meinem Ärzteteam besprechen, wie wir zu vermeiden versuchen können, dass die Verhandlungen bzw. die Begegnungen mit meinem ehemaligen Arbeitgeber, der Schulleitung der Wirtschaftsschule KV Winterthur, einen erneuten Krankheitsschub auslösen. Das Potential ist nicht nur vorhanden, es ist gross. Und Papageien ertragen keine Anschuldigungen…! (Achtung: Doppelironie.)

– – –

(Hier unten noch zwei Fotos aus dem Jahr 2016 von Wunden, die ich auf der Haut, hier an den Beinen, hatte. Sie sehen ähnlich aus; es handelte sich jedoch um zwei verschiedene Wunden, die krankheitsbedingt entstanden und nicht, weil ich mich verletzt hätte. Überdies habe ich sie nicht nur auf der Haut, sondern, wie bereits mehrfach erwähnt, auch im Körperinnern, oft im Mund- und Rachenraum und in Organen, die einen Hohlraum haben und mit einer Schleimhaut ausgekleidet sind. Lustig ist das nicht…)

 

 

 

 

 

 

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